Kapitel 15 Das magische Schloss

– Ein Netzwerk aus Worten ist ein großer Wald,
indem sich die Phantasie herumtreibt. –

Shankara indischer Philosoph

Wir waren tatsächlich in der Welt der Menschen. Ich konnte es kaum fassen. Wir standen sogar vor dem magischen Schloss. Es sah ganz anders aus, als ich es mir vorgestellt hatte. Das Anwesen zwar war riesig, aber es war silbern und nicht golden. Andererseits konnte man das auch nicht so genau sagen. Vielleicht war es auch etwas dazwischen.
Das magische Schloss war jedenfalls zur Hälfte dunkel wie die Nacht und zur anderen Hälfte hell wie der Tag getaucht. Das hatte Antonia ja schon angedeutet. Überall auf dem Gebäude schimmerten winzige Regenbögen. Das sah ziemlich irre aus. Dahinter schien jegliches Wet-ter zu wüten, dass ich kannte. Es regnete, es schneite, die Sonne schien, es war stürmisch und es hagelte und blitzte sogar. In diesem bunten Mix wirkte das ziemlich verwir-rend.
Von unseren Standpunkt aus bekamen wir nichts von dem ganzen seltsamen Wetter mit. Uns schien nur die Sonne ins Gesicht und es war angenehm warm. Auf der dunklen Seite des Anwesens funkelten die Sterne, wäh-rend auf der hellen Seite die Sonne schien.
Das gesamte verwinkelte Schloss mit allen Türmen und Erkern war von einer leichten Schicht silbrig schim-mernden Feenstaub umgeben. Es sah wirklich sehr beeindruckend aus.
Als wir aus dem Zug stiegen, sahen wir zum ersten Mal die Frau, welche die ganze Fahrt über durch die Lautsprecher zu uns gesprochen hatte. Sie war vermutlich etwa zweihundert Jahre alt, wirkte aber als wäre sie höchstens vierzig. Ihr Haar war von einem so langen, glänzenden kastanienbraun, wie ich es noch nie gesehen hatte. Es reichte ihr fast bis zu den Füßen. Das musste doch unglaublich schwer sein. Es sei denn, es war ver-zaubert. Sie hatte hellgrüne Augen. Wirklich sehr hellgrüne Augen. Es sah ein bisschen unheimlich aus. Sie trug ein dunkelblaues langes Seidenkleid. Der Rock fiel sehr weit und war mit leuchtenden Sternen verziert. Sie war nicht wirklich schlank, aber auch nicht wirklich dick. Sie sah einfach umwerfend schön aus.
Wir erfuhren, dass sie Sena hieß und die Lehrerin von uns und von Zaall werden würde. Da war ich schon gespannt auf den Unterricht bei ihr. Sie wirkte nicht wirklich wie eine Lehrerin.
Sena sah das Anwesen an und seufzte: „Endlich zu Hause.“
Plötzlich erschien wie aus dem nichts eine Brücke über dem Graben, die zum Gebäude führte. Ich hatte mich schon gefragt, wie wir zum dorthin kommen sollten, aber das hatte sich ja jetzt erledigt. Automatisch ging das Tor auf und ein roter Schimmer kam heraus. Wir gingen über die Brücke.
„Willkommen Sena! Willkommen ihr neuen Schüler! Die Eröffnungsfeier beginnt um vierundzwanzig Uhr, also um Mitternacht. Der Unterricht übermorgen früh um sieben Uhr dreißig. Eure Stundenpläne erhaltet ihr, wenn ihr das Schloss betretet, genau wie einen Plan der Schule, auf dem eure Zimmer oder Suiten gekennzeichnet sind, sowie die Klassen für die ersten Unterrichtsstunden.
Die Rektorin Carlina Meisold bittet dich, Sena, und auch Neal Torrn und Mia Mildren zu einer Besprechung im Kaminzimmer im zweiten Stock. Ihre Schüler aus Landford bittet sie in zwei Stunden zum Kennenlernen zu ihr zu kommen. Alles weitere erfahren Sie bei der Eröffnungsfeier.“
Die Stimme verstummte wieder und ich drängte mich mit Leinar zu Sena durch.
„Ihr seid Neal und Mia?“, fragte sie, obwohl sie doch schon wissen musste, dass Leinar Neal war.
„Ja“, antwortete Leinar.
„Gut, dann kommt mit mir.“
Sobald wir das Schloss betreten hatten, verstreuten sich die Schüler in alle Richtungen.
„Wissen Sie, wieso die Rektorin gerade uns sprechen will?“, fragte ich Sena.
„Nein, aber das werdet ihr wohl bald erfahren.“ Und so führte sie uns in den zweiten Stock ins Kaminzimmer.
Als eben mein Nachname benutzt worden war, war das sehr ungewohnt für mich gewesen. Ich hatte ihn sonst fast nie gebraucht.
Im Kaminzimmer befand sich nicht nur ein Kamin sondern, gleich vier. Für jede Wand einen. In dem fensterlosen Raum war es kuschelig warm. Viele rote Sofas standen wahllos im Raum herum. Wir setzten uns auf das, welches dem Kamin gegenüber der Tür zugewandt war.
Lady Meisold beehrte uns noch nicht mit ihrer Anwe-senheit. Lange ließ sie aber nicht auf sich warten. Sie er-schien einfach wie von selbst im Raum, ohne durch eine Tür zu gehen.
Lange Haare waren bei den Lehrerinnen wohl In. Lady Meisolds waren zwar nicht ganz so lang wie die von Sena, aber sie reichten ihr immerhin bis zu den Kniekehlen. Die Farbe ihrer Haare war pechschwarz, ihre Augen so dunkel, dass sie mich entfernt an Leinars Au-gen erinnerten. Ihre Figur wirkte irgendwie unförmig. Manche Stellen wirkten sehr schlank und manche wie ihre Hände eher dick. Als wäre ein Zauber furchtbar schief gegangen. Sie trug ein seidenes traumblaues Kleid.
Zu meiner Überraschung war es Leinar, der plötzlich fragte: „Oma?“, und Lady Meisold verwirrt ansah.
Die Rektorin lächelte ihn freundlich an und wirkte ziemlich glücklich. Was war hier bloß los? Wieso hatte Leinar sie Oma genannt? Ich verstand das alles nicht. Wenn er sie wirklich kannte, hätte er sie dann nicht schon am Namen erkennen müssen?
„Neal, mein Lieber! Ich wusste schon immer, dass du was Besonderes bist, aber ich konnte ja nicht ahnen wie besonders.“ Lady Meisold strahlte, als hätte sie gerade das tollste Geburtstagsgeschenk ihres Lebens erhalten.
„Aber …ich dachte, du seist tot“, stammelte Leinar, offenbar mehr als nur verwirrt.
„Alles nur Tarnung“, winkte Leinars Großmutter lässig ab, als sei es ganz normal seinen eigenen Tot vorzu-täuschen. „Wie du siehst, bin ich quicklebendig.“
Leinar schüttelte ungläubig den Kopf. „Ich verstehe das alles nicht.“
„Ich werde dir alles mal in Ruhe erklären“, versprach Lady Meisold ihm. „Heute ist dazu keine Zeit. Wir haben wichtigere Dinge zu besprechen. Wie ich sehe, hast du deine Tante bereits kennen gelernt?“
Sie wandte sich, ohne auf eine Antwort zu warten, Sena zu.
„Tante?“, murmelte Leinar verständnislos.
„Sena, meine Liebe, was gibt es neues in unserer Welt?“, fragte Lady Meisold Sena. Leinars Gemurmel beachtete sie gar nicht.
„Das kann warten“, entschied Sena. „Wolltest du Neal nur erzählen, dass du lebst oder sind die Zwei noch aus einem anderen Grund hier?“ Zum Teil hatte Sena also doch gewusst, wieso wir oder zumindest Leinar Lady Meisold treffen sollten.
„Ach ja richtig …“, seufzte Lady Meisold. „Also gut. Wo fangen wir am besten an?“ Sie musterte uns einge-hend und entschied dann: „Kommen wir erst mal zu euch beiden. Habt ihr schon mal was von Seelenmagie ge-hört?“
„Ein wenig. Es soll eine uralte Magie sein, die zwei Feen miteinander verbindet“, beantwortete Leinar die Frage.
„Das stimmt“, nickte Lady Meisold nachdenklich, fast schon träumend. „Seelenmagie ist sehr selten. Zum letz-ten Mal kam sie vor vielen, vielen Jahrhunderten vor. Die Pärchen, die mit Seelenmagie verbunden sind, nennt man Seelengefährten oder Seelenliebende. Ihre eigene Magie plus die Seelenmagie ist stärker und reiner als alle ande-ren Formen der Magie. Seelengefährten oder Seelenliebende sind mit die mächtigsten Magier überhaupt.“
„Wer waren denn die letzten Seelengefährten?“, wollte Leinar wissen.
„Deine Urgroßeltern und meine Eltern. Mathilda und Steffen. Die beiden haben großartiges geleistet. Besonders meine Mutter. Sie hat damals Frieden ins Land gebracht, indem sie ihren Vater, der sie nie anerkannte, tötete. Vielleicht lag das nicht unbedingt daran, dass mein eigener Vater ihr Seelenliebender war, aber sie hat trotzdem den Frieden gebracht“, antwortete Lady Meisold stolz.
Die Namen kamen mir vage bekannt vor. In Geschich-te war ich schon immer recht gut gewesen. Soweit ich mich erinnern konnte, gab es mal ein Königspaar, dass Mathilda und Steffen hieß. War Leinar dann wohl ein Prinz und wusste er das?
Dennoch fragte ich: „Wieso erzählen Sie uns das eigentlich?“
Wobei ich eigentlich mich meinte, denn es ging doch schließlich um Leinars Verwandtschaft. Was hatte das mit mir zu tun?
„Unter anderem dadurch, dass ich ein Kind von Seelenliebenden bin, spüre ich andere Seelengefährten. Bis vor kurzem habe ich es nie gespürt, aber seit ihr in den Zug gestiegen seid, spüre ich die Seelenmagie stärker denn je. Natürlich ist es schwer zu bestimmen, wer die betroffenen Seelengefährten sind, aber oft wird so etwas weiter vererbt. Deswegen war mir schnell klar, Neal, dass in dir Seelenmagie stecken muss. Als ich das wusste, spürte ich dein enges Verhältnis zu Mia nach so kurzer Zeit. Dabei hast du dich eigentlich immer eher vor ande-ren in deinem Alter zurückgezogen. Mia ist deine Seelengefährtin, Neal. Da bin ich mir absolut sicher.“
Leinar wurde schlagartig still. Er hatte gerade erst er-fahren, dass seine totgeglaubte Oma lebte und er eine Tante hatte, und jetzt auch noch das. Dass so etwas Mächtiges uns betraf, konnte selbst ich kaum glauben. Wie schwer musste es dann Leinar fallen? Das war einfach zu viel für ihn, für uns beide.
„Wir sollen diese super magischen Seelengefährten sein und gar keine andere Chance haben, als uns ineinan-der zu verlieben?“, fragte Leinar skeptisch und sehr ver-bittert.
Mir gefiel das auch nicht. Wenn ich mich wirklich verlieben sollte dann, weil ich das wollte, und nicht aus irgendeiner Kraft und einer magischen Bestimmung, wo wir gar nichts für konnten.
„Nein, so ist es nicht ganz“, wiedersprach Lady Meisold ihm. „Es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen Seelengefährten und Seelenliebenden. Seelen-gefährten sind so was wie beste Freunde, die sich voneinander nicht trennen können. Sie können einfach nicht ohne einander leben. Sie lieben sich aber nicht. Wenn sie sich aber doch ineinander verlieben, sind sie Seelenliebende. Das heißt: Wer mit Seelenmagie verbunden ist, kann sich ineinander verlieben, muss aber nicht. Seelenmagie ist vielseitig und entsteht nicht immer nur aus Magie. Manchmal ist es auch einfach Schicksal.“
„Und was heißt das jetzt für uns?“, wollte Leinar wissen.
„Das, was euch verbindet, ist etwas Besonderes. Egal ob ihr Seelengefährten oder Seelenliebende seid: Ihr solltet die Seelenmagie ernst nehmen und nicht schmälern. Ihr werdet mehr Unterricht haben, als die anderen, da ihr im Notfall eine größere Aufgabe haben werdet als sie. Auf euren Schultern lastet auch viel mehr als auf den der anderen, weil ihr als die sogenannten Erlöser bezeichnet werdet. Momentan herrscht zwar Frieden, aber das muss nicht so bleiben. Wenn der Krieg erneut beginnen sollte, werdet ihr an der vordersten Front kämpfen und uns den Sieg bringen. So wird es seit Jahrtausenden prophezeit. In dem Fall meiner Mutter ist die Prophezeiung eingetroffen, auch wenn sie da noch nicht direkt mit ihrem Seelengefährten verbunden war, hat sie gespürt, dass sie zu ihm gehört. Wie gesagt: Eure Seelenmagie ist stärker als irgendeine Magie sonst und sie macht auch eure eigenen Fähigkeiten stärker. Aber seid vorsichtig. Sagt niemanden was davon. Ihr seid begehrt und es wird oft Jagd auf euresgleichen gemacht. Behaltet es so gut wie es geht für euch. Das ist mein Rat an euch.“
Das hieß also so viel wie: Wir mussten mehr lernen als alle anderen, weil wir eines Tages die Welt retten sollten. Klang doch sehr vielversprechend. Vermutlich würden wir eines Tages auch noch in Geschichtsbüchern auftauchen.
„Bei euch beiden liegt noch ein besonderer Fall von Seelenmagie vor. So etwas gab es bisher in unserer gan-zen Geschichte noch nie“, berichtete Lady Meisold weiter und dann wandte sie sich plötzlich an mich. „Du bist bei Pflegeeltern großgeworden, richtig?“
Was? Was sollte das denn jetzt?
„Nein, sie sind meine richtigen Eltern“, korrigierte ich sie voller Überzeugung.
„Das zumindest solltest du glauben, weil es sicherer für dich war. In Wahrheit sind deine Eltern Königin Linnie und König Lunar von Raubit. Sie leben versteckt hier in der Menschenwelt solange Frieden herrscht.“
„Was?“ Jetzt wollte Lady Meisold mich wohl auf den Arm nehmen. Meine Eltern waren gewiss keine Könige. „Nein, Sie irren sich.“
„Nein, bestimmt nicht. Zur gleichen Zeit als meine Eltern Seelenliebende waren, geschah etwas sehr, sehr seltenes. Es gab ein Paar, das nicht direkt mit Seelenmagie verbunden war, aber es kam dem sehr nahe. Es fehlte nicht mehr viel und sie wären es gewesen. Die Rede ist von Corentin und Lilien, die mit der Zeit zu den Sternen gingen. Niemand weiß, was aus ihnen geworden ist. Jedenfalls bekamen Corentin und Lilien, bevor sie zu den Sternen gingen, drei Kinder und zogen sie groß. Ihr ältes-ter Sohn heißt Renn und er heiratete Isanna, eine Fee. Renn und Isanna sind deine Großeltern, Mia. Also bist du, Neal, mehr oder weniger aus einer Verbindung durch Seelenmagie entstanden und du Mia, entstammst einer Verbindung, die Seelenmagie sehr, sehr nahe kommt. Da ist es nur naheliegend, dass ihr beide durch Seelenmagie verbunden seid.“
So unsinnig es auch war, ich wollte das einfach nicht glauben. Deswegen beharrte ich immer noch beinahe verzweifelt. „Nein, nein. Meine Eltern sind Jonael und Luciana. Einfache Feen aus Raubit.“
Zu meiner Überraschung war es Leinar, der neben mir saß, und beruhigend meine Hand nahm. Er flüsterte mir zu: „Das ist dein Geheimnis, das, was du nicht wusstest. Deswegen bist du hier.“
Die meiste Zeit war er still gewesen und hatte nur hin und wieder Fragen gestellt, aber jetzt schien wieder Le-ben in ihn zu kommen und er versprach mir: „Wir stehen das gemeinsam durch.“
„Das ist sicher viel worüber ihr nachdenken müsst. Als Seelengefährten werdet ihr nicht gemeinsam mit euren Mitschülern zusammen wohnen, sondern zu zweit in einer Suite. Du solltest auch die Sache mit deinen Eltern lieber nicht erwähnen, Mia. Dieses Geheimnis wurde lange bewahrt, weil das Wissen darum sehr gefährlich ist. Ihr seid sehr kostbar und wie gesagt, könntet ihr allein wegen eurer magischen Stärke gejagt werden. Also seid vorsichtig. Ihr solltet euch jetzt auf eure Zimmer begeben und euch für die Eröffnungsfeier erholen und zu Recht machen. Sena wird euch den Weg zeigen, weil ihr noch keine Schlosspläne habt.“
Die Vorstellung mit Leinar in einer Suite ganz alleine zu wohnen, machte mich nervös. Wie sollten wir das den anderen nur erklären?

Über Corly
Ich bin Bücherverliebt, Serienverrückt, eine Filmeliebhaberin, eine Geschichtenschreiberin, eine Patentante, eine Schwester, eine Cousine, eine Tochter, eine Tante, Blogschreiberin, Forengängerin, eine Kleindorfbewohnerin, eine Hobbyfotografierin, eine Buchsammlerin und eine Schwägerin in einer Person. :-)

Ich freu mich über jeden Zauberkommentar von euch.

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