Kapitel 19 Die Eröffnungsfeier

„Freud, wer ist das?“
„Ein Passagier?“

Filmzitat aus „Titanic“

Wir schliefen einige Zeit lang. Gegen zweiundzwanzig Uhr stand ich wieder auf. Leinar lag immer noch friedlich schlummernd im Bett. Also duschte ich in dem schicken Bad mit den grünen Wänden und dem grünen Boden. Es wirkte, als stände man auf einer Wiese. Das Bad hatte sogar eine Badewanne.
Die heiße Dusche tat mir jedenfalls sehr gut. Danach nahm ich ein weißes Badehandtuch und kuschelte mich darin ein. Das Handtuch war schön lang und verdeckte fast meinen ganzen Körper. So traute ich mich zu Leinar ins Schlafzimmer. Da er immer noch schlief, zog ich meine Unterwäsche über und probierte das Kleid an. Es saß perfekt. Ich verliebte mich sofort darin. Obwohl ich mich fragte, wie ich bloß darin sitzen sollte. Der Ster-nenrock war verdammt weit. Gut, dass eine Art Unter-rock das Kleid zierte, sonst wäre es ziemlich freizügig.
Leinar regte sich im Bett. Mit seinen verwuschelten schwarzen Haaren sah er ziemlich süß aus. Als er mich erblickte, pfiff er durch die Zähne und rief aus: „Ich wusste, dass es dir steht. Nur mit deinen Haaren musst du noch irgendwas anstellen.“
„Ich hatte gehofft, du übernimmst das für mich“, bat ich ihn verlegen.
„Gern.“ Er stand ziemlich schnell auf und stand plötzlich sehr nah vor mir, dass ich es erst wahrnahm, als er schon mein Haar berührte. Mit seinen Gedanken stylte er mein Haar und so hatte es bisher noch nie ausgesehen. Mein rotes Haar leuchtete und glänzte richtig. Er hatte es hochstecken lassen mit tausend winzigen geflochtenen Zöpfen. Ein paar vereinzelte Strähnen hingen in Wellen an den Seiten herunter. Es sah richtig kunstvoll aus. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ein Friseur das so gut hinbekommen hätte.
„Wow! Das sieht ja echt fantastisch aus. Danke.“ Ich umarmte ihn stürmisch, was mit der Weite meines Rockes etwas umständlich war.
„Gern geschehen.“ Er strahlte und wurde leicht rot. „Ich geh jetzt lieber duschen.“ Dann flitzte er fast flucht-artig aus dem Raum.
Ich grinste in mich hinein. Selbst Leinar konnte also verlegen werden. Gut zu wissen. Ich schminkte mich im Stehen und versuchte mich dann vorsichtig auf das Sofa zu setzen.
Seltsamerweise verformte sich das Kleid und passte sich dem Sofa an. Es war richtig bequem. Ich lehnte mich zurück und schaltete den Fernseher an. Meine Haut schimmerte noch immer im Sternenmuster.
Als Leinar das Zimmer betrat, musste ich ihn einfach anstarren. Er sah toll aus und vor allem wahnsinnig schick. Er trug eine feine, etwas weiter geschnittene wei-ße Hose und ein lila Hemd. Das Hemd hatte exakt die Farbe meines Kleides. Außerdem sah ich ihn zum ersten Mal in Schuhen. Die waren ebenfalls sehr edel und schwarz. Seine dunklen Augen funkelten mich wissend an und ich bildete mir ein winzige Sterne darin zu sehen.
„Du darfst deinen Mund ruhig wieder schließen“, bemerkte er schmunzelnd. Ich hatte gar nicht bemerkt, dass ich ihn aufgemacht hatte.
Statt ihn mit ewig vielen Komplimenten zu überhäu-fen, war das erste was mir einfiel: „Du trägst Schuhe.“
„Ja, welch eine Seltenheit, nicht wahr? Aber ich dach-te mir, dass heute wohl viele Feen Schuhe tragen würden und ich mich lieber schon mal dran gewöhnen sollte.“
„Stimmt, wenn du außerhalb des Schlosses bist be-stimmt, aber das hier ist ein Ort der Magie. Hier dürfen wir weiterhin wir selbst sein.“
Ich hatte befürchtet, dass wir hier gar nicht mehr zau-bern dürften, aber immerhin blieb uns noch die Schule.
Als wir uns dann auf den Weg zur Eröffnungsfeier machten, war unser Turm plötzlich voller Leben. In jedem Stockwerk gab es zwei Suiten, wobei die neben uns wohl unbewohnt war. Es gab zurzeit kein weiteres Paar von Seelengefährten und das oberste Stockwerk war nur für Seelengefährten reserviert. In jedem Turm wohnten jeweils zwei Lehrer. In der Etage unter uns standen Schilder an den Suiten. Unsere Lehrer waren demnach Sena und Cameron.
Cameron lebte schon zu Zeiten von Lilien und Corentin. Ich hatte ja schon erwähnt, dass er der Vater von Lilien ist. Also lebten in unserem Turm eine Verwandte von Leinar und ein Vorfahre von mir. Verrückte Sache.

Um zum großen Ballsaal ins Hauptgebäude des Schlosses zu gelangen, mussten wir erst mal die ganzen Stufen wieder abwärts gehen. Ich hatte weiße feinere Schuhe mit hohen Absätzen an und zog sie oben aus und unten wieder an. Ich hatte keine Lust mit den Dingern die Treppen runter zu laufen. Leinar enthielt sich jegli-chen Kommentar, wofür ich ihm dankbar war.
Es dauerte bestimmt etwa zehn Minuten bis wir uns durch die vielen Gänge, die labyrinthisch wirkten, schlängelten. Dann mussten wir noch hinauf ins erste Stockwerk zum großen Ballsaal. Wir öffneten die große Tür und traten ein.
Zuerst bemerkte ich die kunterbunte Mischung der Leute im Saal. Sie hatten sich in allen möglichen Farben gekleidet. Man konnte kaum unterscheiden wer Schüler und wer Lehrer war. Es lief leise Elfenmusik im Hinter-grund und durch die verschiedenen Stimmen und die vielen Gespräche war es ziemlich laut im Saal.
Der Ballsaal war golden mit einer riesigen Fensterfront auf der einen Seite. Die erinnerte mich irgendwie ein wenig an die in unserer Suite. Trotz des Nachthimmels schien irgendwie die Sonne durch die Fenster, sodass der goldene Raum noch heller wirkte. Unter der Decke hingen schwebende funkelnde Sterne. Ich fragte mich schon länger, ob Sterne hier wohl eine besondere Bedeutung hatten. Überall fand ich sie wieder.
„Ich möchte mich noch mal mit meiner Großmutter unterhalten“, erklärte mir Leinar nun.
Ich bezweifelte, dass sie jetzt Zeit für ihn haben wür-de, aber er konnte es zumindest versuchen. Also entgegnete ich: „Und ich möchte Sophann und Emma finden und sie fragen, wie es ihnen ergangen ist.“
Also trennten wir uns für eine Weile voneinander.

Auf der Suche nach Sophann und Emma sah ich viele Leute. Ich drängelte mich durch die Menge. Auf einmal sprach mich ein älterer Herr an, der etwa um die fünfzig sein könnte, aber bestimmt viel älter war. Er hatte die strahlensten blauen Augen, die ich je gesehen hatte und kurzes helles Haar, das langsam in grau über ging. Seine Gesichtszüge waren fein und weich und er war groß, muskulös und schlank. Er trug ein weißes schlichtes Hemd zu einer schwarzen Jeans und keine Schuhe. Ich hatte extra noch mal nachgeguckt.
„Sie müssen Mia sein“, stellte er fest und begutachtete mich ausgiebig.
„Woher wissen Sie das? Es sind doch so viele neue Schüler hier“, wunderte ich mich.
„Ja schon, aber Sie erinnern mich ganz stark an Lilien. Ihre Haarfarbe ist zwar anders, aber vom Gesicht her sehen Sie fast aus wie sie.“
„Sie sind Fürst Cameron“, bemerkte ich. Er konnte zwar durchaus auch Fürst Tiljan sein, aber das glaubte ich eigentlich eher nicht. Ich konnte einfach nicht glauben, dass so eine Legende wie er vor mir stand und mit mir redete.
„Allerdings, der bin ich. Aber ich habe den Titel Fürst vor langer Zeit abgelegt und nenne mich jetzt nur noch Cam“, antwortete er lächelnd.
„Wow! Ich meine, ich hab einiges über Sie gelesen und kann kaum glauben, dass Sie nun vor mir stehen“, gestand ich ihm verlegen.
„Das wird wohl demnächst öfter passieren, wenn ich Sie in Geschichte und magischer Magie unterrichte“, erklärte er hell lachend. „Aber keine Sorge. Es passiert mir häufig, dass die Leute mich als Legende betrachten.“
„Ich interessiere mich sehr für Geschichte und wie ich hörte, sind wir um ein paar Ecken mit einander verwandt“, erzählte ich ihm.
„Ja, das hab ich auch gehört.“ Cam zeigte ein leichtes Grinsen. „Vielleicht kann ich Ihnen ja Privatunterricht in Geschichte geben.“
„Das würden Sie tun?“, fragte ich überrascht. „Ich würde so gern mehr über ihre Tochter erfahren.“
„Klar, wieso nicht? Ich werde es mit in Ihren Stun-denplan packen. Der wird dann allerdings noch voller als sowieso schon.“
„Das macht nichts. Ein paar Stunden mehr oder weniger machen mir nichts aus.“
„Dann freu ich mich auf unseren Unterricht. Übrigens sollten wir uns schon mal an das DU gewöhnen. In der Regel duzen sich hier alle ab der ersten Unterrichtsstunde. Spätestens. Jetzt lasse ich dich mal wieder in Ruhe. Sicher willst du deine Freunde sehen. Auf Widersehen und bis bald, Mia.“
Er reichte mir die Hand, ich nahm sie und drückte sie kurz. Ich hörte mich „Auf Wiedersehen“ sagen.
Er verschwand wieder in der Menge. Ich konnte im-mer noch nicht glauben, dass ich mit Fürst Cameron – Cam – gesprochen hatte. Das war ungefähr so, als hätte ein Mensch mit Martin Luther gesprochen oder anderen Persönlichkeiten, die vor langer Zeit gelebt hatten. Wie Jeanne d´Arc, Julius Caesar oder den Sonnenkönig zum Beispiel. Ich hatte mich ein wenig mit menschlicher Ge-schichte befasst. Auch mit Pompeii oder der Pest. Ich fand so was faszinierend. Genau wie unsere Geschichte.
Übrigens war ich irgendwann im menschlichen Inter-net über die Asterix und Obelix Reihe gestolpert und liebe sie einfach nur.
Als mich schließlich Jemand anrempelte, löste ich mich aus meiner Starre und machte mich weiter auf die Suche nach Sophann und Emma.

Über Corly
Ich bin Bücherverliebt, Serienverrückt, eine Filmeliebhaberin, eine Geschichtenschreiberin, eine Patentante, eine Schwester, eine Cousine, eine Tochter, eine Tante, Blogschreiberin, Forengängerin, eine Kleindorfbewohnerin, eine Hobbyfotografierin, eine Buchsammlerin und eine Schwägerin in einer Person. :-)

Ich freu mich über jeden Zauberkommentar von euch.

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