Kapitel 25 Blutsmagie

– Was man tief in seinem Herzen besitzt,
kann man durch den Tod nicht verlieren.

Nachruf

Als ich aufwachte, schlief Leinar noch. Das Frühstück hatten wir schon verpasst und bis zum Mittagessen waren es noch zwei Stunden. Also ließ ich ihn schlafen. In meinem roten kuscheligen Schlafanzug ging ich ins Wohnzimmer und sah mir meinen Stundenplan an. Er lag auf dem Wohnzimmertisch. Wir hatten ihn wohl bekommen, während wir auf dem Fest waren. Wir hatten magische Stunden und nichtmagische. Ein nichtmagisches Fach hieß allen Ernstes „Film und Fernsehen“. Als Erklärung stand darunter, dass wir uns Filme und Serien aus allen möglichen Epochen ansehen würden. Von Sissi bis Thor zu Der Herr der Ringe, Hitler, Glee, Once upon a time und jede Menge andere Filmgenres. Vermutlich würde uns nichts erspart bleiben. Andererseits mochte ich Filme und Serien sehr.
Montags und mittwochs hatte ich Unterricht bei Cameron, dienstags und donnerstags bei Sena und freitags bei Morley. Dienstags und donnerstags hatte ich zusätzlich noch meinen Extraunterricht. Samstags war frei, doch da mussten Leinar und ich zu Lady Meisold wegen der Seelenmagie und es fand jeden Samstag ein Gottesdienst statt. Der wohl in der Menschenwelt bei vielen Menschen üblich war. Das hatte ich zumindest gehört.
Wir sollten uns hier in der Schule schon mal an die Sitten der Menschenwelt gewöhnen.
Ich verglich meinen Stundenplan mit Leinars und stellte fest, dass ich die meisten Stunden mit ihm zusam-men hatte.
Dann legte ich die Stundenpläne wieder zur Seite und testete mit einer Fernbedienung den zweiten Bildschirm im Wohnraum. Es war eine Art Computer, der auf Sprachbefehle hörte. Also kein zweiter Fernseher.
Eine halbe Stunde vor dem Mittagessen zog ich eine schwarze Jeans und ein rotes Top an. Egal was für Wetter wir hatten, im Schloss war es immer warm. Als ich fertig war, setzte ich mich zu Leinar aufs Bett und weckte ihn mit einem sanften Kuss auf seine Wange.
„Hm, hm“, murmelte er, wollte aber nicht richtig auf-wachen. Also kitzelte ich ihn stattdessen aus. Leinar wurde so ganz schnell wach, packte mich und zog mich zu sich herunter.
„Hey, weckst du mich jeden Morgen so?“, fragte er hoffnungsvoll.
„Mal sehen.“ Lächelnd schüttelte ich mit dem Kopf. „Jetzt solltest du jedenfalls aufstehen. Sonst gibt es kein Mittagessen für dich.“
„Ich würde aber viel lieber mit dir hier liegen bleiben“, schmollte er.
Das klang verführerisch, aber ich blieb hart. „Oh nein. Ich hab durchaus Hunger und werde auf jeden Fall was essen gehen.“
„Na gut“, gab Leinar seufzend nach. Er drückte mir einen flüchtigen, zarten Kuss auf den Mund und verließ den Raum.

Der Speisesaal im Turm Cassalda befand sich im ers-ten Erdgeschoss. Vierertische standen im Raum verteilt.
In unserem Turm lebten etwa zwanzig Schüler und in den anderen etwa dreißig bis vierzig.
Leinar trug ein weißes Hemd, eine blaue Cordhose und er ging mal wieder barfuß. Die Schuhe hatten ihm wohl nicht so gefallen.
Wir saßen im Speisesaal gegenüber von Zac und Leonie aus Tindemu.
Zac hatte kurze braune Haare und ein liebevolles Gesicht. Er wirkte von der Statur her sehr sportlich.
Leonie hatte rotblonde schulterlange Haare und dunkle Augen. Ihr Gesicht wirkte zierlich und ihre Statur ebenfalls sportlich.
Jedenfalls war ich noch nie in Tindemu, aber Zac erzählte uns, dass die Feen dort viel im Freien waren, und in den Tälern befanden sich überall kleine Seen oder Wasserfälle. Sie wohnten mehr in Baumhäusern, die durch Magie gegen das Wetter geschützt waren. Tindemu war etwas kleiner als Raubit, aber dennoch gab es dort eine Einkaufsstraße. Nur durfte man sich diese Einkaufs-straße nicht so vorstellen, wie die in den Großstädten, wo Geschäft um Geschäft sich aneinanderreihte. Mehr wie auf Flohmärkten mit Ständen im Freien.
Tindemu lag am Meer und die Suiten der beiden im vierten Stock waren zum größten Teil aus Naturholz gemacht. Die Tindemuer ernährten sich fast nur von gesunden Sachen wie Obst und Gemüse, während wir aus Raubit so gut wie alles aßen.
Zac war das dritte Jahr hier im magischen Schloss und Leonie das Zweite. Sie waren Geschwister. Eigentlich war es eher selten, dass Geschwister zusammen in die magische Schule kamen, aber ich kannte jetzt schon ein paar, die hier waren. Vielleicht war es gerade neue Mode. In dem Jahr, wo Leonie hierher kam, waren sie wohl auch die Einzigen gewesen und deswegen etwas Besonderes. Nun waren sie in unserem Turm untergebracht.
Wenn Geschwister zusammen Magie bewirkten, waren sie stärker und darin sollten die beiden besonders geschult werden. Zacs Feenname war Zaciras und Leo-nies Leania.
Das Mittagessen dauerte gar nicht lange, aber wir wussten danach schon ziemlich viel aus dem Leben der beiden. Wir mussten gar nicht viel sagen, aber das machte mir nichts. Sie waren mir beide sympathisch.
Wenn Geschwister hier schon etwas Besonderes wa-ren, wie besonders mussten dann Ariella und Antonia sein oder Justin und Sören als Zwillinge? Eigentlich müssten sie doch auch in unserem Turm leben, oder? Na ja, ich war eigentlich ganz froh, dass sie es offenbar nicht taten.
Erst nach dieser Theorie ging mir auf wie stark Renn, Corly und Lim sein mussten, wenn sie zusammen Magie wirkten. Ich hatte vorher nicht gewusst, dass die Magie von Geschwistern so stark war. Zac nannte es Blutsmagie. Es war eine besondere Form von Seelenmagie, nur dass sie häufiger vorkam. Ich fand das unglaublich faszi-nierend, auch wenn ich selbst keine Geschwister hatte.

Als wir den Speisesaal verließen, war Leinar ziemlich still. Fast so, wie am Anfang, als ich ihn kennen lernte. Wir machten uns auf dem Weg zur Bücherei im Haupt-gebäude, um unsere Schulbücher abzuholen. Ich nahm seine Hand und verschränkte meine Finger mit seinen. Er drückte sie.
„Was ist los?“, fragte ich ihn sanft.
„Ich glaube nicht an diese Blutsmagiegeschichte“, erklärte er.
„Wieso nicht?“, fragte ich ihn verwundert. „Seelenmagie gibt es doch auch.“
„Darum geht es auch nicht.“ Leinar dachte kurz nach und entschied dann offenbar mir zu erzählen, was er auf dem Herzen hatte. „Ich habe nicht nur meine Mutter ver-loren, sondern auch meinen Bruder, meinen Zwillings-bruder.“
„Oh Leinar!“ Ich blieb stehen und nahm ihn in den Arm. Er drückte mich an sich. Es war mir egal, dass wir mitten auf dem Gang zum Hauptgebäude standen. Als wir uns voneinander lösten, erzählte er weiter: „Würde es Blut-magie geben, hätte ich doch gewusst, dass etwas nicht mit ihm in Ordnung war und hätte ihn retten können.“
„Oh Leinar!“, wiederholte ich. Wie viel hatte er noch durchmachen müssen, ohne dass ich davon wusste? Sanft streichelte ich seine Wange und nahm dann wieder seine Hand in meine. „Du darfst dir daran nicht die Schuld geben. Du hättest nichts tun können.“
„Aber ich hätte es wissen müssen“, beharrte er.
„Nein, Leinar. Manche Dinge passieren einfach ohne jeden Sinn. Ich weiß nicht, wie er gestorben ist, aber ich bin mir sicher, du hättest es nicht verhindern können. Auch nicht mit eurer Blutsmagie.“ Dann fiel mir plötzlich ein: „Fühlst du dich deswegen so mit Ariella verbunden? Weil sie eine Zwillingsschwester hat?“
„Vermutlich“, gab Leinar zu. „Sie kannte auch Evaniel und ich hab das Gefühl, sie versteht mich.“
„Ich verstehe dich auch, nur anders“, versicherte ich ihm.
„Ich weiß.“ Und dann lächelte er schon wieder leicht.
„Wenn du reden willst, bin ich immer für dich da“, versprach ich ihm.
„Ich weiß“, wiederholte er lächelnd und dann gingen wir weiter.

Über Corly
Ich bin Bücherverliebt, Serienverrückt, eine Filmeliebhaberin, eine Geschichtenschreiberin, eine Patentante, eine Schwester, eine Cousine, eine Tochter, eine Tante, Blogschreiberin, Forengängerin, eine Kleindorfbewohnerin, eine Hobbyfotografierin, eine Buchsammlerin und eine Schwägerin in einer Person. :-)

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