Kapitel 31 Verwirrende Verwandtschaften

– Die Familie ist die älteste aller Gemeinschaften
und die einzige Natürliche.-

Jean-Jaques RoKusseau französischer Schriftsteller

Nach dem Abendessen im Speisesaal zogen wir uns in unsere Suite zurück. Leinar brachte die Anlage im Wohnraum auf der Fensterbank in Gang und wir kuschelten uns eng aneinander auf unser gemütliches Sofa. Er legte seinen Arm um mich und ich genoss seine Wärme. Ich fühlte mich ihm in diesem Moment so nah.
„Also, was wolltest du mich gestern fragen?“, erkun-digte sich Leinar bei mir, während er mir gedankenverloren über meinen linken Arm streichelte.
„Hast du noch mit deiner Oma reden können?“, erkundigte ich mich als erstes bei ihm. Ich konnte es mir nicht so recht vorstellen. Lady Meisold hatte gestern Abend doch bestimmt andere Sorgen gehabt.
„Ja, aber nur kurz.“, antwortete Leinar mir dennoch. „Ich denke sie wird bald Zeit haben für ein richtiges Gespräch. Es musste schwer für ihn sein, dass sie ihren Tot vorgetäuscht hatte. Ob sie sich wohl nahe gestanden hat-ten?
„Was hast du gefühlt, als du erkannt hast, dass deine Oma noch lebt?“, fragte ich nun weiter.
„Keine Ahnung. Ich war verwirrt, aber auch froh. Car-lina war immer meine Lieblingsoma. Die Mutter meines Vaters Jalina war mir immer etwas suspekt.“
„Und der Vater deines Vaters?“ Endlich erfuhr ich mehr über Leinar. Puzzlestücke aus seinem Leben.
„So viele Fragen. Wird das ein Verhör?“, scherzte er, klang aber eher nervös.
„Ich will dich nur besser kennen lernen“, sagte ich. Und das stimmte. Ich wollte alles über ihn wissen. Doch mir war schon klar, dass es einige Zeit brauchen würde, bis er mir nach und nach von allem erzählen würde. Auch wenn er mir mehr sagte, als den anderen und mich mehr an sich heran ließ als sie, würde er dennoch Zeit brauchen sich ganz zu öffnen.
„Na gut. Timian ist früh gestorben. Da war ich noch ganz klein“, erzählte er also weiter.
„Das tut mir Leid.“ Ich drückte seine Hand. Timian war Jalinas Mann. Reimte ich mir zumindest zusammen.
„Ja mir auch. Er soll meinem Vater ziemlich ähnlich gesehen haben. Tja, und Lim… Was soll ich über ihn sa-gen?“ An dieser Stelle klang er sehr traurig. „Ich bin ihm nur ein paar Mal begegnet. Nach Omas angeblichen Tot ist er spurlos verschwunden.“
„Aber er muss hier sein“, erinnerte ich ihn. „Er ist einer der Lehrer.“ Er wurde bei den Ankündigen erwähnt.
„Ja schon, aber ich hab ihn bisher noch nicht gesehen.“
„Das wirst du schon noch. Vielleicht stellt deine Oma ihn dir ja sogar vor“, versuchte ich ihn aufzumuntern. Eigentlich hatte ich keine Ahnung, ob Lim überhaupt Interesse daran hatte. Ich kannte ihn ja gar nicht. Doch Leinar brauchte Hoffnung und die wollte ich ihm geben.
„Möglich“, räumte Leinar ein. Doch er sah nicht sehr überzeugt aus.
„Und, was ist mit deiner Mutter? Sie muss auch hier sein“, lenkte ich ihn von Lim ab.
„Keine Ahnung. Bisher hab ich sie jedenfalls nicht ge-sehen.“ Doch wegen ihr war er ja erst hergekommen. Bestimmt wusste sie, dass er hier war. Sie würde ihn doch besuchen, oder? Sie hatten sich so lange nicht gesehen.
„Weißt du, woher Sophann deine Familiengeschichte kennt?“ Die Frage beschäftigte mich immer noch und Leinar wollte offenbar nicht weiter über seine Mutter reden. Ich wollte ihn auch nicht bedrängen.
Leinar schüttelte grinsend den Kopf. Vermutlich we-gen meiner vielen Fragen. Dann antwortete er: „Na ja. Wer ein bisschen interessiert ist und recherchiert, wird wohl einiges über meine Familie rausfinden, allein im Internet schon. Ich glaub, da wurde sogar unser Stammbaum veröffentlicht.
Aber bei Sophann liegt noch ein besonderer Fall vor. Mein Vater hat zwei Brüder. Eilness und Tizian. Sophann ist die Tochter von Tizian und seiner Frau Anessa.“
„Dann ist sie sozusagen deine Cousine?“, fragte ich über-rascht. Damit hätte ich nun überhaupt nicht gerechnet. Also gehörte Sophann auch irgendwie zur Familie.
„Ja sozusagen, aber vorher hatte ich kaum was mit ihr zu tun. Mein Vater hat viel Kontakt zu Eilness, aber we-nig zu Tizian. Sie haben sich vor Jahren zerstritten. Es ging um Kleinigkeiten. Ein Geschenk wegen meinem und Evaniels Geburtstag. So was in der Art. Mein Vater und Tizian können beide sehr stur sein.“
„Oh!“ Diese Verwandtschaftsverhältnisse stiegen mir langsam zu Kopf. Da stieg ja Niemand mehr durch. Wer war eigentlich nicht mit uns verwandt?
„Ganz schön kompliziert, was?“, fragte Leinar mich, als hätte er meine Gedanken gelesen. Er sah mich schräg von der Seite an. Offenbar war ihm meine Antwort ir-gendwie wichtig.
„Allerdings“, bestätigte ich. „Bei Sophann hörte es sich immer so an, als würde sie dich nur flüchtig kennen.“ Das hatte mich irritiert.
„Tut sie ja auch. Mein Vater und Tizian sehen sich ja kaum. Aber das mit den komplizierten Verwandtschafts-verhältnissen gilt übrigens auch für dich“, erinnerte mich Leinar nun und warf mir einen vielsagenden Blick zu.
„Ja, ich weiß“, seufzte ich.
„Hast du Angst wegen der ersten Begegnung mit dei-nen Eltern?“, fragte Leinar mich. Jetzt drehte er den Spieß wohl um und stellte mir Fragen. Das war nur fair.
„Ich weiß nicht.“ Ich musste ernsthaft darüber nach-denken. „Ich glaube schon. Ich weiß halt nicht, was mich erwartet. Was, wenn sie ganz schrecklich sind?“ Ich hatte wohl wirklich Angst vor der ersten Begegnung mit ihnen.
„Das glaube ich nicht. Meine Oma ist mit ihnen be-freundet und hat ihnen die Krone überlassen. Sie wird schon wissen was sie da getan hat, oder nicht?“, bemerkte Leinar.
„Ja, sie scheint jedenfalls schwer in Ordnung zu sein. Wobei sie ja andererseits auch ihren eigenen Tot vorge-täuscht hat“, stimmte ich ihm mehr oder weniger zu. Auch wenn ich Leinar ungern daran erinnerte.
„Trotzdem … Ich glaub deine Eltern sind auch schwer in Ordnung. Ich hab gehört, Linnie soll wunderschön sein und Lunar ein ziemlich weiches Herz haben. Es soll ihnen schwer gefallen sein dich weg zu geben.“
„Ja, mag ja sein, aber sind sie auch gute Eltern?“ Da-von hatte ich nämlich überhaupt keine Ahnung. Ich kann-te sie ja gar nicht. Ich hatte einfach Angst, dass sie ganz schrecklich waren.
„Das weiß ich auch nicht, aber ich könnte es mir vor-stellen. Linnie soll ihrer Tante Corly sehr ähnlich sein und Lunar soll ein wahrer König sein, heißt es. Ich finde du solltest ihnen eine Chance geben. Das ist mein Rat. Dass ihr euch erst mal kennen lernen müsst, ist klar.“
„Ich werde es versuchen“, versprach ich. Vielleicht hatte Leinar Recht. Vielleicht machte ich mir einfach zu viele Sorgen.
„Aber nur, wenn du sie wirklich kennen lernen willst.
Wenn du dir Zeit lassen willst, ist das auch ok“, machte Leinar mir deutlich. Das war ihm wohl wichtig. Er wollte nicht, dass ich mich bedrängt fühlte.
„Ich weiß, Leinar. Ich werde erst einmal sehen wie sie so sind, mir also ein persönliches Bild machen. Aber ich vermute, dass dann nicht lange geheim bleiben wird, dass ich die Tochter von Königen bin“, gab ich zu Bedenken. Der Gedanke war mir eben erst gekommen.
„Muss es auch nicht“, entgegnete Leinar mir. „Die Hauptsache ist, dass die Sache mit unserer Seelenmagie geheim bleibt. Wer du wirklich bist, wäre vermutlich früher oder später sowieso rausgekommen.“
„Das wird es“, versprach ich ihm. So was würde ich niemals verraten. Ich wusste wie wichtig da war. Ich steckte ja auch nicht allein in dieser Sache drin.
„Ich weiß. Komm her.“ Er zog mich nun endgültig in seine Arme und dann lagen seine Lippen auf meinen und wir küssten uns zärtlich. Mir wurde ganz wohlig warm dabei. Leinar war sehr sanft und das gefiel mir.
„Mach dir keine Gedanken. Es wird sich schon alles fügen“, versuchte er mich zu beruhigen.
„Ich weiß“, nickte ich mit großer Überzeugung. „Denn du bist ja an meiner Seite.“ Das klang vielleicht kitschig, aber es war so.
Meine Bemerkung entlockte ihm ein Lächeln und das allein war es schon wert gewesen. Er lächelte so selten.
„Leinar, glaubst du, du wirst Freunde finden?“, wollte ich besorgt von ihm wissen. Das beschäftigte mich seit wir hier angekommen waren. Er war nicht gerade die kontaktfreudigste Fee.
„Ich hab doch Freunde. Dich und Ariella.“ Das schien ihm zu reichen, denn er klang ziemlich erstaunt. Ganz so meinte ich das aber nicht und das sagte ich ihm auch.
„Ich meinte männliche Freunde. So ähnlich wie junge Bezugspersonen. Du weißt schon … Jemanden, mit dem du wirklich über alles reden kannst. Auch über Dinge, über die du mit mir oder Ariella vielleicht nicht redest oder nicht reden willst.“
„Ich weiß nicht. Vielleicht Zac oder Robin. Heute hab ich mich auch länger mit Robin unterhalten. Aber früher bin ich auch immer ohne Freunde ausgekommen.“
Das wusste ich, aber ich fände es schön, wenn sich das ändern würde.
„Ich weiß, aber es ist doch schön Freunde zu haben. Einsamkeit bekommt Niemanden“, fand ich. Das war zu traurig.
„Ich werde es mal mit Zac und Robin versuchen“, ver-sprach er mir und das reichte mir. Vielleicht klappte es ja. Ehrlich gesagt hätte ich die beiden auch ausgewählt. Sie schienen nett zu sein und mit Leinar auf einer Wellenlänge zu schweben.
„Ich weiß gar nicht, wie du es geschafft hast, dass ich mich so schnell in dich verliebt hab.“ Ich merkte erst, dass ich das laut ausgesprochen hatte, als es schon zu spät war. Leinar schien aber nicht zu stören, was ich gesagt hatte. Im Gegenteil. Er grinste, wenn auch etwas verlegen.
„Frag mich mal“, entgegnete er. „Keine Ahnung was du mit mir anstellst. Ich bin sonst nicht so.“
„Wie, so?“, hakte ich nach. Natürlich konnte ich mir denken, was er meinte.
„Ich rede eigentlich nicht viel und auch nicht so gerne wie mit dir. Schon gar nicht über Persönliches“, erklärte er mir.
„Aber vielleicht hast du gerade das mal gebraucht.“
Er grinste und zog ich zog ihn noch enger an mich.
Den Rest des Abends verbrachten wir zusammen auf dem grauen Sofa. Wir kuschelten miteinander und war-fen uns immer hauchzarte Küsse zu. Ich knabberte mal an seinen Hals oder er an meinem Ohr. Das kitzelte dann und ich lachte. Ich kuschelte mich in seine Arme und allein dieser Moment fühlte sich so wunderbar an. Leinar in meiner Nähe zu haben fühlte sich richtig an.
Erst als uns schon fast die Augen zufielen, standen wir auf, und gingen ins Bett. Es war immer noch seltsam Leinar schlafend neben mir zu haben, aber auch sehr schön.
Morgen war der erste Schultag und ich war schon sehr aufgeregt. Ich wollte dafür fit sein, also versuchte ich wirklich zu schlafen. Dennoch lag ich noch ein wenig wach und dachte an das, was ich erlebt hatte, seit ich in den magischen Zug gestiegen war. Mein Leben hatte sich verändert. Es würde jetzt wohl auf jeden Fall aufregender werden.

Über Corly
Ich bin Bücherverliebt, Serienverrückt, eine Filmeliebhaberin, eine Geschichtenschreiberin, eine Patentante, eine Schwester, eine Cousine, eine Tochter, eine Tante, Blogschreiberin, Forengängerin, eine Kleindorfbewohnerin, eine Hobbyfotografierin, eine Buchsammlerin und eine Schwägerin in einer Person. :-)

4 Responses to Kapitel 31 Verwirrende Verwandtschaften

  1. tarlucy says:

    ….Diese Verwandtschaftsverhältnisse stiegen mir langsam zu Kopf. Da stieg ja Niemand mehr durch. Wer war eigentlich nicht mit uns verwandt?….Auf jeden Fall….ich hab da jetzt auch kein Durchblick…..aber meist klärt sich ja alles während der Geschichte auf.

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    • Corly says:

      Okay, hab mir auch selbst nen Stammbaum gemacht. Meine zwei Vortestleser haben auch erst zwei oder dreimal lesen müssen bis sie durchgestiegen sind, aber sie sagen es geht. Hast du ne E-Mail-Adresse. Vielleicht komm ich bald mal dazu dir nen Stammbaum oder so zu schicken. Könnten aber Spoiler bei sein. Hab ich mit Excel gemacht. Aber die Überschrift sagt ja auch schon alles, oder?

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    • tarlucy says:

      man kann sich hier auch persönliche Nachrichten schicken…aber ich hab noch nicht raus gefunden wie…..

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    • Corly says:

      du meinst so was wie PN. Das hab ich mich auch schon mal gefragt. Aber ich weiß auch nicht wie. Sonst bleibt halt E-Mail.

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Ich freu mich über jeden Zauberkommentar von euch.

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