Kapitel 33 Der erste Schultag

 

– Der Nachteil der Intelligenz besteht darin,
dass man ununterbrochen dazu gezwungen ist,
dazuzulernen. –

George Bernhard Shaw irisch-britischer Dramatiker

Ich wachte früh am nächsten Morgen auf. Zu meiner Überraschung war Leinar schon wach. Er hatte mich wohl im Schlaf beobachtet. Jedenfalls sah ich ihm beim Aufwachen in die mir mittlerweile schon sehr vertrauten dunklen schönen Augen und in das Gesicht, dass ich lieb-te. Die Tiefe meiner Gefühle zu Leinar, obwohl ich ihn doch eigentlich immer noch kaum kannte, erschreckte mich. Aber das war wohl auch Teil der Seelenmagie. Vielleicht lag Lady Meisold ja doch nicht ganz richtig und wir hatten einfach keine andere Wahl gehabt, als uns in einander zu verlieben.
„Guten Morgen, Leinar“, begrüßte ich ihn liebevoll.
„Guten Morgen, Süße. Du weißt, dass du anfangen solltest, mich Neal zu nennen, oder? Heute ist unser erster Schultag und in der Schule bin ich für alle Neal.“
Ich verdrehte die Augen und stöhnte extrem übertrie-ben. „Für mich wirst du immer Leinar bleiben. Du redest schon wie Sophann. Die erinnert mich auch immer daran ihren menschlichen Namen zu benutzten.“
„Sophie“, korrigierte mich Leinar automatisch und grinste dann. „Ich mein ja nur. Für die anderen bin ich jetzt halt Neal.“
„Heute ist Mittwoch. Das bedeutet, wir haben bei Cameron Unterricht. Ich glaube nicht, dass es ihm was ausmacht, wenn ich dich Leinar nenne.“
„Wie du meinst …“, gab Leinar schließlich nach.
„Übrigens beginnt unser Unterricht heute ziemlich früh. Wir sollten also langsam aufstehen.“
„Stimmt, sonst verpassen wir das Frühstück.“
Also standen wir auf und zogen uns an. Ich entschied mich für ein gelbes Top, einen schwarzen Rock und mei-ne schwarzen Ballerina. Leinar trug sein weißes Lang-armshirt und eine Jeans und natürlich keine Schuhe.
Ich grinste schelmisch und musterte ihn. „Wenn wir schon davon reden, uns an die menschlichen Dinge an-passen zu müssen, könnte es dir nicht schaden Schuhe zu tragen.“
Entschieden schüttelte er mit dem Kopf. „Die Dinger sind so was von unbequem.“
„Es sind doch bloß Schuhe, Neal“, seufzte ich und be-tonte seinen menschlichen Namen besonders.
„Na schön, aber nur, wenn du die ganze Schulzeit über Neal zu mir sagst“, bot er mir schließlich an.
„Gut, abgemacht.“ Ich war zufrieden mit mir. Leinar würde sich sowieso an Schuhe gewöhnen müssen und ich mich daran ihn Neal zu nennen. Also war das ein guter Deal.

Im Speisesaal saßen wir zum Frühstück wieder gegen-über von Zac und Leonie. Wäre ich nicht schon in Leinar verliebt, wäre Zac wohl wirklich keine schlechte Wahl. In der Beziehung konnte ich Sophann schon verstehen.
Während Leinar und ich Brötchen mit Käse und Wurst aßen und frisch gepressten Orangensaft tranken, hatten Zac und Leonie nur Gurken, Tomaten, Paprika, Äpfel, Möhren und sowas in der Art vor sich liegen. Tranken taten sie beim Essen eigentlich kaum was.
„Wie könnt ihr davon nur leben?“, wollte Leinar kopf-schüttelnd wissen. Auch ich fand das etwas befremdlich.
„Wir haben einfach andere Bedürfnisse als ihr“, er-klärte Leonie ihm. „Uns reicht das zum Leben. Wir sind es von klein auf gewöhnt und kennen es nicht anders.“
„Verrückt“, kommentierte Leinar trocken.
„Neal, iss einfach. Bis zum Unterricht haben wir nicht mehr viel Zeit“, riet ich ihm liebevoll. Leonie hatte schon leicht genervt gewirkt.
Leinar grinste übers ganze Gesicht. „Du hast mich Neal genannt.“
Ich rollte mit den Augen und entgegnete nur: „Und du trägst Schuhe. So war es abgemacht.“
„Es gefällt mir, wenn du mich Neal nennst“, stellte Leinar fest und klang fast überrascht. Offenbar hatte er nicht damit gerechnet.
„Schön für dich.“ Hoffentlich würden wir dieses The-ma jetzt nicht jeden Tag ausdiskutieren müssen.
Ich bemerkte, wie Zac und Leonie uns amüsierte Blicke zuwarfen.
Als wir mit dem Frühstück fertig waren, war es bereits halb sieben. Leinar und ich gingen noch mal zu unserer Suite, um unsere Schulsachen zu holen. Dann machten wir uns auf den Weg zu unserem Klassenraum. Die ersten zwei Stunden hatten wir Feenkunde. Die Tische waren in Zweiergruppen aufgestellt. Ich saß neben Leinar, Sophann neben Emma, Justin neben Sören und Lily ne-ben Robin.
Cameron kam pünktlich zum Unterrichtsbeginn in die Klasse. Er trug ein weißes Hemd und eine dunkelblaue Hose und wirkte leicht angespannt. Ziemlich schnell schrieb er seinen Namen auf die Tafel und begann mit dem Unterricht. Er hatte eine schöne verschnörkelte Handschrift. Die Buchstaben wirkten fast wie kleine Ma-lereien aus Sternen.
Er stellte uns zunächst eine allgemeine Frage zum Thema Feen, um unser Vorwissen zu testen.
„Was wisst ihr über Feen und was verbindet ihr mit Feen?“
Wir beantworteten seine Frage. Robin sagte zum Bei-spiel, dass Feen leuchten können und klein werden können, in der Regel aber normal groß sind. Justin erwähnte, dass jede Fee andere magische Fähigkeiten hatte. Cameron schrieb dann Begriffe wie Klein, Leuchten oder Ma-gische Fähigkeiten an die Tafel und verband die Begriffe miteinander.
„Was noch?“, fragte Cameron und ließ seinen Blick über seine Schüler schweifen. Wir waren nur acht Leute. Da ging das relativ schnell. Alle Bewohner aus Raubit, die mit dem magischen Zug hierhergekommen waren, wurden in eine Klasse gesteckt.
Robin rief dann: „Eine Fee soll den Lebenssee ent-deckt haben.“
Cameron schrieb den Begriff Lebenssee an die Tafel und nickte eifrig. An uns gewandt erklärte er: „Ah, der Lebenssee! Ich denke die Legende kennt jeder, oder?“
Er wartete ein paar Sekunden, aber niemand sagte et-was, also fuhr er fort: „Der Lebenssee soll für uns Feen der Anfang aller Dinge gewesen sein. Nur die Elfen und Sterne sollen vor dem ihm gewesen sein. Eine goldene Fee soll das riesengroße Gewässer entdeckt haben, der vor allen anderen verborgen blieb und diese Fee wurde zur ersten Wächterin des Sees. Es heißt, er soll mittler-weile etwa so groß sein, wie der menschliche Kontinent Amerika. Er soll voller Kerzen sein, die eines Tages ein-fach auf darauf erschienen waren. Wenn eine Fee gebo-ren wird, fängt eine Kerze an zu leuchten und erscheint auf dem See und wenn eine Fee gestorben ist, erlischt eine Kerze und verschwindet wieder. Es sind magische Kerzen, die so lange wir leben für uns brennen und jede Kerze ist mit einem unserer Namen versehen. Es heißt, die goldene Fee, die vor so vielen Jahrtausenden den See entdeckt hat, lebt noch immer und bewacht immer noch den See. Weiß Jemand, wie diese Fee heißt?“
Da ich mich mit Geschichte auskannte und die Legen-de vom Lebenssee und der goldenen Fee sowieso liebte, wusste ich es natürlich. Also rief ich in den Raum: „Fee-na.“
Hier im Unterricht brauchten wir uns nicht zu melden. Cameron hatte vorne auf seinem Schreibtisch an seinem Computer ein magisches System, dass unsere Stimmen erkannte, und es erkannte auch, welche Antworten falsch und welche richtig waren. Das hatte er uns vorher erklärt.
„Richtig, Feena. Feena war die erste Fee auf dieser Erde, sagt man zumindest. Es heißt, sie war irgendwann einfach da. Niemand kann sich das wirklich erklären. Es geht das Gerücht herum, dass Feen aus der Vereinigung zwischen Elfen und anderen Wesen, wie zum Beispiel Zwerge oder so, entstanden sind. Davon gehen zumindest unsere Historiker aus. Wie der Lebenssee entstand, weiß Niemand so genau.“
„Aber selbst wenn der See streng bewacht wird, ist es doch gefährlich, so abhäSngig von einem See zu sein“, gab Leinar zu Bedenken.
„Das ist richtig“, stimmte Cameron ihm zu. „Andererseits ist der See magisch und so gut geschützt, dass es eigentlich unmöglich ist, ihn zu entdecken. Unter ande-rem halt auch, weil er so verzaubert wurde, dass es nur den Wächtern gestattet ist, ihn zu sehen. Viele sind auch Wächter, weil sie die Einzigen sind, die den See ohne Magie sehen können. Die Wächter müssen vor ihrem Dienstantritt einen magischen Eid leisten, den See zu schützen und ihm keinen Schaden zuzufügen. Zusätzlich liegen viele magische Schutzzauber um den riesengroßen See. Die Wächter haben auch ganz besondere magische Talente, von denen wir nicht mal ansatzweise eine Ah-nung haben. Vielleicht sind sie sogar die mächtigsten Feen auf der Welt. Zumindest unter anderem.“
„Aber was für ein Eid ist das?“, fragte Emma dann. „Man kann auch jeden Eid brechen.“
„Diesen Schwur hier nicht“, wiedersprach Cameron. „Wenn Wächter nur einen Versuch wagen, den Eid zu brechen, sterben sie auf der Stelle. Das ist der Preis des Eides.“
„Sind denn alle Feen Mischlinge?“, wollte Sophann wissen.
„Nein, nicht alle. Später gab es so viele Feen, dass es natürlich auch Feenpärchen gegeben hat und auch immer noch gibt.“
Sein Blick fiel auf seine magische Uhr. „Huch schon wieder so spät? In den nächsten Stunden werden wir uns mit berühmten magischen Feen beschäftigen. Jetzt ist es aber erst mal Zeit für eure Frühstückspause.“
Ich konnte gar nicht glauben, dass die Stunden schon um waren. Mir kam es vor wie eine halbe Stunde und nicht wie zwei Stunden. Wir verließen den Klassenraum und gingen in einen Aufenthaltsraum am Ende des Gan-ges. Dort stand ein Frühstück bereit für diejenigen, die heute Morgen noch nichts gegessen hatten oder die noch mal etwas essen wollten.
„Gruselig, diese Vorstellung von dem Lebenssee“, fand Sophann.
„Ach, der ist gut geschützt und ich glaub da kann nichts passieren. Bisher ist doch auch immer alles gut gegangen“, meinte Robin zuversichtlich.
Der Lebenssee war schon immer ein großes Thema in unserer Welt und das war ja auch nur natürlich so, wenn man bedachte dass er, wenn er wirklich existierte, prak-tisch unser aller Leben von einem Moment auf den ande-ren vernichten konnte.
„Glaubt ihr wirklich an so einen See?“, fragte ich mei-ne Mitschüler. „Es ist immerhin nur eine Legende.“
„Also ich glaube daran. Legenden basieren eigentlich immer auf Wahrheiten“, bemerkte Leinar.
„Ja schon, aber meist in abgeänderter Form“, erinnerte ich ihn.
„Aber ich denke Neal hat recht. Zumindest ein wenig davon muss wahr sein“, fand nun auch Emma.
„Können wir uns nicht über freundlichere Themen un-terhalten?“, bat Sophann uns. „Zum Beispiel über das Königsfest. Die Vorbereitungen sind ja schon im vollen Gang.“
„Na ja, wir müssen sowieso gleich wieder in den Un-terricht“, stellte Leinar fest. Ich weiß nicht wieso, aber es klang, als wolle er nicht über das Königsfest reden.

Über Corly
Ich bin Bücherverliebt, Serienverrückt, eine Filmeliebhaberin, eine Geschichtenschreiberin, eine Patentante, eine Schwester, eine Cousine, eine Tochter, eine Tante, Blogschreiberin, Forengängerin, eine Kleindorfbewohnerin, eine Hobbyfotografierin, eine Buchsammlerin und eine Schwägerin in einer Person. :-)

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