Der Herbstmensch: Teil 4

Der Winter war mitten am Wüten. Unglaublich viel Schnee fiel. An einem Tag im Januar, wo der Schneesturm besonders stark war, erschien eine weiß leuchtende Frau in der Mitte meiner Lichtung. Trotz des Wetters kam ich jeden Tag hier her. Es war zwar unwahrscheinlich, aber Jan könnte ja auftauchen.
„Hallo Marleen, ich bin Alison, die Winterfee“, stellte sie sich mit lieblicher Stimme bei mir vor.
„Winterfee?“ fragte ich nur verständnislos.
„Ich bin aus dem selben Land wie Janjit. Nur vom Winter, nicht vom Herbst“, erklärte sie weiter.
„Janjit?“, fragte ich nun verwirrt. War das Jans richtiger Name?
„Jan“, berichtigte die Fee sich. Also war es wirklich sein richtiger Name.
„Und was willst du jetzt von mir?“, fragte ich sie.
„Janjit schickt mich. Er möchte dich sehen“, erklärte sie lächenld.
„Sollte nicht Flo kommen?“, fragte ich verwirrt.
„Ach Floh, der schafft es doch nicht mal eine Mücke rüber zu transportieren. Das hab ich Jan gleich ausgeredet“, winkte sie lässig ab. Das gefiel mir überhaupt nicht. Woher sollte ich wissen ob ich ihr trauen konnte?
„Und wieso sollte ich dir trauen?“ Ich musterte sie argwöhnisch.
„Weil Janjit mir eine Botschaft für dich mitgegeben hat. Wenn du nicht mit mir mitkommst, wirst du ihn niemals wieder sehen“, erklärte sie mir und zuckte nur mit den Achseln. „Wer die Wahl hat, hat die Qual.“
Ich konnte ihr nicht trauen. Was, wenn es eine Falle war. Dann tauchte plötzlich ein ziemlich benebeltes Eichhörchen neben der Winterfee auf.
„Also wirklich Alison. Vergiftete Nüsse. Da musst du schon früher aufstehen. Die Nummer zieht bei mir nicht“, schimpfte das und ich vermutete, dass das Floh war. Also konnte ich ihr offenbar nicht trauen.
„Floh, du lästiges Biest. Ich dachte ich sei dich los“, wütete Alison jetzt und sah dabei gar nicht mehr schön aus.
„Lauf!“, rief Floh mir zu und ich tat was er sagte. Ihn hatte Jan definitiv geschickt. Ihm konnte ich trauen.
Also rannte ich so schnell ich konnte, doch dann packte mich Jemand mit festen Griff am Arm. Ich wolle mich loslassen, aber dann flüsterte mir eine vertraute Stimme zu: „Pst, beruhige dich. Ich bins.“
Ich drehte mich um und Jan hielt mich tatsächlich in den Armen. Er sah blass aus und erschöpft, aber bevor ich was sagen konnte, beamte er uns praktisch ins Blätterschloss.
In seinem Zimmer angekommen legte er sich auf sein Bett und wirkte erschöpfter denn je. Ich legte mich neben ihn und kuschelte mich an ihn.
„Was ist mit Floh?“, fragte ich besorgt.
„Keine Sorge. Der kommt schon klar. Eichhörnchen sind zäher als sie aussehen“, beruhigte er mich. „Es ist nicht sein erster Kampf gegen die Winterfee. Sie schlagen eigentlich immer dann zu, wenn wir Herbstmenschen zu schwach sind um uns zu wehren. Ich hätte es wissen und dich warnen müssen.“ Seine Stimme klang schwach und es schien als würde er schon fast schlafen.
„Du hast doch gesagt du kannst gar nicht im Winter dein Reich verlassen“, erinnerte ich mich dann.
„Ja, schon. Aber ich hab geschlummert wie es im Winter so oft der Fall ist und irgendwie gespürt, dass du in Gefahr bist. Vermutlich ist unsere Verbindung doch stärker als ich dachte“, war seine Erklärung.
„Aber was passiert nun? Ich muss wieder nach Hause zurück.“ Ich konnte mich wohl kaum die ganze Zeit hier im Herbstland verstecken.
„Ich fürchte das geht vorerst nicht. Du bist dort nicht mehr in Sicherheit. Ich werde Floh noch mal zurückschicken, damit er die Erinnerungen aus deinem Umfeld für einige Zeit ändert. Vorerst solltest du hierbleiben. Wenn Alison erst mal hinter dir her ist lässt sie nicht mehr locker“ Er sah unglücklich aus wegen dieser Wendung, aber er blieb bei seiner Meinung.
Hierbleiben? Leute aus meinem Umfeld was anderes ins Gedächtnis zaubern? Das gefiel mir alles gar nicht, aber ich musste einsehen, dass es so besser war. Wenn ich nach Hause zurück kehren würde, würde ich nur meine Freunde und Familie in Gefahr bringen. Das wollte ich auf keinen Fall.
„Das gefällt mir nicht, aber wenn ich hier sicherer bin und meine Familie nicht dadurch gefährdet ist, bin ich eiferstanden“, erklärte ich schließlich.
„Das ist gut“, seufzte er erleichtert und dann schloss er einfach so die Augen und rührte sich nicht mehr. Als hätte er darauf gewartet, dass das geklärt war, nur damit er schlafen konnte. Seine Schwäche machte mir Sorgen. Im Herbst war er so stark und voller Energie gewesen.
Wie lange sollte ich eigentlich hierbleiben?
Eine Weile lang war es einfach nur still und ich sah Jan beim Schlafen zu. Er wirkte blass, aber friedlich. Es wurde draußen vor den Fenstern langsam dunkel. Was war wohl mit Floh passiert. Er hatte für mich gekämpft. Ich machte mir Sorgen um das kleine Wesen.
Nach einer weiteren Weile klopfte es vor dem Fenster. Ich sah nach. Da saß das Eichhörnchen und wirkte zufrieden und gut gelaunt. Also öffnete ich das Fenster und es schlüpfte herein.
„Huhu, da bin ich wieder. So leicht wie sie glaubt kriegt Alison mich nicht. Ich bin flink und schlau.“ Stolz stellte es mich auf sich und sah mich erwartungsvoll an.
„Vielen Dank, dass du mich gerettet hast“, bedankte ich mich artig bei ihm. „Ich wäre fast mit ihr mitgegangen.“
„Kriege ich jetzt endlich meine Nüsse?“, beschwerte er sich nur statt auf mein Dankeschön einzugehen.
Ich lachte: „Wenn ich wüsste wo sie sind. Ich kenn mich hier doch gar nicht aus.“
„Oh, ich schon“, meinte das Eichhörnchen und hüpfte flink zu eine Schulade und deutete darauf.
Ich ging also dorthin und zog sie auf. Dort war eine Schale mit Nüssen und ich stellte sie auf den Schreibtisch. Das Eichhörnchen setzte sich davor und mampfte fröhlich vor sich hin.
Nachdem es eine Weile gegessen hatte, sah es satt und zufrieden aus und sah mich aus großen braunen Augen an.
„Hat Jan dir schon offenbart, dass du hierbleiben wirst?“, fragte er mich dann ernst.
„Ja, hat er“, antwortete ich.
„Gut, du wirst nebenan schlafen. Ich zeig dir dein Zimmer gleich. Jan wird jetzt bestimmt erst mal drei Tage schalfen. Du darfst dich im Schloss umsehen, aber bestimmte Bereiche sind für dich tabu. Vor allem ist wichtig, dass du dich nur im Herbstbereich aufhälst. Alles andere ist zu gefährlich. Ich werde gleich noch eine Führung mit dir machen. Im Winter ist hier im Herbstbereich wenig los, aber verlasse Niemals ohne Begleitung das Schloss. Wenn du raus möchtest, ruf einfach meinen Namen. Ich werde da sein.“ Das alles erklärte Floh in einem so schnellen Tempo, dass ich kaum mitkam. Aber es rührte mich, dass er so auf mich Acht gab. Auch wenn die Anweisung wohl eher von Jan kam.
„Ach, und stör Jan niemals im Schlaf. Wenn er wach wird, wird er sich schon bei dir melden“, wies das kleine Eichhörnchen mich an.
„Na klar, mach ich nicht“, versprach ich ihn. „Darf ich dich denn dann als Kopfkissen verwenden? Ich sah es so unschuldig an wie ich konnte. Es war so schön braun uns süß und warum und flauschig. Einfach das perfekte Kopfkissen.
„Wohl kaum.“ Strafend sah es mich an. „Ich bin ein Tier. Mich benutzt man nicht als Kopfkissen. Lass uns einfach mit der Führung beginnen.“
„Okay“, gab ich nach.

Ich freu mich über jeden Zauberkommentar von euch.

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