Kapitel 55 Alte Freunde

Heucheln und Lügen ist sinnlos.
Weil wir uns gegenseitig fast
wie Glas durchschauen.
Wir machen uns schon lange nichts mehr
gegenseitig vor.
Und das ist gut so!

Pur – Freunde

 

Wir versammelten uns alle in dem Ballsaal, der so prachtvoll wirkte. Heute war er ganz golden getaucht. Das ließ ihn elegant wirken. Hier war auch die Eröffnungsfeier. Das schien mir Ewigkeiten her zu sein.
Cam erklärte uns noch mal wie wir ge-danklich zum See gelangen würden. Wir fassten uns alle an den Händen und bildeten eine lange Reihe. Ich war nervös, denn das war eine wirklich große Sache. Es könnte so viel schief gehen.
„Lass meine Hand nicht los, egal was passiert“, bat Leinar mich eindringlich. Er hörte sich so besorgt an.
„Mach ich nicht“, versprach ich ihm und drückte seine Hand fester. Ich wollte ihm zeigen, dass ich es ernst meinte. Meine andere Hand hielt die meines Vaters. Sie war warm und er hatte einen angenehmen Händedruck. Nicht zu lasch und nicht zu fest.
Cam hielt die Hände von seinen Enkeln Corly und Renn wie die eines Rettungsankers. Ich erinnerte mich an Tiljans Warnung. Ich durfte ihn nicht aus den Augen lassen, aber ob mir das gelang, konnte ich nicht wissen. Jetzt musste ich mich erst mal voll konzentrieren, um zum Lebenssee zu gelangen. Um Cam konnte ich mich später kümmern. Ich schloss fest die Augen und konzentrierte mich auf den See.
„Jetzt!“, gab mein Vater das Kommando. Ich dachte weiter ganz fest an den Lebenssee und hielt Leinar und Lunars Hände noch fester. Ich spürte plötzlich keinen Boden mehr unter den Füßen und dann fühlte es sich an, als würde ich ziemlich lange schweben. Ich sah keine Farben. Nur das weite Nichts. Es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis mein Vater seine Stimme erneut erhob. Seine Anweisung lautete folgendermaßen: „Ihr könnt die Augen wieder aufmachen.“
Ich hatte erst gar nicht mitbekommen, dass es ein Befehl war, dass wir die Augen schließen sollten. Ich hatte es einfach getan. Automatisch. Ich wollte das Nichts nicht sehen müssen.
Jetzt öffnete ich die Augen jedenfalls wie-der und konnte erst gar nicht wirklich registrieren, was ich da sah. Es wirkte, als seien wir in einer völlig anderen Welt angekommen und vermutlich waren wir das auch. Der Himmel war hell und dunkel zugleich. Etwa wie bei Wolkenwetter, wenn die Wolken düster wa-ren, aber sich trotzdem noch blaue Stellen am Himmel zeigten oder die Sonne sich sogar einen Weg ins Licht bahnte.
Die Sterne und die Sonne teilten sich den Himmel und die Sterne reichten bis zum Boden. Das wirkte seltsam, da Sterne so nicht sein sollten. Aber irgendwie sah es auch schön aus, weil es so anders war. Die Luft war gleichzeitig warm und kalt. Als könnten die Temperaturen sich nicht entscheiden, wie das Wetter am Lebenssee sein sollte. Die Farben wirkten kräftiger wie ein ganzes Meer aus Farben mit einem leuchtenden Tönen und vor uns erstreckte sich ein riesiger See, der in der Ferne verlief. Er schien unendlich zu sein und auf ihm waren unzählige Kerzen verteilt. Das Wasser war wellig wie bei einem kräftigen Sturm, doch die Kerzen bewegten sich dabei kein Stück. Der See war umrundet von einer schlichten grünen Wiese, die aussah wie eine glatte Schneedecke, nur ohne Schnee.
Ich hatte geglaubt unzählige Wächter müss-ten den See schützen, aber gerade entdeckte ich keinen Einzigen. Es war mucksmäuschenstill. Man hörte wirklich gar nichts. Kein einziges Geräusch. Nicht mal ein Vogelzwit-schern. Das fand ich irgendwie unheimlich. Unnatürlich.
Hier spürte ich die Magie stärker als überall sonst, wo ich je gewesen war. Meine Haut leuchtete hier stärker denn je, obwohl ich das mittlerweile eigentlich recht gut unter Kontrolle hatte. Doch hier schien mein Abschaltmechanismus nicht mehr zu funktionieren. Diese Welt um den Lebenssee wirkte einfach voller Magie und sehr sternenhaft.
Leinar hielt noch immer meine Hand fest, während mein Vater meine andere Hand losgelassen hatte. Doch ich war froh, dass Leinar so nah neben mir war. Ich kam mir in dieser fremden Welt so seltsam verloren vor. Nur Leinar konnte dieses Gefühl bremsen. Er war für mich der Inbegriff von zu Hause gewor-den. Wo er war konnte ich ohne weiteres leben.
„Sind wir außerhalb oder innerhalb des Schutzwalls?“, unterbrach Lunar die gespenstige Stille mit seiner klangvollen angenehmen Stimme. Ich zuckte zusammen, weil sie so laut war in der Stille. Leinar drückte meine Hand fester.
„Innerhalb“, erklärte Cam. „Die Wächter wussten, dass wir kommen. Also konnten sie einen Zauber aussprechen, damit wir hierher gelangen konnten.“
Plötzlich erschien auf der Wiese ein unglaublich helles Licht und daraus traten zwei wunderschöne Gestalten. Ich war verwirrt, weil das ebenfalls so unnatürlich wirkte. Als wenn ein Engel direkt aus dem Himmel auf die Erde kämen.
Camerons Augen weiteten sich und er rief erfreut:“ Lilien? Corentin?“ Er schien mehr als überrascht zu sein, obwohl er doch wissen musste, dass sie hier waren.
Das also waren Corentin und Lilien. Lilien trug ein wunderschönes weißes Kleid. Es ließ sie so rein und makellos wirken wie ein echter Engel. Sie hatte die blasseste haut und die hellblondesten Haare, die ich je gesehen hatte.
Corentin trug ein weißes Leinenhemd und eine weiße Jeans. Auch er wirkte rein und unberührt. Irgendwie magisch, doch er hatte schwarzes Haar. Gab es Engel mit schwarzen Haaren? Ich stellte sie mir immer blond vor.
Beide waren Barfuß. Ihre Schönheit blen-dete uns fast. Sie schienen von innen heraus zu leuchten. Lilien hielt Corentins Hand als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt. Selbst auf dem ersten Blick konnte ich leicht die tiefe Verbindung spüren, die beide miteinander verband.
„Dad!“, rief Lilien ebenfalls erfreut und warf sich ihrem Vater in die Arme. Die beiden waren offensichtlich überglücklich sich zu sehen.
„Oh Lil, meine Lil! Ich hab dich so ver-misst.“ Cameron seufzte und Lilian legte ihren Kopf an die Schulter ihres Vaters.
„Ich dich auch. Ich merke erst jetzt wie sehr.“ Die Wiedersehensszene war einfach nur herzzerreißend.
„Hallo Cameron“, begrüßte Corentin nun seinen Schwiegervater und strahlte ihn an. „Es ist lange her.“ Er wirkte ruhiger und eleganter als Lilian, aber nicht unsympathischer.
„Viel zu lange“, nickte Cameron und um-armte auch ihn herzlich.“ Offenbar mochte Cameron ihn wirklich.
„Mom, Dad?“, fragte Corly nun mit Tränen in den Augen und lief auf ihre Eltern zu. Das ließ sie wie ein junges Mädchen wirken. Renn und Lim folgten ihrer Schwester. Erst jetzt konnte ich sehen wie ähnlich sich die beiden Männer eigentlich sahen und auch ihrem Va-ter. Das war mir vorher gar nicht aufgefallen. Ohne den Vergleich mit Corentin war es mir wohl nicht möglich gewesen.
„Oh, meine Süßen!“, strahlte Lilien über-glücklich und nahm alle drei Kinder gleichzeitig in ihre Arme. Danach umarmten sie auch ihren Vater. Es war etwas verwirrend, dass Corentin und Lilien fast jünger aussahen als die drei. Es wirkte eher als seien sie gute Freunde.
Nachdem sie sich wieder voneinander ge-löst hatten, winkte Renn uns heran. An seine Eltern gewandt zeigte er auf uns: „Darf ich euch meine Tochter Linnie vorstellen, ihren Mann Lunar und ihre Tochter Mianna? Lunar ist der Sohn von Theodora. Sie müsstet ihr ja kennen.“
„Lunar, du hast kein Sternenblut in dir, oder?“, fragte Lilien meinen Vater zunächst.
„Nein, das hab ich nicht.“
„Wie kannst du dann hier sein?“, wollte sie wissen.
„Ich bin der aktuelle König des Feenlandes und Linnie und ich haben eine gemeinsame Tochter, wie Renn eben schon sagte.“ Er zeigte auf mich. Ich fragte mich, was es mit mir zu tun hatte, dass er hier sein konnte.
Lilien schien es dagegen zu wissen. Sie mus-terte mich neugierig. Dann sah sie wieder Lunar an. „Ah, ich verstehe. Die Blutsmagie von Königspaaren ist besonders stark heißt es.“
„Genau und mit einer Tochter mit Sternen-blut sogar noch stärker“, bestätigte Lunar lächelnd.
„Und Mum, Dad! Darf ich euch auch mei-nen Enkel Leinar vorstellen?“, mischte sich jetzt Lim ein.
„Oh, hallo Leinar. Es ist schön euch alle kennen zu lernen“, lächelte Lilien glücklich. Leinar wirkte etwas nervös. Das lag wohl an den vielen Leuten. Er hatte sich verändert, aber gewisse Eigenschaften blieben nun mal.
Mein Vater antwortete für uns alle: „Es freut uns auch euch kennen zu lernen.“ Und da hatte er vollkommen Recht. Ich freute mich wirklich Lilien und Corentin kennen zu lernen und konnte kaum glauben, dass sie vor uns standen.
„Ich freu mich natürlich auch euch alle kennen zu lernen“, beeilte sich Corentin zu sagen und musterte mich dabei besonders ein-gehend. Bisher war er ziemlich still gewesen. Ich fragte mich, warum er mich so ansah. Als würde er irgendetwas wissen.
„Und wer ist da noch bei euch?“, fragte Li-lien neugierig. Ihre Stimme klang nicht nur nach Gesang, sie war wie richtige Musik.
Fiann Nike trat nun vor und strahlte Lilien an. „Hallo Cousine.“
„Fiann Nike!“, rief Lilien erfreut und um-armte ihre Cousine herzlich. Diese erwiderte ihre Umarmung.
„Ja! Und das sind meine Söhne. Kenian, Nelson und Alexis.“ Sie zeigte nacheinander auf die drei Männer. Kenian war tatsächlich der große Blonde, Nelson der Rothaarige und Alexis der Schwarzhaarige. Hatte ich also doch Recht gehabt.
„Schön euch kennen zu lernen.“ Lilien nickte ihnen zu und auch Corentin begrüßte auch sie.
„Wir freuen uns auch“, versicherte Kenian ihr.
„Ich fasse nicht, dass ihr alle hier seid. Mein Vater, meine Kinder, meine Enkel und Urenkel und meine Cousine und ihre Söhne. Es ist einfach unglaublich.“ Lilien sah die genannten Personen nacheinander an.
„Ja, es ist wirklich unglaublich und ich möchte unsere Zusammenkunft bestimmt nicht beenden, aber wir dürfen auch nicht vergessen wieso wir hier sind“, erinnerte Cameron seine Tochter. Die Müdigkeit, die ich bei ihm kennen gelernt hatte, war wie weggeblasen, seit er Lilien wieder gesehen hatte.
„Natürlich, du hast Recht. Dann kommt mit, lasst uns reden.“ Lilien führte uns vom See fort, doch Corentin hielt mich zurück.
„Kann ich kurz mit dir reden, Mianna?“
Ich sah den anderen besorgt hinterher, aber er versicherte mir schnell: „Keine Angst, ich kenne den Weg genau so gut wie Lilien.“
„Na gut.“ Wir blieben also wo wir waren. Ich war unsicher. Was wollte er von mir?
„Was hat Tiljan dir erzählt?“, fragte er mich ohne Vorwarnung. Ich war etwas überrumpelt.
„Woher weißt du davon?“, wunderte ich mich.
„Ich spüre so was“, erklärte er mir. „Seit ich fast gestorben wäre spüre ich sowas.“
„Ich darf nicht darüber reden. Ich hab es ihm versprochen“, erklärte ich. Tiljan hatte es mir eingetrichtert.
„Bei mir ist das schon in Ordnung“, versicherte er mir. „Er ist mein Onkel, vertrau mir.“
„Aber ich kenne dich gar nicht.“ Ich hatte schon das Gefühl, dass ich ihm trauen konnte, aber ich hatte Tiljan versprochen mit Niemanden darüber zu reden. Das Versprechen musste ich doch halten, oder?
„Ich weiß, aber du kannst mir vertrauen, wirklich.“ Er strahlte seine Energien nach mir aus und ich spürte, dass Tiljan nichts dagegen hatte, dass ich es ihm erzählte. Es war so ähn-lich wie bei der Fähigkeit meines Vaters, dass ich einfach wusste, dass er mich liebte durch eine einzige Berührung. Ich erzählte ihm also, was Tiljan mir gesagt hatte.
„Feuermagie?“, fragte Corentin überrascht, als ich geendet hatte. „Sie ist uralt und sehr mächtig. Ich dachte sie wäre längst ausgestor-ben.“
Ich zuckte mit den Achseln. „Es ist halt meine besondere Fähigkeit.“
Corentin nickte. „Stimmt. Und er hat wirk-lich gesagt, dass Cam verletzt werden könnte und dass Cam die Angreifer kennt?“
„Ja hat er“, nickte ich bestätigend.
Corentin schien nicht sehr überrascht davon zu sein. „Ich hab das schon vermutet. Ich hab nämlich so eine Vermutung, wer die Angreifer sind.“
„Teilst du deine Vermutungen mit mir?“, bat ich ihn. Immerhin hatte ich ihm auch von Tiljans Visionen erzählt. Das war nur fair, oder?
„Natürlich. Ich hab Majenna und Felicitas in Verdacht, aber ich weiß nicht, wie sie so mächtig werden konnten und das beunruhigt mich“, gestand er mir.
„Du liegst richtig mit deiner Vermutung, denke ich“, bestätigte ich ihm. „Wie gesagt, Tiljan sagte Cam kennt sie. Majenna war Ro-nars Frau und Felicitas war mal mit Cam zu-sammen, oder? Sie hätten also beide ein Motiv für den Angriff. Tiljan erzählte mir noch, dass der Königssohn der Zwerge unter den Angrei-fern wäre, Mion oder so.“
„Ah, das erklärt einiges“, nickte Corentin. „Zwergenmagie ist stark und die von Zwergenherrschern noch stärker. Er könnte der Grund sein wieso die beiden hier sein können.“
„Aber es hieß, dass es vier Angreifer sind. Wer ist der Vierte?“, fragte ich.
„Ich habe keine Ahnung“, gestand Corentin mir. „Und den Grund kenne ich auch immer noch nicht.“
„Hm“, machte ich nur ratlos.
„Hör zu, du darfst Niemanden von unserer Unterhaltung erzählen. Das muss unter uns bleiben. Ich weiß nicht mal, ob ich es Lilien erzählen werde. Vermutlich nicht die ganze Wahrheit. Cam ist ihr Vater. Sie würde sich nur Sorgen machen.“ Corentin sah mich ziemlich eindringlich an. Ihm schien das auch nicht zu gefallen, aber er hielt es wohl für notwendig.
„Ok, klar. Von mir erfährt Niemand etwas.“, versprach ich ihm.
„Übrigens find ich das mit Leinar und dir ganz toll“, bemerkte Corentin dann plötzlich.
„Ähm, danke?“ Ich wusste wirklich nicht, was ich dazu sagen sollte. War das so offensichtlich, dass wir zusammen waren?
Als hätte er meine Gedanken gelesen, erklärte er mir: „So was spüre ich auch.“
„Ach so.“ Nicht gerade einfallsreich, aber immerhin.
„Komm, lass uns zu den anderen gehen. Nicht, dass sie uns noch suchen müssen“, entließ er mich dann und führte mich zu meinen Mitreisenden. Irgendwie schüchterte Corentin mich ein, aber ich mochte ihn auch. Er hatte was Geheimnisvolles, Mächtiges an sich. Ich konnte verstehen, was Lilien an ihm fand.

Ich freu mich über jeden Zauberkommentar von euch.

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