Kapitel 57 Vermutungen

Ein Licht weist den Weg,
der zur Hoffnung führt,
erfüllt den Tag, dass es jeder spürt.

Weihnachtslied – Ein Licht geht uns auf

Wir gingen durch einen Tunnel, der im Sternenlicht hell erleuchtet war. Er wirkte schmal und lang und Corentin musste sogar den Kopf einziehen. Die Wände waren grau und trist, ähnlich wie Lehm. Aber sie schimmerten auch weiß durch das Sternen-licht. Es sah wirklich schön aus.
„Ich dachte ihr bewacht ständig den See und seid erstarrt. Wieso läufst du mit Lilien nun so herum? Ich hab bisher außer euch keinen einzigen Wächter gesehen“, fragte ich Corentin neugierig. Das beschäftigte mich schon seit ich hier angekommen war und Co-rentin saß direkt an der Quelle. Er konnte mir bestimmt mehr verraten.
„Die Wächter sind die meiste Zeit unsichtbar. Es sei denn sie wollen gesehen werden wie wir. Dann treten sie aus dem Licht, so wie wir es taten. Aber das kommt nur sehr selten vor, weil die Wächter sehr selten ihren Posten verlassen“, erklärte Corentin mir.
„Und wo gehen wir jetzt hin?“, fragte ich ihn dann.
„Wir haben so eine Art Versammlungsraum, wo sich einige Wächter manchmal treffen. Warts einfach ab“, erwiderte er sehr geheimnisvoll.
Den Rest des Weges schwiegen wir und es dauerte auch gar nicht mehr lange, bis wir zu dem Raum kamen und der Tunnel endete. Der Raum war einfach gigantisch. Eine riesige Höhle. So stellte ich mir die Zwergenhöhlen von damals vor, nur kleiner. Tische und Stühle standen überall quer im Raum bereit. Corentin ging zu Lilien und ich zu Leinar.
„Alles klar?“, fragte er mich besorgt. Ich nickte nur und suchte Cameron. Er sah gesund und munter aus, aber eigentlich hatte ich auch noch nichts anderes erwartet. Die Höhle war wie der Tunnel hell mit Sternenlicht erleuchtet.
Unter den Anwesenden waren auch einige Fremde, die wohl die Wächter des Sees sein mussten. Sie trugen alle himmelblaue Kleidung, wirkten aber sonst eher unscheinbar. Irgendwie blass. Fast leichenblass. Neben Lilien und Corentin standen jeweils zwei der fremden Wächter.
„Ich bin wirklich froh, dass ihr gekommen seid. Wir können eure Unterstützung gut ge-brauchen. Neben mir stehen Feena und Bryn. Zwei unserer Wächterinnen des Sees. Von Feena habt ihr bestimmt schon gehört“, stellte Lilien die beiden Frauen vor.
Das war Feena? Ich hatte mir sie wunder-schön vorgestellt und sie sah auch ganz hübsch aus, aber irgendwie auch etwas unförmig, als wäre sie noch nicht ganz fertig gestellt. Da fehlte auf einer Seite ein komplettes Ohr, ohne dass eine Narbe zu sehen wäre. Ein Auge war blau und ohne Umrandungen, wie es sonst üblich war. Die Farbe auf der einen Unterlippe war Hautfarben und nicht rot. Ihre Haare waren eine Mischung aus rot, schwarz, blond und einigen anderen Farben. Sie waren lang, glatt, wellig und seltsamerweise auch irgendwie kurz zugleich. Das sah ziemlich verrückt aus. Dies sollte also die erste Fee überhaupt sein? Aber andererseits machte es schon irgendwie Sinn. Wieso sollte die aller-erste Fee perfekt sein? Sie war eben die erste aller Feen.
Die andere Fee neben Feena, Bryn, war ziemlich klein, hatte kastanienbraunes, langes Haar und sanfte grüne Augen.
„Auch ich danke euch“, ergriff Feena das Wort. Ihre Stimme war weich und irgendwie lieblich, wirkte aber auch heiser. „Langsam wird es ernst. Die Angreifer kommen immer besser voran und wir müssen sie unbedingt stoppen.
„Dafür sind wir hier“, bemerkte Cameron trocken.
„Richtig“, nickte Feena. „Allerdings bin ich mir ziemlich sicher, dass sowieso nur eine in diesem Raum den Angriff wirklich beenden kann.“ Feenas Blick wanderte vielsagend zu mir und ich zuckte leicht zusammen. Wie viel wusste sie? Was für Fähigkeiten hatte sie eigentlich? War sie allmächtig?
„Keine Angst, Mianna“, hörte ich plötzlich Feenas Stimme in meinem Kopf. „Ich kann jede Fähigkeiten von allen Anwesenden im Raum nutzen. Ich denke, du weißt wessen Fä-higkeit ich gerade gebrauche. Ich kann dir also helfen. Du musst das nicht allein machen. Allerdings bin ich alt und längst nicht mehr so mächtig wie früher. Meine Magie wird schwä-cher und das kann genauso gefährlich werden für unsere Welt, wie das Vernichten des Lebenssees. Deswegen darf ich meine Magie nur in äußerster Not anwenden, es sei denn ich beschütze den Lebenssee. Aber mit meiner und mit Leinars Hilfe wird es dir auf jeden Fall gelingen die Angreifer zu stoppen.“
Ich war unendlich erleichtert und dankbar. Feena war da und stand mir bei. Während ich Feenas Stimme gelauscht hatte, hatte Lilien offenbar das Reden übernommen. Die anderen hörten ihr aufmerksam zu.
„Und ich bin hier, weil ich die Geschichte des Lebenssees besser kenne als irgendwer sonst. Selbst besser als Feena“, erklärte Bryn uns dann.
„Das stimmt“, nickte Feena. „Bryn bewacht den See schon ziemlich lange. Ich zwar auch, aber ich war zwischendurch auch mal weg.“ Sie schien das etwas zu wurmen, aber sie lächelte Bryn herzlich zu.
Ich fragte mich, ob Bryn ein Stern war. Feen konnten theoretisch nicht länger den See bewachen als Feena. Würde mich einfach mal interessieren.
„Dies ist nicht der erste Angriff auf den See“, erklärte Bryn. „Auch wenn der letzte schon seit Jahrhunderten zurück liegt gab es noch einen und der war damals wesentlich schwächer als der heutige. Damals war er von Sternen angeführt worden, die einen Groll gegen Feen hegten.“
„Gibt es eigentlich noch andere Seen außer diesen?“, fragte Leinar nun. Das war durchaus eine interessante Frage. Doch wo sollten sie existieren?
„Nein, unser ist der Einzige“, beantwortete Feena seine Frage. „Die anderen Völker brauchen solche Seen nicht.“
Was immer das heißen mochte…
„Diesmal hab ich auch das Gefühl, dass die Angreifer keine Sterne sind“, bemerkte Coren-tin auf einmal.
„Nein, das sind sie wohl nicht“, stimmte Feena ihm zu. „Das zumindest können wir wirklich ausschließen.“
„Wie sollen wir jetzt weiter vorgehen?“, wollte Cameron nun wissen.
„Cam, ich find du solltest hierbleiben und alles überwachen“, schlug Feena ihm diplomatisch vor. Sie musste wissen, was Tiljan mir erzählt hatte. Wieso sonst sollte sie gerade diesen Vorschlag machen? Sie schien wohl Gedanken lesen zu können oder sie spüren zu können wie Corentin.
„Machst du Witze?“, fragte Cam Feena überrascht und auch gekränkt. „Du hast mir selbst gesagt, dass so viele wie möglich kom-men müssen um die Mission zu beenden.“
„Ja schon, aber Tiljan hatte eine beunruhigende Vision, was dich und die Mission be-trifft.“
„Gehts etwas genauer?“ Cameron wirkte wütend. Ich konnte es ihm nicht verübeln. Es musste ein schwerer Schlag für ihn sein zurückbleiben zu müssen.
„Es könnte dir etwas zustoßen“, wagte sich Feena vorsichtig weiter. Corentin und ich warfen uns einen Blick zu und Corentin zuckte leicht mit den Achseln, als wollte er mir sagen, dass er auch nicht wusste, was Feena vorhatte.
„Das kann mich nicht mehr schocken. Ich bin alt. Ich werde nicht als Einziger hier war-ten und Däumchen drehen“ Cameron ließ nicht so leicht locker.
„Und was ist mit deiner Familie?“, konterte Feena. „Sie werden sich nicht konzentrieren können, weil sie sich ständig um dich sorgen müssten.“
„Dann hättest du uns nicht von dieser Vision erzählen dürfen“, erwiderte Cameron ge-reizt. Ich bewunderte ihn, weil er sich Feena so entgegensetzte. Ich hätte das nicht gekonnt.
Feena seufzte tief. Ich dagegen musste Cameron da durchaus Recht geben.
„Dad!“ Lilien ging jetzt zu ihm und nahm seine Hand in ihre. „Tust du es wenigstens für mich? Ich weiß, es gefällt dir nicht, aber ich möchte dich in Sicherheit wissen.“
„Lil, ich weiß, dir fällt es schwer mich gehen zu lassen, aber ich bin alt. Für mich be-deutet der Tod was anderes als für dich. Das heißt jetzt aber nicht, dass ich mich dort in den Tod stürzen möchte, keine Sorge. Aber ich möchte hier dabei sein und wenn ich verletzt werde ist das eben so.“
„Ich kann es dir nicht ausreden, oder?“, fragte Lilien unendlich traurig.
„Nein, Liebes. Ich befürchte nicht“, stellte Cameron klar.
„Na gut, aber versprich mir, dass du gut auf dich aufpasst.“, bat Lilien ihn trotzdem.
„Versprochen!“ Cameron umarmte seine Tochter fest. Die Verantwortung für mich war zu groß. Ich sollte diesen Angriff beenden und ich musste dafür sorgen, dass Cameron auf keinen Fall verletzt wurde. Das durfte nie pas-sieren. Wieso musste er auch so stur sein?

Über Corly
Ich bin Bücherverliebt, Serienverrückt, eine Filmeliebhaberin, eine Geschichtenschreiberin, eine Patentante, eine Schwester, eine Cousine, eine Tochter, eine Tante, Blogschreiberin, Forengängerin, eine Kleindorfbewohnerin, eine Hobbyfotografierin, eine Buchsammlerin und eine Schwägerin in einer Person. :-)

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