Kapitel 65 Brüder

Ganz egal was du tust
Und ganz egal, was du anfängst.
Lass sie einfach labern
Lass sie denken, was sie wolln.
Denn es zählt nur, dass Du weißt
worauf es Dir ankommt
Und was dein Gewissen erträgt.

Pur – Ganz egal

Dummerweise kam der nächste Angriff auf den Lebenssee mitten in der Nacht. Am Abend hatte ich den Eingeweihten von meinem Gespräch mit Miron erzählt. Selbst Cam hab ich es später erzählt, als ich ihn allein antraf. Ich fragte ihn auch, ob es stimmte, was Miron mir gesagt hatte. Er gestand mir, dass es ihm im Herzen wehgetan hatte, gegen Alrick kämpfen zu müssen. Schließlich war auch er ein Freund von ihm. Er hatte sogar noch versucht, es ihm auszureden. Ich hätte von Cam gern mehr über den Kampf zwischen den Sternen und Zwergen von damals erfahren, aber ich wusste, dass jetzt nicht der richtige Zeitpunkt dafür war. Es gab Wichtigeres zu besprechen.
Leinar hatte sich übrigens darüber be-schwert, dass Miron ihn meinen flatternden Freund genannt hatte. Ich fand die Bezeich-nung eigentlich ganz passend, aber das sagte ich ihm natürlich nicht.
Jedenfalls wurden wir in dieser Nacht von einem Angriff geweckt. Zuerst wusste ich nicht, was los war. Dann hörten wir die Schreie der Wächter des Sees. Erst waren wir total erstarrt und dann wurden wir panisch. Wir liefen alle aus der Höhle und zum See hinüber. Dort sahen wir das Chaos. Einige Wächter lagen tot am Boden und einige Stel-len des Sees waren leer. Dort brannten keine Kerzen mehr. Irgendwie mussten Tedren und Felicitas den Schutzwall durchbrochen haben. Ich konnte mir nicht vorstellen wie, aber Miron hatte mich vor Tedrens Macht gewarnt.
„Mia, Leinar! Zu mir. Linnie, Lunar! Sucht Felicitas und schaltet sie aus. Corentin, Lilien! Bitte seid so nett und räumt die Leichen in die Höhle. Fia, kannst du mit deinen Söhnen nach den Kerzen auf dem See gucken?“, erteilte Feena ihre Befehle. Dann fiel ihr Blick auf Cameron und ihr Gesicht verfinsterte sich. „Was machst du hier, Cam? Du solltest sofort zurück in die Höhle gehen.“
„Auf keinen Fall.“ Cameron blieb stur. „Was soll ich da machen? Totenwache halten?“
„Du könntest versuchen Tiljan zu kontak-tieren. Er muss unbedingt herkommen. Viel-leicht kann er seinen Bruder ja noch zur Ver-nunft bringen, auch wenn ich nicht wirklich dran glaube. Ich habe im Schloss Sternenglanz versteckt mit dem er herkommen kann.“ Den Rest konnte ich nicht hören. Ich vermutete sie erzählte ihm in Gedanken, wo der Sternen-glanz versteckt war. Lunar und Linnie waren gerade erst aufgebrochen und deswegen konn-te sie es noch. „Bitte, Cam! Das ist wichtig.“
„Also gut“, gab er schließlich nach und ver-schwand genervt Richtung Höhle.
„Na endlich! Leinar, verwandle bitte dich und Mia in Glühwürmchen und folgt mir.“ Leinar fasste mich an der Hand und tat es.
Feena ging voran und wir flatterten leuch-tend hinterher. Als Glühwürmchen verwandelt zu sein fühlte sich anders an als sonst. Die Welt war viel größer und ich fühlte jede von Leinars Bewegungen viel stärker. Ich sah auch schärfer, obwohl ich auch als Fee schon ziemlich gut sah. Die Gerüche wirkten ebenfalls intensiver. Ich fühlte Leinar mit jeder Faser meines Körpers und ich fühlte, wie stark meine Magie war und wie stark seine. Ein Glühwürmchen zu sein fühlte sich seltsam an. Ob Leinar sich wohl auch so vorkam oder war er es einfach schon zu gewohnt sich in ein Glühwürmchen zu verwandeln?
Wir folgten Feena den Pfad am See entlang und bemerkten nichts Ungewöhnliches. Waren die Angreifer etwa schon weg? Anscheinend nicht. Denn nach einer ganzen Weile erschien Tedren einfach so vor uns.
„Tedren. Wie schön dich zu sehen. Es ist lange her“, begrüßte Feena ihn viel zu höflich. Eher wie einen alten Freund als einen Feind.
„Feena. Was für eine Überraschung und dann auch noch allein“, grinste Tedren fies. Er schien mich und Leinar nicht zu bemerken. So war es ja auch gedacht.
„Ich habe keine Angst vor dir“, stellte Feena klar. „Ich bin mächtig und das weißt du auch.“
„Ja ich weiß, dass du mächtig bist, aber ich bin mächtiger. Du kannst dich doch bestimmt noch an unser letztes Treffen erinnern, oder? Kurz vor der Pest war das und kurz vor dem geheimen Krieg zwischen den Sternen und den Zwergen. Du hast ein paar Fähigkeiten von dir auf mich übertragen und im Laufe der Jahre hab ich noch einige hinzugewonnen. Ein Vorteil ist auch, dass ich alle Fähigkeiten derer benutzen kann, die ich einmal lebend berührt hab“, prahlte er. Er klang so verdammt stolz.
Wovon redete er da? Was war zwischen Feena und ihm denn passiert? Wenn er wirklich diese Fähigkeit mit dem Berühren besaß, durfte er mich und besser auch Leinar niemals anfassen.
„Wenn du meinst.“ Feena klang bitter. „Aber das was du jetzt machst ist dumm, Ted-ren. Hör auf damit. Oder hat dir das zwischen uns nie was bedeutet?“
Ich kam nicht mehr wirklich mit. Was war zwischen den beiden gewesen?
„Doch Fee, es hat mir was bedeutet, aber manche Dinge sind wichtiger als das.“
„Wichtiger als Liebe?“, fragte Feena fast verzweifelt.
Liebe? Was war hier los? Das wurde ja immer verwirrender. Leinar wurde unruhig. Mit unserer Glühwürmchen Verbindung spürte ich das mehr als deutlich.
„Wichtiger als unsere Verbindung. Ich hab nur eine Frau je geliebt und das war Djana“, korrigierte Tedren sie kalt.
„Aber was ist mit Leinar? Er ist unser Sohn!“ Feena schien völlig vergessen zu haben, dass wir noch da waren.
Wieso sollte Leinar der Sohn der beiden sein? Er war doch Mion und Keenas Sohn. Außerdem ist war er erst nach der Pest geboren worden. Leinar zuckte heftig zusammen, als er diese Behauptung hörte und ich drückte seine Hand fester um ihn daran zu erinnern, dass ich bei ihm war. Dass er nicht allein war.
„Leinar ist nicht mein Sohn, er ist deiner“, wiedersprach Tedren ihr. „Er war nie wirklich mein Sohn.“
Feena seufzte. „Das ist traurig. Ich hatte geglaubt, es hätte dir etwas bedeutet.“
„Genug geredet. Endlich ist der Tag der Abrechnung gekommen. Wo ist Cam?“ Tedren sah genervt aus.
„Glaubst du wirklich wir bringen ihn hierher?“, fragte Feena ihn verächtlich. Offenbar hatte sie ihre Gefühle für Tedren augenblicklich vergessen oder hinten angestellt. Wie auch immer die aussahen. Davon wollte ich mir lieber gar kein Bild machen.
„Statt ihm bin ich hier“, erklang eine mir mittlerweile sehr vertraute Stimme. „Es ist lange her, Bruder!“ Tiljan stand nun neben Feena. Ich hatte ihn gar nicht kommen hören.
„Tiljan! Du hast dich überhaupt nicht verändert.“ Tedren zeigte wieder sein fieses Grinsen und betrachtete seinen Bruder abschätzend. „Willst du wirklich gegen mich kämpfen?“
„Wenn es sein muss. Sauer genug bin ich jedenfalls. Du verbreitest Lügen. Meine Frau ist also tot, ja? Das müsste ich ja wohl wissen, meinst du nicht? Wie kommst du dazu? Wie konntest du überhaupt überleben?“
Woher wusste Tiljan das mit Laja? Hatte Cam ihm davon erzählt?
„Es gibt einige Überlebende der Pest, nicht nur mich“, erinnerte Tedren seinen Bruder.
„Stimmt“, gab Tiljan zu. „aber du bist der einzige tot Geglaubte. Du bist einfach unterge-taucht, statt dich bei deiner Familie zu mel-den.“ Nun sah Tiljan Tedren böse und anklagend an. Ich hatte Tiljan noch nie so erlebt. Er machte mir fast irgendwie Angst. „Wo warst du?“
„Erst bei den Zwergen. Sie haben mich mit Freuden aufgenommen und gesund gepflegt. Ich war wirklich dem Tode nahe, aber ich konnte aus dem Elfenland fliehen. Später kam ich unbemerkt zurück und schloss mich Ma-jenna und Felicitas an.“
„Und hast alle im Stich gelassen“, warf Til-jan ihm vor. „Du warst ihr König.“
Auch ich konnte kaum glauben, was ich da hörte. Wie konnte man so herzlos sein?
„Und genau deswegen musste ich fliehen. Um eines Tages wieder zu euch als euer König kommen zu können“, sagte Tedren in einem Tonfall, als würde er das einem kleinen Schuljungen erklären.
„Du bist kein König mehr. Die Welt hat sich seit damals mehr als verändert. Wir haben ein neues Königspaar“, klärte Tiljan seinen Bruder auf. Er klang fast genauso herablassend wie sein Bruder. So kannte ich ihn gar nicht.
„Dann werde ich dieses neue Königspaar wohl töten müssen“, erklärte Tedren, als wäre das nur eine weitere lästige Angelegenheit. Nun war es an mir zusammen zu zucken und Leinar drückte meine Hand. Tedren musste unbedingt beseitigt werden.
„Wohl kaum“, höhnte auch Tiljan als hätte er meine Gedanken gelesen.
„Wie wäre es, wenn ich dir ein Angebot mache, Till? Ein Duell auf Leben und Tod. So wie damals bei Majenna und Ronar. Dann bist du mich für immer los“, schlug Tedren vor.
„Und was ist, wenn ich verliere?“, erkun-digte sich Tiljan. Er ließ sich nichts anmerken, aber ich konnte mir nicht vorstellen, dass es ihm behagte seinen Bruder töten zu müssen. Familie war immerhin Familie, egal wer dazu gehörte.
„Dann gehört das Königreich mir und alle sind meine Untertanen.“ Oh nein. Tiljan würde sich nicht auf das Angebot einlassen, oder?
„Wann bist du so böse geworden, dass du bereit bist deinen eigenen Bruder zu töten?“, fragte Tiljan ihn bitter.
„Dank deinem Freund Cam dafür. Wäre er nicht gewesen, hätte Corentin den Weg gewählt, den ich mir für ihn gewünscht habe mit einer vernünftigen adeligen Elfe an seiner Seite.“
„Das ist Irrsinn, Tedren. Corentin hätte niemals eine andere geliebt als Lilien. Und sie ist zwar nur zur Hälfte eine Elfe, aber adelig, anständig und auch zur Hälfte ein Stern. Cam war mal dein Freund, Tedren. Ich versteh dich einfach nicht mehr.“ Tiljan wirkte immer verzweifelter. Er schien sich zu wünschen, Tedren würde wie durch ein Wunder seine Meinung ändern.
„Eben! Sie ist ein Stern. Unsere Völker hät-ten sich niemals verbinden dürfen. Auch daran ist dein Freund Cam gewissermaßen Schuld. Selbst die Zwerge haben das irgendwann be-griffen. Was meinst du wieso sie sonst gegen die Sterne gekämpft hätten?“
„Du hast sie dazu getrieben?“, riet Tiljan. „Mittlerweile wundert mich wirklich gar nichts mehr.“
„Also, bist du nun bereit zu dem Duell, o-der nicht? Denn wenn nicht, werde ich vielleicht alle anderen angreifen müssen. Ansonsten könnte ich die Meisten verschonen.“ Das glaubte Tiljan doch nicht wirklich, oder?
„Aber Cam wirst du nicht verschonen?“, vermutete Tiljan missmutig.
„Nein, und das Königspaar auch nicht“, bestätigte Tedren ohne Mitleid in der Stimme.
Tiljan warf mir und Leinar einen entschuldigenden Blick zu. Dann beschloss er: „Mir gefällt das nicht, aber mir wird wohl nichts anderes übrig bleiben. Also kämpfen wir.“
Oh nein. Das durfte nicht wahr sein. Wenn Tedren nicht in dem Duell starb, würde ich ihn töten müssen oder am besten schon während des Duells. Doch ich betete, dass Tiljan überlebte. Wir brauchten ihn doch. Genauso wie Cam.

Ich freu mich über jeden Zauberkommentar von euch.

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