Kapitel 69 Rückkehr ins Schloss

Kein schöner Land in dieser Zeit,
als hier das unsre weit und breit,

Kein schöner Land
Anton Wilhelm von Zuccalmaglio –
deutsches Volkslied

Ihr seid zurück?“, freute sich Linnie, sprang von ihrem Stuhl auf und nahm mich fest in ihre Arme. Ihre Augen leuchteten strahlend. „Gott sei Dank. Ich hab mir solche Sorgen um euch gemacht.“
„Brauchtest du gar nicht. Mia war großar-tig. Sie hat mir das Leben gerettet.“ Tiljan überschüttete mich geradezu mit Lob. Ich wurde sehr verlegen und befreite mich aus Linnies Umarmung. Ich stellte mich zu Leinar. Da fühlte ich mich immer noch am Wohlsten. Er schenkte mir ein aufmunterndes Lächeln.
„Das freut uns zu hören“, erklärte Lunar und klang stolz. Ich lächelte ihn an. Ich fühlte mich trotz allem immer noch unsicher in der Nähe meiner Eltern. Leinar schien das zu spü-ren und nahm meine Hand in seine. Dafür war ich ihm sehr dankbar.
„Wo sind Tedren und Feena?“, wollte Lu-nar nun verwirrt wissen. Er sah sich um als würde er erwarten, dass sie jeden Moment zu uns in die Höhle kämen.
„Tedren ist verschwunden nachdem er Feena in Eis verwandelt hat. Ihr Körper ist verloren, aber ihre Seele ist noch da“, erzählte Tiljan nicht ohne Bitterkeit in der Stimme.
„Das sind schlimme Neuigkeiten. Es wird wohl viele Jahre dauern bis sie wieder kommt“, überlegte Lunar nun und klang sehr besorgt.
„Ja Vermutlich. Aber das können wir nicht mit Sicherheit sagen. So etwas ist noch nie passiert“, stimmte Tiljan meinen Vater mehr oder weniger zu und wechselte dann das Thema. „Wie ist es euch denn ergangen? Wo sind Felicitas und Alexis?“
„Felicitas wurde gefangen genommen. Sie ist unten. Du weißt schon wo. Dort wird sie wohl auch erst mal bleiben. Alexis ist tot.“
Das mit Alexis waren schlimme Neuigkeiten. Aber wo bitte war unten? Sprachen sie von einem Gefängnis? Immerhin würde sie uns nicht mehr gefährlich werden. Das war das Wichtigste.
Nun schluchzte Fiann Nike bitterlich. Kenian und Nelson trösteten sie liebevoll. Es war bestimmt schwer für sie Alexis Verlust zu akzeptieren. Er war so lange an ihrer Seite gewesen und der Älteste der drei Brüder.
„Das tut mir sehr leid, Fiann Nike. Wie ist das passiert?“, fragte Tiljan sanft. Auch er schien sich vorstellen zu können wie sehr Fiann Nike das traf.
Statt Fiann Nike antwortete ihm Kenian. „Mein Bruder wurde mit dem schlimmsten Fluch belegt, den es in unserer Welt gibt. Kurz danach konnten wir Felicitas gefangen neh-men.“
„Das ist schlimm“, fand Tiljan bestürzt. Er sah richtig entsetzt aus. Während Kenian sich für Tiljans Worte Anteilnahme bedankte, fragte ich mich, was wohl der schlimmste Fluch unserer Welt war. Ich hatte nicht die geringste Vorstellung davon.
„Wird Tedren zu den Zwergen gehen?“, wollte Kenian nun wissen.
„Ich glaub nicht. Miron hat nicht mit ihm zusammen gekämpft. Ich denke er ist kein Verbündeter mehr von Tedren“, antwortete Lunar und klang ziemlich sicher.
„Aber Miron lebt nicht in der Zwergenwelt. Ein anderer übernimmt in seiner Abwesenheit seinen Königsposten. Ich weiß nicht, wer es ist. Aber was ist, wenn Tedren sich an den wendet?“, merkte ich an.
„Kann ich mir nicht vorstellen. Das wäre zu riskant“, gab Lunar zu bedenken, erläuterte das aber nicht weiter.
„Wir sollten langsam zurückkehren“, unter-brach Linnie uns. „Wir haben hier alles erledigt.“ Offenbar fühlte sie sich unwohl an diesem Ort. Ich verstand sie gut. Obwohl der See wunderschön war, waren hier doch schreckliche Dinge passiert.
„Dad, eigentlich wollten wir ja mit euch kommen, aber jetzt fehlen zu viele Wächter und die Schutzzauber müssen erneuert und verstärkt werden“, wandte sich Lilien traurig an ihren Vater.
„Ich weiß, und deswegen habe ich beschlossen, bei euch zu bleiben. Ins Schloss könnte Tedren jederzeit kommen, aber hier wird er wohl eher nicht wieder auftauchen“, verkündete Cameron.
Was? Cameron würde nicht mit ins Schloss kommen?
„Bist du dir auch wirklich sicher, dass du das möchtest?“, hakte Lilien nach. Offenbar wusste sie wie viel ihrem Vater die Schule bedeutete.
„Ja, bin ich“, antwortete er fest. Er blieb nicht wegen Tedren sondern wegen seiner Tochter. So viel war klar. Ich verstand das, aber trotzdem wünschte ich, er würde mit-kommen. Cameron war mir inzwischen ver-trauter als mein eigener leiblicher Vater.
„Aber was ist mit deinem ganzen Unterricht?“, platzte ich heraus. Ich wusste schon, dass ich ihn nicht umstimmen konnte, aber ich musste es wenigstens versuchen. Jetzt kam er zu mir und sah mich entschuldigend an.
„Mia, du hast hier richtig Großartiges geleistet. Den Unterricht wird Tiljan sicher übernehmen. Ist es nicht so, Till?“ Nun wandte er sich an seinen alten Freund.
„Allerdings.“ Tiljan schien sich sehr darüber zu freuen. Ich spürte die Vertrautheit zwischen den beiden überdeutlich. Ich freute mich auch Unterricht bei Tiljan zu haben, aber Cam würde mir eben fehlen.
„Ich werde ab und zu Kontakt zu dir auf-nehmen“, versprach Cameron. Er schien zu merken, dass ich nicht ganz glücklich mit seiner Entscheidung war.
„Okay“, nickte ich, aber wir wussten beide, dass das nicht dasselbe war. Die Gespräche mit Cameron waren einzigartig gewesen.
„Ich werde auch hier bleiben“, verkündete Fiann Nike plötzlich. „Es fehlen Wächter und ich möchte eine Lücke füllen.“
„Aber Mutter!“, rief Nelson schockiert. „Was ist denn dann mit Kenian und mir?“
„Das ist schon alles geregelt. Als wir auf die Übrigen warteten, hab ich zu Carlina Kontakt aufgenommen.“
Die Jungs sahen unglücklich aus und ich konnte sie verstehen. Offenbar waren sie dort ja nicht erwünscht. Außerdem hatten sie schon ihren Bruder verloren. Sie wollten nicht auch noch ihre Mutter verlieren. Aber sie beschwer-ten sich nicht.
Zurück reisten also nur meine Eltern, Keni-an und Nelson, Leinar und ich, Renn, Corly und Lim. Wir verabschiedeten uns mit Umarmungen von unseren Freunden, fassten uns an die Hände und dachten ganz fest an das magi-sche Schloss. Wir landeten sanft auf dem Schlossgelände vorm Schlossgarten, ließen unsere Hände los und Tiljan grinste uns fröh-lich an. „Endlich! Ich schlage euch vor: Ruht euch aus und trefft eure Freunde oder so was in der Art. Ich werde Carlina berichten, was passiert ist. Kenian und Nelson, würdet ihr mich begleiten?“
Die Jungs nickten und Tiljan verschwand mit ihnen. Auch Corly, Renn und Lim verab-schiedeten sich von uns, nachdem Renn Linnie umarmt hatte.
„Du musst ihn irgendwann mal richtig kennen lernen“, riet Linnie mir. „Er ist echt toll. Aber jetzt solltet ihr euch wirklich etwas ausruhen.“ Sie sah mich besorgt an.
„Und was werdet ihr machen?“, erkundigte ich mich.
„Einen langen Spaziergang“, verkündete Lunar grinsend, „und entspannen.“
„Ok, na dann viel Spaß“, wünschte ich den beiden. Das schien nach so anstrengenden Tagen zwar seltsam erscheinen, aber es würde ihnen sicherlich gut tun.
„Euch auch.“ Lunar zwinkerte mir zu und wir verabschiedeten uns voneinander. Leinar und ich gingen zunächst in unsere Suite. Es war total schön mit ihm wieder ganz allein zu sein und es war auch schön wieder bei meinen Büchern zu sein. Ich hatte das Lesen vermisst. Wir kuschelten uns auf unser Sofa und genos-sen unsere Zweisamkeit. Leinar gab mir einen langen leidenschaftlichen Kuss.
„Ich hab dich vermisst.“
„Aber ich war doch die ganze Zeit bei dir.“ Ich musste trotzdem glücklich grinsen. Ich wusste genau, was er meinte.
„Ja da hast du wohl Recht.“ Er strich mir sanft über die Wange und sah mir tief in die Augen.
„Wie fühlst du dich jetzt?“, fragte ich ihn. Unsere Gesichter waren sehr nah beieinander.
„Du meinst gerade jetzt? Ich fühl mich unglaublich großartig. Allerdings nicht gerade bei dem Gedanken daran auf dem Fest Schuhe tragen zu müssen.“ Er verzog sein hübsches Gesicht.
Ich lachte. „Das meinte ich eigentlich gar nicht, aber falls es dich beruhigt, das Fest ist draußen. Da wirst du nicht unbedingt Schuhe tragen müssen. Ich meinte aber eigentlich eher, wie du dich fühlst, seit du das mit deinen Eltern und deinem früheren Leben erfahren hast.“
„Ach so. Ich weiß nicht recht. Seltsam denke ich. Die Vorstellung, dass Feena und Ted-ren irgendwann mal meine Eltern waren, ist doch irgendwie schräg“, überlegte er gedan-kenverloren.
„Interessant ist ja auch, dass Corentin dein Halbbruder war und Tiljan dein Onkel, und die leben noch“, erinnerte ich ihn.
„Stimmt, das ist noch viel schräger“, entschied er. „Müsste ich mich nicht an irgendet-was aus meinem früheren Leben erinnern?“
„Nicht unbedingt. Du warst noch ein Kind.“
„Stimmt auch wieder.“ Leinar zuckte mit den Achseln und ich kuschelte mich noch enger an ihn und stahl ihm einen süßen Kuss.
Wir verbrachten noch eine Zeit lang so, aber dann zog es mich in den großen Gemein-schaftsraum im Hauptgebäude. Ich wollte meine Freunde sehen. Leinar blieb lieber allein in unserer Suite zurück. Er hasste es im Mittelpunkt zu stehen und das würde er unweigerlich, wenn er nach unten ging. Ich übri-gens auch, aber ich ging trotzdem.
Im Gemeinschaftsraum war es recht leer und meine Freunde saßen in ihrer gewohnten Ecke am Fenster. Zumindest Emma und Sophann. Lily war nirgends zu sehen. Dafür waren Kenian und Zac bei ihnen. Das wunder-te mich nun so gar nicht.
„Hey, wie schön. Du bist wieder da!“, freute sich Sophann, sprang auf und nahm mich überschwänglich in ihre Arme. „Ein wenig hat uns Ken ja schon erzählt, was da oben passiert ist, aber du musst uns auf jeden Fall noch mehr erzählen.“ Ach, Kenian war nun also schon zu Ken geworden? Das ging ja schnell. Ich sah ihn fragend an, aber er zuckte nur lässig mit den Achseln. Trotzdem entging mir sein trauriger Blick nicht. Die Erlebnisse am See hatten auch ihn geprägt.
Emma war mittlerweile auch aufgestanden und umarmte mich herzlich. Sogar Zac um-armte mich. Ich freute mich so sie zu sehen. In Kurzform erzählte ich ihnen von den wichtigs-ten Ereignissen. Aber erst, nachdem ich mich in den roten Sessel am Fenster gesetzt hatte.
„Und du hast wirklich mit Miron gesprochen? Das ist ja sowas von cool. Ich hab so viel von ihm gehört und für mich ist er so was wie der menschliche Orlando Bloom aus Der Herr der Ringe. Nur eben kleiner.“ Sophann sah mich erwartungsvoll an. Wie immer war sie aufgeregt, wenn sie von einem ihrer Lieb-lingsschauspieler redete. Zac, der neben ihr auf der breiten Fensterbank saß, stupste sie leicht an. Sie lächelte ihn entschuldigend an. Die beiden wirkten mittlerweile sehr vertraut miteinander.
„Na ja, ich würde ihn eher mit Ron Weasley aus Harry Potter vergleichen. Zumindest hat er mich irgendwie an Ron erinnert“, grinste ich.
„Ron ist auch gut.“ Sophann wirkte ziem-lich zufrieden damit. „Dann muss ich eben nur ein wenig umdenken.“
Ich lachte herzlich. „Jedenfalls ist er total nett, auch wenn er am Anfang etwas mürrisch wirkte.“
„Na hör mal, er ist ein Zwerg. Die sind nun mal irgendwie mürrisch“, verteidigte Sophann Miron überschwänglich. Zac blickte finster drein. Ich warf ihm einen beruhigenden Blick zu. Hoffte ich zumindest.
„Ich find das mit Tedren ziemlich beunruhigend“, mischte sich Zac in das Gespräch ein. „Ich musste mal ein Referat über ihn halten. Der Typ ist echt gruselig.“
„Durftest du dir das Thema aussuchen? Ich glaub Tedren hätte ich als letztes gewählt“, fragte Kenian neugierig.
„Na ja, ich hatte die Wahl zwischen Tedren, Felicitas und Ronar“, erklärte Zac. „Alles nicht besonders prickelnd, wenn du mich fragst.“
„Jedenfalls gebe ich dir Recht. Das mit Tedren ist wirklich beunruhigend. Ich hab ihn ja kennen gelernt. Er ist wirklich gruselig“, bestätigte ich. Bei der Erinnerung an ihn schauderte es in mir.
„Und du hast Feena wirklich getroffen?“, fragte Emma mich staunend. „Ich fand ihre Geschichte immer so cool.“
„Ja, Feena ist wirklich toll, obwohl ich den Eindruck hatte, dass sie bei Männern nicht so den besten Geschmack hat. Was sie an Tedren fand, kann ich beim besten Willen nicht ver-stehen.“ Ich musste an Leinar denken, der in seinem früheren Leben sein Sohn war.
„Vielleicht sollten wir diese gruseligen Dinge vorerst nicht mehr besprechen. Schließ-lich ist Morgen das Königsfest. Wir haben allen Grund zu feiern.“, schlug Sophann vor.
Wir stimmten ihr nur zu gern zu und in den nächsten Tagen unterhielten wir überwiegend über das Fest.

Über Corly
Ich bin Bücherverliebt, Serienverrückt, eine Filmeliebhaberin, eine Geschichtenschreiberin, eine Patentante, eine Schwester, eine Cousine, eine Tochter, eine Tante, Blogschreiberin, Forengängerin, eine Kleindorfbewohnerin, eine Hobbyfotografierin, eine Buchsammlerin und eine Schwägerin in einer Person. :-)

Ich freu mich über jeden Zauberkommentar von euch.

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