Ideenbild 5 Januar: Vergessene Vergangenheit

So, endlich komme ich auch mal zum Ideenbild. Mal sehen, was mir dazu einfällt. Ich möchte ungern was neues anfangen, aber auch nicht unbedingt wieder was altes auffrischen, auch wenn ich noch drei Geschichten offen hab, die ich spätestens ab nächste Woche gerne weiterschreiben würde. Unter anderem ist da auch noch Noras Abenteuer, was durch ein Ideenbild aus dem letzten Jahr entstand.

Ich befürchte, das ist wieder lang geworden  …

Vergessene Vergangenheit

Kälte hat sich über unser Land gelegt. Bibbernde Kälte. Die Temperaturen sind gerade so kalt. Das hatten wir schon lange nicht mehr. Wäre es da nicht schön in die Ferne zu fliegen? In den Süden? Oder lieber aus der Kälte das beste machen? Ich war mir noch unsicher.
Gerade suchte ich im schneebedeckten Wald, was übrig war und ich verwerten konnte. Leider war das nicht viel, denn im Winter wuchs nichts, aber die Eichhörnchen gaben mir öfter einen Teil ihrer Nüsse ab.
Ich wohnte schon lange im Wald und war hier sonst kaum einer Menschenseele begegnet. Da musste ich schon ins Dorf gehen und da das Dorf recht klein war, kannte ich alle Bewohner dort sehr gut. Nie kam jemand neues in das Dorf, denn es war zu unbedeutend für Reisende aus den fernen Umgebung.
Aber das war okay so. Ich war es gewohnt und die meiste Zeit war ich sowieso allein. Außerdem war ich auch lieber im Wald als im Dorf. Deswegen ging ich auch dort selten zum Einkaufen. Mir fehlte das Geld. Ich war nicht die volle Zeit in der Schule gewesen und verkaufte die Geschichten, die ich schrieb an eine Autorin, die im Dorf lebte und sie für mich mit Hilfe ihrer Lektoren und ihres Verlages veröffentlichte. Nicht in ihrem Namen sondern in meinem, aber niemand kannte mich als Autorin. Alle dachten, die Geschichten seien von ihr. Das wollte ich auch gar nicht anders. Sie waren viel zu persönlich um über sie zu sprechen.

Während ich gedankenverloren durch den Wald schlenderte – warm eingepackt wie immer – dachte ich daran, dass ich wohl nichts neues erleben würde, wenn ich hier nicht wegkommen würde. Ich war noch nie geflogen. Wie wäre es wohl in einem Flugzeug zu sitzen und die Wolken von oben zu begutachten, die Weite des Himmels ganz nah zu entdecken? Wie wäre es mal schnell irgendwo hinzureisen. In ein fernes Land? Doch ich wusste, dass das nicht meine Welt war. Ich wollte gar nicht wohin fliegen. Hier im Wald in der Hütte war meine Heimat. Hier fühlte ich mich wohl. Ich hatte es warm und kuschelig und mi fehlte nichts. Ich konnte mich nicht beklagen. Ich hatte es kuschelig.
Und dann sah ich ihn. Den geheimnisvollen Mann. Den wunderschönen Mann mit dem himmelblauen Umhang, den weißblonden strubbeligen Haaren und den eislbauen Augen. Er lief Barfuß durch den Schnee, aber es schien ihm nichts auszumachen. Seine Füße wirkten nicht gefroren und seine Augen glitzerten erfreut. Tatsächlich wanderte er durch den Schnee wie andere durchs gras. Als wäre es warm. Als wäre der Schnee seine Heimat. Er hatte breite Schultern und einen flachen Brustkorb, lange Beine und ein wunderschönes blasses Gesicht. Er sah aus wie der Winter persönlich. Seine Haare wirkten wie Eiszapfen. Er faszinierte mich.

Noch hatte er mich nicht entdeckt, weil ich mich hinter einen Baum versteckt hatte. So konnte ich ihn ungeniert beobachten. Ich beobachtete ihn jetzt schon seit Tagen ohne mich bemerkbar zu machen. Er schien ganz mit dem Winter versunken zu sein. Heute setzte er sich auf einen verschneiten Baumstamm und starrte durch die Äste hindurch und dann fing er an zu singen. Ich verstand die Worte nicht, aber sein Gesang ging unter die Haut.
Unwillkürlich kam ich hinter meinem Baum hervor und ging auf ihn zu. Eigentlich wollte ich das gar nicht, aber ich konnte gar nicht anders. Es war wie ein Sog. Diese Musik hielt mich gefangen in einer Blase der Anziehung. Bewirkte er diese Anziehung? Hatte er mich schon seit Tagen bemerkt, aber nichts gesagt? So wie ich ihm nichts gesagt hatte? Wer war er, diese eisblaue faszinierende Mensch? War er überhaupt ein Mensch?
“Hallo Eisblume!“ nannte er mich. „Ich habe dich erwartet.“
“Ich bin nicht Eisblume“, wiedersprach ich ihm. „Ich heiße Tindra.“
“In diesem Leben, ja“, stimmte er mir zu. „Aber davor warst du die Elfe, die sich Eisblume nannte. Die Elfe, die mir gezeigt hat was es heißt der Winter zu sein.“
“Was soll das heißen? Daran könnte ich mich erinnern. Und was meinst du mit dem letzten Teil?“, fragte ich nur verwirrt. Ich setzte mich neben ihn auf den Baumstamm. Mir war kalt, aber es würde mich nicht unbringen.“
“Eisblume. Das ist dein wahrer Name. Auch wenn du jetzt Tindra heißt“, wiederholte er. „Natürlich erinnerst du dich nicht an dein anderes Leben. Das braucht Zeit. Deswegen hat jede Elfe, die wiedergeboren wurde einen Hüter. Deiner bin ich. Der Winter“, erklärte er mir. Das klang wie aus einem Fantasyroman. „Wobei ich glaube, dass du dich längst erinnerst.“
“Was meinst du damit?“, fragte ich nur.
“Deine Geschichten. Sie handeln alle von deinem früheren Leben. Ich habe sie alle gelesen nachdem Holly sie bei sich hatte.“ Er sah mich abwartend an und musterte mich ausgiebig. „Und du siehst Eisblume auch sehr ähnlich. Deine blaublonden Haare, dein liebliches Gesicht, deine grüne Augen.“ Er hielt kurz inne und schluckte hart. Offenbar plagten auch ihn längst vergessene Zeiten. „Selbst ich komme in deinen Geschichten vor.“
Und dann kam mir die Erkenntnis. Ich wusste, welche Figur er in meinen Geschichten meinte. „Aber … du kannst nicht Yule sein. Das ist unmöglich.“
“Wirklich? Früher nannte man mich auch nicht Yule sondern Schneelöwe.“ Ein schelmisches Grinsen glitt über sein Gesicht.
“Schneelöwe? Kannte ich dich damals auch?“ Ich wusste noch nicht, ob ich ihm glaubte, aber ich wollte mehr über ihn erfahren.
“Ja“, hauchte er. Fast flüsterte er nur. „Ja, du kanntest mich.“ Ein leises Zittern ging durch seinen Körper. Am Frieren lag das bestimmt nicht. Nicht, wenn er wirklich der Winter war, wie er behauptete. Dann fuhr sammelte er sich und fuhr fort: „Kannst du dich noch an die Geschichte von dem kleinen Hasen in „Erdprinzessin“ erinnern. Das Buch wurde als Kinderbuch verkauft und alle Kinder haben es geliebt. Den kleinen Hasen gibt es wirklich. Er gehörte dir und ist dir nie von der Seite gewichen. Neben mir war er dein treuster Freund. Er hieß Wick und hat sehr lange gelebt, aber als du von uns gingst wollte er einfach nicht mehr sein.“
Ein Schaudern ging nun auch durch meinen Körper. Natürlich erinnerte ich mich an den süßen Hasen. Er war bis heute meine Lieblinsgfigur. Aber es kann ihn unmöglich wirklich gegeben haben. Hätte ich mich nicht an ihn erinnern müssen?
“Ich bin mir nicht sicher ob ich dir glauben kann. All diese Sachen könntest du dir auch zusammengereimt haben“, wagte ich ihm zu gestehen.
“Dann lass es mich dir zeigen“, forderte er.
“Wie?“, fragte ich ihn nur.
“Nimm einfach meine Hand“, bat er mich sanft, aber bestimmt.
Zögernd folgte ich seinem Rat. Plötzlich befand ich mich an einem völlig anderen Ort in einer anderen Zeit. Wo war ich hier? Doch dann erkannte ich meine Heimat. Glitzernde Kristalle umgaben mich, eiserne Betten und glitzernder hoher Schnee. Ein Eisschloss wie aus einem meiner Geschichten. Ich glaube es war „Der Löwe und die Maus“ oder auch „Feenverfangen“. Ich war mir nicht ganz sicher. Und dann bekam ich meine Erinnerungen zurück. Alle zusammen. Das war einfach zu viel für mich. Vermutlich wäre ich zusammen gebrochen, wenn er mich nicht aufgefangen hätte. Aber seine Reaktionen waren unglaublich schnell und er würde nie zulassen, dass mir etwas geschah. Nicht er. Nicht Schneelöwe. Nicht Yule. Dazu bedeutete ich ihm zu viel und er bedeutete mir unglaublich viel. Er hatte recht gehabt. Ich hatte meine Erinnerungen in meinen Geschichten verarbeitet. Ich hatte sie nicht verdrängt, ich hatte nur nicht gewusst, dass es meine Erinnerungen waren, die ich da niederschrieb.
Und natürlich erinnerte ich mich vor allem an Yule. Eisblume und Schneelöwe waren beide Elfen gewesen, aber während Schneelöwe überlebt hatte, war Eisblume wiedergeboren worden. Die ganze Zeit hatte er darauf gewartet, dass Eisblume sich erinnern würde und er hatte gespürt, dass die Zeit bald gekommen war. Er hatte ihr nur einen kleinen Schubs geben müssen damit sie verstand. Das hatte ausgereicht. Eisblume und Schneelöwe waren beide Winterelfen im Winterreich von Ernadil gewesen. Schneelöwe war immer an ihrer Seite gewesen.
Ich war Eisblume und Yule Schneelöwe. Das wusste ich jetzt. Ausserdem wusste ich, was ich schon immer gespürt hatte. Schneelöwe war mein und ich sein. Wir fühlten so unglaublich viel füreinander und es tat mir so leid, dass Schneelöwe so lange auf mich hatte warten müssen. Das war bestimmt hart gewesen.
Nachdem sie sich erinnert hatten verschwanden die Eiskristalle und die Schneelandschaft vor mir und wir waren zurück im winterlichen Wald. Ich sah den Winterelfen neben mir an und hauchte nur völlig verwundert darüber, dass er überhaupt da war: „Yule.“
Ein Lächeln erschien auf seinem eisigen Gesicht und machte es noch schöner. Erleichtert sagte er: „Endlich erinnerst du dich!“
“Ja, ich erinnere mich an dich“, strahlte ich und dann fiel ich ihm in die Arme. Wir sprachen über unsere Vergangenheit, über das was passiert war und wie es zu dieser Erinnerung kam, wir sprachen über meine Geschichten und so unendlich viel mehr und ich wir wollten gar nicht mehr aufhören zu reden. Wir hatten viel zu viel Zeit verloren.

Eisblume und Schneelöwe waren wieder vereint und zusammen wollten sie weite Reisen machen. Yule und ich wollten weite Reisen machen. Vielleicht würde ich sogar mit einem Flugzeug fliegen. Jetzt, wo Yule wieder bei mir war schien mir alles möglich zu sein. Yule und ich, unzertrennlich für immer. Hauptsache zusammen. Ich lächelte und lehnte mich an Yule. Mir war überhaupt nicht mehr kalt im winterlichen Wald. Ich hatte die Eisblume in mir wieder gefunden und ich hatte meinen Schneelöwen wieder gefunden. Zwei Wesen, die für immer miteinander vereint waren. Eisblume und Schneelöwe. Ich wusste einfach, dass wir uns immer wieder finden würden, egal wie oft man uns voneinander trennte.

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8 Gedanken zu “Ideenbild 5 Januar: Vergessene Vergangenheit

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