Das alte Herrenhaus (Teil 5)

Und weiter gehts mit dem alten Herrenhaus. Wird mal wieder Zeit, was?

Hier kommt ihr zu den Vorgängerteilen: Klick

Ihr erinnert euch noch?

Moritz und Louise sind immer noch auf dem Ball. Louisa hat die Lady des Hauses kennen gelernt und getanzt. Moritz hat sie für eine Weile allein gelassen. Jetzt sitzen sie aber an einem Tisch und essen zusammen. Wie lange sie wohl noch auf dem Ball bleiben?

Das alte Herrenhaus (Teil 5)

Das Essen war wirklich gut gewesen. Dieser Ball war atemberaubend. Auch wenn mir die Kultur und die Menschen fremd waren. Aber es hatte seine ganz eigene Atmosphäre, die ich von zu Hause so nicht kannte.
„Gefällt es dir?“, fragte Moritz mich, der schon lange aufgegessen hatte, und mich aufmerksam musterte.
„Ja, es ist irgendwie als würde ich in die Zeit springen“, meinte ich gedankenverloren, ohne dass ich bewusst darüber nachdachte, was ich sagte.
„Ähm, das tust du ja auch“, erinnerte mich Moritz.
„Ach ja.“ Verlegen spielte ich an meinen Haaren rum. Das war so eine Macke von mir. Hatte ich wirklich fast vergessen, dass ich nicht in diese Zeit gehörte? Solange war ich doch noch gar nicht hier.
Moritz schmunzelte nur und nippte an seinem Wein. „Das ist schön.“
„Was meinst du?“, fragte ich interessiert.
„Du lebst dich hier ein“, erklärte er.
„Ich glaube nicht. Ich bin ja noch nicht so lange hier“, wiedersprach ich ihm.
„Wie du meinst.“ Und dann schwiegen wir.
Irgendwann fragte er: „Willst du gehen?“
„Ist das denn nicht unhöflich?“, wollte ich wissen.
„Jetzt nicht mehr“, erklärte er. „Wir haben getanzt, wir haben uns den Leuten gezeigt und uns vollgefressen. Länger brauchen wir nicht bleiben.“
„Okay, wie du meinst. Ich würde gerne gehen.“ Mit ihm allein fühlte ich mich doch wohler.“
Wir standen also auf und suchten die Gastgeberin. Dann verabschiedeten wir uns von ihr. Sie wirkte etwas enttäuscht, musste aber wohl akzeptieren, dass ich plötzlich müde geworden bin. Zumindest laut Moritz.
Wir traten also nach draußen und Moritz fragte mich: „Wollen wir zu Fuß nach Hause?“
„Gern“, lächelte ich, zog aber meine Schuhe aus. Es machte mir nichts aus Barfuß zu laufen. Immer noch besser als mit diesen Schuhen.
Wir gingen nebeneinanderher und ich genoss die Stille der Nacht. Man hörte fast nichts. Ausser unsere Schritte vielleicht. So eine Stille war in meiner Heimat unmöglich. Dennoch war es auch ein bisschen unheimlich, aber mit Moritz an meiner Seite fühlte ich mich halbwegs sicher.
Irgendwann brach Moritz das Schweigen. „Ich glaube, ich bin traurig, wenn du gehst.“
„Wieso?“, wollte ich wissen.
„Ich hab mich allein gefühlt, bevor du kamst. Jetzt ist wieder etwas Leben in mir“, sagte er und sah dabei sehr traurig aus. Ich blieb stehen.
„Moritz, ich …“ Eigentlich hatte ich keine Ahnung, was ich sagen sollte. Unerklärlicher Weise wollte ich ihn berühren, in den Arm nehmen.
„Schon gut. Lass uns einfach nach Hause gehen“, meinte er, nahm aber meine Hand und verschränkte unsere Finger miteinander. Ich lächelte darüber. Vermutlich hatte er das nicht mal bewusst getan.
Der Spaziergang war schön. Friedlich. So viel Ruhe in meiner Welt wäre schön. Jetzt erst merkte ich, wie hektisch es war. Seltsamerweise konnte ich mir jetzt ein Leben ohne Stress und Internet gut vorstellen. Diese Zeit war auch nicht nur heile Welt, aber irgendwie anders.
Vor seinem Haus blieben wir noch ein wenig und setzten uns auf die Bank davor. Keiner von uns beiden wollte rein. Wir genossen die Ruhe hier draußen viel zu sehr. Außerdem würde morgen alles anders werden.
„Könntest du dir vorstellen hier zu bleiben?“, fragte Moritz plötzlich.
„Moritz …“, sagte ich nur und seufzte. Ich wünschte, ich könnte. Ich würde so gern bei ihm bleiben, aber ich hatte Leute, die zu Hause auf mich warteten.
„Könntest du?“, hakte er trotzdem unbeirrt noch mal nach.
„Ich gehöre nicht in diese Welt“, antwortete ich nur vorsichtig.
Erst wurde er traurig, aber dann hellte sich sein Gesicht wieder auf. „Was ist, wenn ich dich in deine Welt begleiten würde?“
„Ich weiß nicht. Ich glaube, du kannst dir nicht mal ansatzweise vorstellen, wie meine Welt ist“, sagte ich. Es war nicht so, dass ich ihn nicht mitnehmen wollte. Ich konnte mir nur nicht vorstellen, dass er sich dort wohl fühlen würde.
„Wie ist es denn dort so? Beschreib doch mal“, forderte er mich nun auf.
„Es ist unfassbar laut, die Städte sind voller Menschen. Manchmal trampeln sie dich über. Es gibt viele Gesetze, an die man sich halten muss. Es ist alles viel moderner und voller Technik. Ähnlich wie mein Handy. Die meisten Menschen sind rund um die Uhr erreichbar. Man muss sich alles hart erkämpfen und nichts gibts umsonst und du wärest in meiner Welt ziemlich sonderbar. Im besten Fall würdest du für verrückt erklärt, im schlimmsten Fall kommst du ins Irrenhaus“, erzählte ich und beschrieb ihm meine Welt absichtlich so schreckhaft.
„Hört sich nicht viel anders an als hier“, fand er aber stur.
„Du würdest dich nicht zurecht finden“, versicherte ich ihm. Ich meinte es doch nur gut mit ihm.
„Denkst du das wirklich oder willst du mich einfach nicht dabei haben?“, fragte er nur und wirkte ziemlich gekränkt. Ich seufzte. Wieso musste das so kompliziert sein?
„Moritz, ich mag dich. Wirklich. Das musst du mir glauben. Es liegt nicht an dir. Es liegt nur an unseren verschiedenen Welten“, versuchte ich es erneut ihm zu erklären.
„Aber es könnte funktionieren“, gab er nicht auf.
„Vielleicht“, gab ich schließlich nach, aber das können wir nicht wissen.“ Es hatte keinen Zweck weiter auf ihn einzureden. Es würde nichts bringen. Er war offenbar sehr stur.
„Nein, können wir nicht“, gab er mir recht. Dann beugte er sich ganz nah zu mir rüber.
„Aber vielleicht …“ Er ließ das Wort im Raum hängen, aber dann küsste er mich. Einfach so. Und was das für ein Kuss war. Ziemlich intensiv und einfühlsam. Einfach unglaublich. Ich war überweltigt und zog ihn näher an mich.
„Moritz“, murmelte ich an seinem Gesicht und lächelte.
„Wusste ich es doch“, triumphierte er glücklich.
„Ach, Moritz. Was soll ich nur mit dir machen?“, seufzte mich und lehnte mich an ihn. Er zog mich sanft in seine Arme.

Fortsetzung folgt:

Wieder ein Teil fertig. Und was sagt ihr zu diesem Teil? Irgendwelche Anmerkungen?

Advertisements

2 Gedanken zu “Das alte Herrenhaus (Teil 5)

  1. Das ist immer das Problem mit den Altlasten. Wenn man Zeitreisen macht oder wegzieht. Wie verpackt man das. Eine schwere Entscheidung. Für die Liebe oder für die Familie…hmhm…sehr romantisch und bisschen traurig…

    Gefällt 1 Person

Ich freu mich über jeden Zauberkommentar von euch.

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s