Writing Friday 11: Für immer Winter

Auch heute habe ich wieder eine Writing Friday Geschichte für euch, denn das Thema hat mich inspiriert.

 

Erzähle wie die Welt aussehen würde, wenn es überall nur  noch eine Jahreszeit geben würde.

Immer nur Winter

In den alten Geschichten hieß es, es hätte vier Jahreszeiten gegeben. Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Ich kannte nur den Winter. Auf der ganzen Welt gab es nichts anderes mehr. Nur noch Schnee und Eis. Überall. Es war eine trostlose Welt. Früher galt der Schnee wohl als märchenhaft, aber heute war er nichts besonderes mehr. Er war einfach immer da. Er war kalt und weiß und eintönig.
Manchmal versuchte ich mir den Sommer vorzustellen. Wie warm es da gewesen sein musste. Ich kannte Wärme nur von Räumen und unserem Kamin. Draußen war es noch nie warm gewesen. Manchmal stellte ich mir auch den Frühling vor. Wie grün die Bäume sein mussten. Wie herrlich es überall aussehen musste. Bei uns waren die Bäume immer kahl. Und dann erst der Herbst. All die schönen bunten Blätter. Ich hatte schon Bilder davon gesehen. Aber in Natura natürlich noch nie.  Wie herrlich es doch wäre auch mal kurze Sachen ohne Strumpfhosen und dicken Jacken zu tragen. Sommerkleidung gab es nur im Winterstil.
Nun war es wieder zeit nach draußen in die Kälte zu gehen. Ich war schon warm eingepackt. Wie immer. Winterstiefel, Winterjacke und alles was dazu gehörte. Heute war es auch noch ziemlich zügig. Ich hasste die Kälte. Ein eisiger Wind packte mich als ich nach draußen ging. Hier war kaum was los. Wer nicht erfrieren wollte blieb lieber drinnen. Überhaupt spielte die meiste Zeit unseres Lebens drinnen ab. Wir waren noch nie gereist. Keiner Von uns. Flugzeuge gab es bei uns nicht. Sie würden in der Luft erfrieren. Sie waren nur eine ferne Erinnerung. Es war zu gefährlich. Ich hatte Berichte vom Weltall gesehen. Das konnte ich mir nicht mal vorstellen.
Ich ging zur Schule. Früher einmal hatten Schulen feste Zeiten gehabt. Jetzt fing sie meist erst Nachmittags an. Morgens war es viel zu kalt um überhaupt raus zu gehen. Die Zeiten hatten sich geändert.
In der Schule war einiges los. Die Schüler verzogen sich in die Räume. Die Klassenräume waren am wärmsten. Auch ich zog mich dorthin zurück. Ich setzte mich auf meinen Platz neben meiner besten Freundin Jana. Aber sie war noch nicht da. Wie immer kam sie später als ich. Ein paar andere Schüler waren aber schon da. Mia kam zum Beispiel zu mir und setzte sich auf Janas Schreibtisch. Das tat sie immer. Sie war auch am leichtesten bekleidet. Trotz der Kälte. Sie legte viel Wert auf ihr äußeres.
„Hey Lona, wie gehts wie stehts?“, fragte sie und strich ihr langes schwarzes Haar in einer perfekten Geste zurück.
„Ganz gut und bei dir?“, erwiederte ich.
„Ich kann mich klagen. Ich wünschte mir nur ich würden diesen Sommer erleben von dem wir neulich gehört haben“, meinte sie.
„Ich wünschte die Kälte würde vergehen“, bemerkte ich.
Und dann kam unser Lehrer in das Zimmer. Jana war immer noch nicht da. Unser Lehrer war schon alt. Seine Haare waren grau und er trug immer Schlabberjacken und einen uralten Schal sowie dicke Stiefel. Manchmal sogar Handschuhe. Er fror einfach immer. Selbst in den wärmsten Räumen. Es hieß er habe mal einen ganzen Monat draußen verbracht und seitdem war er nicht mehr der Alte. Jetzt stand er vor uns und sah uns mit wachen Augen der Reihe nach aufmerksam an.
„Kinder, wisst ihr was ich neulich gehört habe?“, fragte er. „Es wurde ein weiterer Planet entdeckt. Ja tatsächlich. Ist das zu fassen? Und man kann tatsächlich auf ihm leben, heißt es. Und jetzt kommt es. Er soll warm sein. Ein warmer Planet. Das ist eine Sensation zur heutigen Zeit.“
Sofort redeten alle aufgeregt durcheinander. Er ließ uns eine Weile gewähren bis er uns stoppte.
„Ja, ja. Die Sache hat allerdings einen Haken“, meinte er dann. „Er ist ziemlich weit weg. Ihr werdet nie wieder hier zurück kommen können. Außerdem nehmen sie nur ein paar hundert ausgesuchte Personen mit. Die Auswahl ist begrenzt, aber es gibt Hoffnung.“
War ja klar. Also für mich keine Option. Es würde wohl beim Winter bleiben. Ewiger Winter, ewige Kälte. Ich fror jetzt schon, wenn ich nur daran dachte. Doch was blieb mir anderes übrig? So schlimm war der Schnee auch wieder nicht. Die Kälte und der eisige Wind war das Problem. Schnee war eigentlich ganz schön. Besonders die Kinder freuten sich über ihn, aber sie durften nur selten raus, weil es viel zu kalt war.
Wenn man immer nur eine Jahreszeit hatte verlor sich das besondere daran. Wenn ich immer nur den Sommer um mich hätte, wäre er irgendwann auch nicht mehr besonders. Oder den Herbst oder den Frühling. So war es bei mir mit dem Winter. Er war nichts besonders mehr. Ich wollte die anderen Jahreszeiten kennen lernen. Ich wollte den Frühling, den Sommer und den Herbst. Doch meine Familie und Freunde waren wichtiger als Jahreszeiten. Und es gab ja auch schöne Sachen am Winter. Das gemütliche zusammensein, die klare Kälte, die Einsamkeit. Wäre all das nur nicht für immer. Doch man wollte ja immer das haben, was man nicht haben konnte. Ich wollte mich ja nicht beschweren. Ich war ja ganz zufrieden. Und vielleicht wurde irgendwann ein Planet entdeckt, der nah genug war. Vielleicht würde meine Familie dann sogar mitkommen. Sollten sie erst mal ein bisschen rumforschen. Ich blieb solange bei der Kälte. Jetzt aber folgte ich erst mal weiter dem Unterricht, denn das konnte ja nicht schaden.

Ende

Das war meine kleine Schneegesichte zum Writing Friday und dem Gedanken, was wäre, wenn immer nur Winter wäre. Und was sagt ihr?

Über Corly
Ich bin Bücherverliebt, Serienverrückt, eine Filmeliebhaberin, eine Geschichtenschreiberin, eine Patentante, eine Schwester, eine Cousine, eine Tochter, eine Tante, Blogschreiberin, Forengängerin, eine Kleindorfbewohnerin, eine Hobbyfotografierin, eine Buchsammlerin und eine Schwägerin in einer Person. :-)

6 Responses to Writing Friday 11: Für immer Winter

  1. Rina says:

    BRRRR – das wäre furchtbar – aber ich hätte mich auch für Familie entschieden. Die wäre mir, trotz Kälte am wichtigsten.
    Schön geschrieben.

    Gefällt 1 Person

Ich freu mich über jeden Zauberkommentar von euch.

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