Kapitel 26 Evaniel

Evaniel und ich waren ein Dreamteam. Wir hatten einfach alles zusammen gemacht. Egal was. Wir waren unzertrennlich. Mit ihm zusammen fühlte ich mich wie ein richtiger Mensch. Alleine war ich verloren. Bevor ich Mianna kennen gelernt hatte, war ich immer noch alleine verloren gewesen. Ich vermisste Evaniel immer noch schmerzlich, aber mit Mianna an meiner Seite war es erträglicher geworden.
Evaniels Tot hatte mich so dermaßen erschüttert. Es war als wäre der größte Teil meines Lebens von mir ge-rissen worden. Ich musste immer daran denken, dass vieles hätte anders sein können, wenn ich ihn an jenem Tag zum See begleitet hätte, wo er ertrunken ist. Doch an dem Tag hatte ich keine Lust gehabt nach draußen zu gehen. Nicht mal mit Evaniel. Ich wollte einfach nur al-lein sein. Zwei Tage vorher war Ariella zu Besuch gewe-sen und wenn sie da war, hatte Evaniel für mich keine Zeit. Dann zählte nur sie. Das nahm ich ihm immer noch übel, auch wenn es dumm war. Deswegen war ich nicht mitgekommen. Aus Sturheit. Tatsächlich war ich es gewesen, der so verdammt dumm gewesen war. Evaniel könnte noch leben. Und das würde ich mir nie verzeihen.
Die Schuldgefühle lähmten mich. Nicht mal mit Mianna konnte ich darüber reden. Das behielt ich lieber für mich. Vielleicht würde sie mich mit anderen Augen se-hen, wenn sie die Wahrheit kennen würde.
Ich hatte meinen Bruder im Stich gelassen, als er mich am nötigsten gebraucht hatte. Ich war ein armseliger Bruder. Das durfte mir niemals bei Mianna geschehen.

Kapitel 24 Der Kuss

Leinar

Der Kuss von Mianna und mir war so wunderschön. Vielleicht ging das alles ein bisschen schnell, aber mir konnte es eigentlich nicht schnell genug gehen. Vielleicht sah es auch so aus, als hätte ich das nur getan um sie von Ariella abzulenken. Das stimmte aber nicht. Ich wollte das schon länger tun, hatte mich bisher aber noch nicht getraut und so lange kannten wir uns ja nun auch gar nicht.
Der Kuss war einfach perfekt gewesen. So hatte ich ihn mir immer vorgestellt. Ich wünschte ich könnte diesen Moment mit Jemand teilen, den ich sehr vermisste.
Ob er jetzt wohl von oben zusah?
Ich hatte wohl bemerkt, dass Mianna eifersüchtig wegen Ariella war. Ich hoffte, ich hatte ihr klar genug zu verstehen gegeben, dass sie sich keine Sorgen zu machen brauchte. Ariella und ich hatten eine andere Verbindung, aber wenn überhaupt war das rein freundschaftlich und nicht mehr. Eigentlich von beiden Seiten, auch wenn sie das momentan noch nicht so sah. Sie sah Jemand anderen in mir. Deswegen hing sie so an mir. Bisher hatte mich das nicht gestört, doch ich wollte nicht, dass sie zwischen mir und Mianna stand. Dennoch unterhielt ich mich gern mit ihr. Sie hatte immer was zu erzählen.

Kapitel 23 Das Fest

Du bist das Beste was mir je passiert ist.
Es tut so gut wie du mich liebst.
Ich sag’s dir viel zu selten,
es ist schön, dass es dich gibt.
Dein Lachen macht süchtig,
fast so als wäre es nicht von dieser Erde.

Silbermond – Das Beste

Einige tanzten mitten in der Menge. Sophann und Emma hatte ich wieder aus den Augen verloren. Dafür entdeckte ich jetzt Leinar. Er stand bei Ariella und Antonia. Ich hatte keine große Lust auf Ariella, aber mit Antonia hatte ich mich im Zug gut verstanden. Außerdem wollte ich unbedingt mit Leinar reden. Also ging ich zu den Dreien. Die Schwestern trugen beide rote Samtkleider. Die Zwillinge sahen total identisch aus. Beide hatten graugrüne Augen, blonde halblange Haare, eine schlanke Figur und sehr lange Beine. Es war schwer sie auseinander zu halten. Leinar passte farblich irgendwie gar nicht zu den beiden, aber dafür umso besser zu mir.
Er entdeckte mich als Erster, strahlte mich an und fragte mich: „Und, hast du Emma und Sophie schon gesprochen?“
„Nein noch nicht“, antworte ich ihm. „Aber ich würde gerne mit dir reden.“
Leinar nickte, entschuldigte sich bei den Mädchen, und zog mich quer durch die Menge. Wir standen schließlich in einer der hinteren Ecken des Saals.
„Was gibt’s denn?“, fragte er mich neugierig.
„Ich hab mich eben mit Fürst Cameron unterhalten“, erzählte ich ihm aufgeregt.
„Und?“, fragte er weiter.
„Er ist wirklich cool und möchte mir Privatunterricht geben.“
„Das ist doch nett von ihm. Ist sonst noch was?“
Wieso war Leinar plötzlich so schroff? Das passte so gar nicht zu ihm. Nervte ich ihn etwa?
„Hast du mit deiner Oma reden können?“, fragte ich Leinar.
„Müssen wir da wirklich jetzt drüber sprechen?“ Er wirkte immer genervter.
„Nein und ich will dich auch nicht weiter stören.“ Ei-gentlich hatte ich ihn noch nach seiner Mutter fragen wollen, aber das sparte ich mir nun. Stattdessen wandte ich mich zum Gehen. Doch Leinar griff nach meiner Hand, um mich aufzuhalten.
„Warte! So war das doch gar nicht gemeint!“
„Wie denn dann?“, fragte ich ihn und konnte nicht vermeiden, dass ich verletzt klang.
„Ich möchte doch mit dir über all das reden. Nur eben heute nicht. Nicht auf dieser Feier. Lass uns morgen darüber reden, okay?“ Leinar sah mich fast flehend an.
„Oh, verstehe. Geh du nur zu deiner Ariella.“ Ich hass-te mich dafür, dass ich so verbittert klang. Ich wollte Leinar vertrauen, aber ich konnte einfach nicht anders.
Leinar hielt hartnäckig meine Hand fest. „So ist es doch gar nicht. Ich habe nicht solche Gefühle für sie.“
Mein Herz machte einen Satz, aber ich versuchte so lässig wie möglich zu klingen, als ich sagte: „Wie du meinst. Das geht mich ja auch nichts an.“
„Doch tut es“, beharrte Leinar und dann tat er etwas, womit ich niemals gerechnet hätte. Er zog mich in seine Arme. Meinem Kleid gefiel das offenbar, denn es ver-formte sich so, dass es sich sanft an Leinars Körper schmiegte und uns nicht behinderte. Und dann küsste er mich. Und wie! Erst zärtlich und unglaublich vorsichtig und sanft und dann immer fordernder.
Und das vor all diesen Leuten. Gut. Hier in dieser Ecke waren wir ziemlich versteckt, aber trotzdem. Mir blieb buchstäblich die Luft weg. Als wir uns sanft vonei-nander lösten, ließ er mich nicht los, sah mir aber ein-dringlich in die Augen.
„Es geht dich was an, denn ich hab mich in dich verliebt.“
Das sagte er so, als sei es das selbstverständlichste auf der Welt. Als könnte es gar nicht anders sein und diese schlichten Worte gaben mir das Gefühl, was Besonderes zu sein.
„Oh Leinar“, seufzte ich überglücklich. Eigentlich konnte ich gar nicht fassen, dass er mich so an sich ran-ließ. Ich erwiderte seinen Blick und erklärte dann: „Ich hab mich auch in dich verliebt.“
Und dann umarmten wir uns wieder. Jetzt waren wir wohl wirklich Seelenliebende oder zumindest angehende Seelenliebende.
„Wow“, lächelte er und ich grinste. Er fragte: „Damit hättest du wohl nicht gerechnet, was?“
„Nein, wirklich nicht“, grinste ich zurück. „Aber ich bin froh, dass es so gekommen ist.“
„Ich auch.“ Er klang, als könnte er noch nicht ganz begreifen, was da eben passiert war. Dennoch wirkte er richtig ausgelassen und fragte mich: „Möchtest du tan-zen?“
„Aber gerne“, antwortete ich.

Also reichte er mir seine Hand und führte mich auf die Tanzfläche. Es kam gerade ein Liebeslied von einer Feenband. Leinar zog mich an sich und ich legte meinen Kopf an seine Schulter. Mein Herz klopfte wie wild und ich war ganz aufgeregt. Ich hatte noch nie so mit einem Jungen getanzt. Es wirkte irgendwie sehr intim. Viel zu schnell war das Lied vorbei. Leinar sah mir in die Augen und es lag so viel Gefühl darin. Leicht nervös, aber fröhlich grinste er mich an und löste sich dann ganz von mir. Wir verließen lächelnd die Tanzfläche.
Eigentlich wollte ich jetzt nur mit Leinar zusammen sein, aber ich wollte auch unbedingt noch mit Sophann und Emma reden und die Mädchen fragen, wie es ihnen ging. Ich hatte sie den ganzen Abend noch nicht gesehen.
Leinar zeigte sich verständnisvoll und ließ mich gehen. Zum Abschied flüsterte er nur: „Wir sehen uns ja in unse-rer Suite.“
Ich nickte und schenkte ihm ein Lächeln. Dann trenn-ten wir uns erneut voneinander.

Schließlich fand ich Sophann und Emma mit Lily in einer der ruhigeren Ecke sitzen.
„Hier steckt ihr also“, stellte ich zur Begrüßung fest.
Sie sahen mich an, als wäre ich eine Außerirdische, doch dann strahlte Sophann mich an: „Wow, du siehst ja toll aus.“
„Danke, ihr aber auch.“ Es stimmte. Selbst die un-scheinbare Sophann wirkte heute Abend wunderschön mit ihren Locken und dem geblümten grünen Kleid und den Blumenohrringen. Sie wirkte zum ersten Mal wie eine richtige Fee.
Emma hatte ihre Haare einfach ganz normal runter hängen lassen. Das reichte bei ihr schon aus um schön zu wirken. Ihr goldenes Engelkleid passte perfekt zu ihr und Lily sah richtig süß aus in dem schicken schwarzen Kleid, dass sie trug. Ihre schwarzen modisch geschnittenen Haa-re und die leichte Schminke in ihrem Gesicht rundeten ihr Aussehen ab.
„Ich hab euch die ganze Zeit über gesucht“, verkündete ich den Mädels nun.
„Ja klar“, Sophann lachte ausgiebig. „Deswegen hast du also so mit Leinar getanzt.“
„Das habt ihr gesehen?“, fragte ich sie.
„Na ja, es war kaum zu übersehen“, gab Sophann zu-rück.
„Ihr seid sogar farblich aufeinander abgestimmt.“
„Purer Zufall“, behauptete ich und wusste, dass ich nicht sehr überzeugend klang.
„Wie du meinst.“ Emma zuckte nachgiebig mit den Achseln und fragte mich dann: „Wieso seid ihr eigentlich nicht zusammen mit uns untergebracht?“
Da war sie! Die heikle Frage, vor der ich mich ge-fürchtet hatte. Doch mir war inzwischen eine relativ glaubwürdige Erklärung eingefallen. „Leinar und ich sind mit Cameron und Sena verwandt. Die beiden wollten, dass wir im selben Turm leben wie sie. Der Turm ist der damaligen Sternenkönigin Cassandra gewidmet.“
Sie sahen mich zwar etwas skeptisch an, ließen meine Aussage aber so stehen.
„Unser Turm ist Corly gewidmet. Sie lebt dort zu-sammen mit Austin, dem Lehrer. Austin ist zwar Lehrer für eine andere Stadt, aber Corly und Austin sind ein Paar. Eigentlich war Corly lange Zeit zusammen mit ihren Brüdern untergetaucht, aber vor etwa drei Monaten ka-men sie hierher und unterrichten jetzt hier. Ist das nicht toll?“, erzählte Sophann aufgeregt.
„Ja klar. Unglaublich, dass sie hier ist. Corly scheint echt nett zu sein“, bestätigte ich.
„Wir haben sie noch nicht wirklich kennen gelernt“, erklärte Emma nun. „Sie hat uns nur im Gemeinschafts-raum willkommen geheißen und uns erzählt, dass unser Turm Corella heißt.“
„Dann seid ihr also gut zurechtgekommen, seit wir ge-trennt wurden?“, wollte ich wissen.
„Ja“, nickten sie einstimmig und Lily fügte noch hinzu: „Es ist echt toll hier und so magisch.“
Da konnte ich ihr nur zustimmen.
Die Eröffnungsfeier ging bis zum frühen Morgengrau-en. Dann gingen wir in unsere Türme und Suiten. Wir legten uns in unser Bett. Leinar schlief fast sofort ein.
Es war schon komisch nicht mehr allein in einem Bett zu liegen. Anderseits hatten wir auch schon im magischen Zug eine Nacht nebeneinander geschlafen. Vielleicht war ich deswegen jetzt überhaupt nicht verlegen. Ich fand es schön. Leinar war mir noch recht fremd, doch er wirkte mir auch andererseits auch so vertraut. Als würden wir uns schon ewig kennen. Ich betrachtete ihn noch eine Weile. Er trug ein weites graues T-Shirt und eine schwarze Boxershorts.
Dann schlief ich auch ein in meinem langen kuscheligen roten Schlafanzug. Wir konnten morgen immer noch miteinander reden.
Jetzt war mir auch klar, wieso wir am zweiten Tag noch keinen Unterricht hatten.

Kapitel 12 Unangenehm

So, es hat etwas gedauert, aber endlich komme ich dazu ein weiteres Kapitel meiner Geschichte zu posten.

 
Das Gespräch mit Arie war eigentlich ganz witzig. Wir hatten viel über alte Zeiten geredet und obwohl ich mich immer etwas unwohl in ihrer Nähe fühlte, konnte sie auch ziemlich witzig sein.
Immer wieder sah ich zu Mianna hinüber. Auch wenn sie es nicht merkte oder besser gesagt besonders dann. Sie wirkte angespannt, doch mit Antonia unterhielt sich sich locker. Eigentlich hätte ich es auch besser gefunden, wenn wir zu viert auf einem Sofa gesessen hätten, aber Ariella hatte mich ja gleich zu ihrem gezogen. Ich hatte Mianna dann noch einen entschuldigenden Blick zugeworfen, aber ich glaub sie hatte es nicht mitbekommen.
Als der Zug dann anhielt zuckte ich einfach nur zu-sammen. Die Situation kam mir zu bekannt vor, auch wenn es damals nicht im Zug gewesen war. Natürlich konnte ich mich auch irren, aber ich konnte mir durchaus vorstellen, dass mein Vater uns hinterhergefahren war, um mich zurück zu holen. Das gefiel mir überhaupt nicht.

Kapitel 11 Die alte Freundin

– Wenn einer keine Angst hat, hat er keine Phantasie.-

Erich Kästner deutscher Schriftsteller

Als Leinar und ich den Wagon von Zaall betraten, staunte ich nicht schlecht. Die Wände von unserem Wohnraum waren schlicht weiß und etwas sternen-schimmernd. Hier wirkte die Wand, als sei es ein richtiger Sternenhimmel. Ich spürte praktisch, wie die Wolken am Himmel weiterzogen. Der Raum war auch ziemlich dunkel. Die einzigen Lichter kamen von einem Kamin in der Ecke und einem kleinen Nachtlicht. Als Ariella Leinar entdeckte, sprang sie sofort auf und umarmte ihn stürmisch. Er zuckte leicht zusammen, er-widerte aber ihre Umarmung kurz. Dann schob er sie sanft von sich. Er sah sie einfach nur mit hochgezogener Braue an. Das schien schon zu reichen, damit sie sich leicht verlegen entschuldigte. „Oh Leinar! Ich hab mich so gefreut, dich wieder zu sehen. Da hab ich ganz vergessen, dass du nicht gern berührt wirst.“ Ich sah Leinar stirnrunzelnd an. Er erwiderte meinen Blick, zuckte aber mit den Achseln, als wollte er sagen: Keine große Sache! „Schon gut“, sagte er an Ariella gewandt und lächelte sie dann an. Sie führte ihn zu ihrem schwarzen Sofa. Von mir hatte sie nicht mal Notiz genommen. Antonia schien zu bemerken, dass ich mich unwohl fühlte und klopfte einladend auf den Platz neben ihr. Also setzte ich mich dorthin. „Tut mir Leid. Meine Schwester kann manchmal etwas unsensibel sein“, entschuldigte sie sich. „Ja, das hab ich gemerkt“, stimmte ich Antonia zu. „Aber dafür kannst du ja nichts.“ „Na ja. Sie war eben total aus dem Häuschen, seit sie erfahren hat, dass sie Leinar wieder sehen würde. Die Beiden haben sich schon immer gut verstanden.“ Die Bemerkung war nicht gerade hilfreich. Sie machte mich eher nervös, aber das konnte Antonia ja nicht wis-sen. Ich fragte mich, woher Ariella gewusst hatte, dass Neal Leinar war. Andererseits hatte Leinar ja auch gleich gesagt, dass er Ariella kennt. Es waren noch vier weitere Zaaller im Raum, sowie Justin und Sören, die sich mit Sanna und Marleen unter-hielten. Sanna war ähnlich wie Sophann ein unscheinbares Mädchen, aber Sophann war dennoch ziemlich hübsch. Sanna dagegen wirkte irgendwie wie ein kleines Mädchen in einem jugendlichen Körper. Sie war zu dünn und ihre blonden Kringel löcken wirkten ebenfalls ziemlich kindlich. Marleen hatte schwarze lange Rasta Zöpfe und recht dunkle Haut. Sie trug ein weißes Kleid mit tiefem V-Ausschnitt und wirkte schon sehr erwachsen. Im Gegensatz zu uns hatten sie sich zu viert auf ein Sofa gesetzt. Leinar unterhielt sich jedenfalls sehr angeregt mit Ariella, was meine Stimmung nicht gerade hebte. „Du kommst also wie Leinar aus unserer Hauptstadt?“, fragte mich Antonia nun. „Ich war im Gegensatz zu meiner Schwester noch nie dort. Ich stelle es mir un-glaublich riesig vor.“ „Na ja, klein ist sie nicht gerade“, stimmte ich zu und dachte an die vielen kleinen Häuschen mit rotem Back-stein in den Bergen und Wäldern, die zu Raubit gehörten. Ich vermisste meine Heimat mehr denn je. „Ich stelle es mir so unglaublich schön vor.“ Antonias Augen leuchteten geradezu vor Begeisterung. „Vor allem die vielen kleinen Lichter im Tal. Ich würde so gern we-nigstens nur einmal Raubit besichtigen.“ Ich lächelte, weil ich gerade an eben diese Lichter ge-dacht hatte. „Wieso warst du eigentlich nie dort?“, fragte ich sie dann. „Ich habe ein Handicap“, gestand Antonia mir. „Im Tageslicht werde ich krank. Wenn ich tagsüber in einem dunklen Zimmer bin, passiert nichts, aber sehe ich Tageslicht, wird mir schlecht und ich muss mich übergeben. Doch das sind nur die harmlosen Symptome meiner Krankheit. Wenn ich zu lange im Tageslicht bin, werde ich ausserdem verwirrt und weiß nicht mehr, wer ich bin.“ Das fand ich traurig. Ein Leben ohne Sonnenlicht musste grausam sein. „Von so einer Krankheit hab ich noch nie gehört.“ „Sie ist auch extrem selten. Die Krankheit nennt sich Kresinus und heißt so viel wie Tagmeider. Das letzte Mal hatte die Kresinus jemand vor etwa hundert Jahren.“ „Aber wird es in der Menschenwelt für dich dann nicht gefährlich?“, fragte ich sie. „Nein, ich hab gehört, dass das Schloss zur Hälfte in Tageslicht getaucht ist und zur Hälfte in Finsternis ist. Das wechselt wohl auch öfter. Unsere Schule ist im Schloss.“ Davon hatte ich noch nie gehört, aber ich hatte mich bisher auch noch nicht viel mit der Schule beschäftigt. Was erwartete mich eigentlich in der Menschenwelt? „Ich kann mir nicht vorstellen nur in der Nacht zu leben“, gestand ich. „Man gewöhnt sich dran. Unsere Augen gewöhnen sich in der Nacht auch viel mehr an das, was wir sehen, als deine ungeschulten Augen. Es ist für uns fast als wäre es Tag.“ Ich fand das schon faszinierend und Antonia war mir auf jeden Fall sympathisch. Plötzlich fragte sie mich: „Du magst ihn, oder?“ „Wen?“, fragte ich, obwohl ich mir durchaus denken konnte, wen sie meinte. „Na, Leinar natürlich.“ Sie schrie es fast, aber das machte nichts, da es wegen dem Gesprächszauber Nie-mand außer uns hören konnte. „Ja“, gab ich schließlich zu, obwohl ich nicht wusste, wieso. Ich kannte sie ja gar nicht. „Keine Sorge“, beruhigte Antonia mich. „Von meiner Schwester will er bestimmt nichts. Er mag sie, aber sie ist ihm auch unheimlich. Zu besitzergreifend. Dich hingegen hat er sehr schnell in sein Herz geschlossen. Eure Ver-bindung geht tiefer. Ich kann es nicht besser erklären, aber er will dich besser kennen lernen. Du berührst ihn und er kann sich das nicht erklären. Das ist ihm bisher noch nie passiert.“ Staunend sah ich Antonia an. „Woher weißt du das al-les?“ „Ich kann nicht direkt Gedanken lesen, aber ich kann Gefühle spüren und seine Gefühle für dich sind sehr stark“, erklärte Antonia. Mein Herz machte einen Satz und ich sah kurz zu Leinar hinüber. Ich wollte sie gerade fragen, ob sie das denn auch durch den Zauber hindurch spüren konnte. Da ging ein Ruck durch den Zug. Wir mussten jetzt kurz vor Landfort sein. Die Bewohner von Tindemu mussten in-zwischen dazu gestiegen sein. Ich hatte gar nicht ge-merkt, dass wir gehalten hatten. Aus dem Lautsprecher verkündete die übliche Frau-enstimme: “ Liebe Fahrgäste! Bitte bewahren Sie Ruhe, aber kehren Sie in Ihre Wagons zurück.“ Sören und Justin waren schon aufgestanden. Ich sagte noch zu Antonia: “ Ich hoffe, wir sehen uns bald wieder“ Dann rief Leinar: „Komm endlich!“ Er zog mich aus dem Wagon, den Flur entlang und in unseren rein. Es kam mir hier jetzt total hell vor. Was war da draußen wohl los? Angespannt saßen wir auf unseren Sofas und warteten. Aus dem Lautsprecher erklang Musik. Vermutlich sollte uns das beruhigen. Ich sah zu Leinar rüber, doch er regte sich nicht. Er sah noch stur geradeaus. Es wirkte fast so, als hätte er schon mal so was mitgemacht. Sophann neben mir wippte ständig hin und her. Emma warf mir einen ängstlichen Blick zu. Irgendetwas musste passiert sein. Wir spürten es alle.

Zaall

Zaall war eine besondere Stadt. Denn sie war die einzige Stadt, die den Tag zur Nacht machten. Deswegen konnten hier auch gut sogenannte Tagmeider leben, die vom Tageslicht krank werden. Die sind aber sowieso sehr selten.

Die Zaaller konnten im Dunkeln genauso gut sehen wie im Hellen. Sie hatten so eine Art inneres Tageslicht in sich. Eine Art Lampe im Auge. Sie sahen fast als sei es Tag.

Zaall wurde immer „Die dunkle Stadt“ genannt, aber sie war eher so dunkel wie New York. Also mit vielen Lichtern beleuchtet. Die Lichter waren auch einfach ziemlich bunt und fast jeden Tag bedeckte ein dunkelroter Schleier den Himmel. Als wäre es ein Sonnenuntergang, der niemals verging.

Auch Zaall hatte acht Erwählte für die Menschenwelt.

Die Stadt war oder sollte von Wüste umgegeben sein und war etwa so groß wie London.

Sie aßen eigentlich fast nur Obst und Gemüse und tranken kaum etwas. Nur hin und wieder Nudeln zum Beispiel.

Aus Zaall kamen zum Beispiel Ariella und Antonia. Antonia war auch eine der seltenden Tagmeider.