Kapitel 27 Die Bibliothek

Liest du ein Buch zum ersten Mal,
lernst du einen Freund kennen.
liest du ein Buch zum zweiten Mal,
begegnet dir ein alter.

chinesisches Sprichwort.

Die Bibliothek im Erdgeschoss des Hauptgebäudes war riesig und natürlich voller Bücher. Auf den ersten Blick sah ich, dass sie in zwei Hälften aufgeteilt war. In der einen Hälfte befanden sich die Bücher über menschliche Literatur und in der anderen die der magischen Literatur.
Ich hatte Bücher schon immer geliebt und war fasziniert von der Vielfalt der Anzahl hier.
Eine Frau, die aussah, als sei sie etwa fünfzig Jahre alt – aber mit Sicherheit älter war – kam auf uns zu. Sie hatte goldgraues langes Haar und wirkte etwas dicklich, was ihr aber durchaus stand. Sie trug ein lila Tageskleid.
„Kann ich euch helfen?“, flüsterte sie.
„Wir wollten unsere Schulbücher abholen“, erklärte ich und gab ihr die Listen, die wir auf unserem Wohn-zimmertisch gefunden hatten.
Sie nahm sie und sah sie sich an. „Das wird eine Weile dauern“, verkündete sie uns. „Seht euch doch schon mal um. Ihr werdet sicher eine Menge Zeit hier verbringen. Ich finde euch schon.“
„Dürfen wir uns auch privat Bücher ausleihen?“, fragte ich hoffnungsvoll.
„Wenn sie für euer Alter geeignet sind… Wieso nicht?“
Ich strahlte, nahm Leinars Hand und zog ihn ohne ein weiteres Wort zur Abteilung mit den Büchern der Menschen. Die Abteilung war in viele verschiedene Bereiche unterteilt. Zuerst ging ich in den Bereich Fantasy. Dort fand ich das Buch Seelen von Stephenie Meyer. Das wollte ich schon immer mal lesen. Außerdem interessierte mich von Kiera Cass – Selection Band Eins.
Ich ließ die Abteilungen Frauenromane, Kinderbü-cher, Jugendbücher, ausländische Bücher und andere Abteilungen hinter mir und ging in den historischen Be-reich. Dort fand ich das Buch Die Päpstin von Donna W. Cross. Davon hatte ich schon gehört und die Geschichte interessierte mich. Da kamen auch irgendwie die Gottes-dienste drin vor, die wir bald kennen lernen sollten. Also nahm ich es mit.
Dann ging ich in die magische Abteilung und ich fand dort eine meiner Lieblingsgeschichten. Der Lebenssee und die goldene Fee. Außerdem ein Buch über die Rit-tergilde. Es heißt, Cameron und Tiljan hatten sich ir-gendwann zusammengesetzt und ihre Geschichten aufge-schrieben. Der Titel des Buches lautete Elfenstern.
Dann kam die Bibliothekarin zu uns. Auf ihrem Na-menschild stand übrigens der Name Lea Rei. Sie hatte zwei große Tragetaschen voller Bücher in der Hand, die wir ihr abnahmen. Ich gab ihr meine ausgesuchten Bü-cher.
„Da hast du aber Glück gehabt. Fünf Bücher dürft ihr maximal ausserhalb der Schulbücher mitnehmen. Für drei Monate darfst du sie behalten, aber wenn du ein Buch durch hast kannst du es schon ruhig zurückgeben.“
„In Ordnung. ich werde es mir merken“, versprach ich.
Die Bibliothekarin nahm die Bücher mit zu ihrer Theke und versah sie mit einem Zettel, wo mein Name drauf stand, sowie das Abgabedatum. Dann trug sie die Daten noch in ihren Computer ein und packte sie mit in meine Tragetasche.
„Die Bücher, die ihr am Ende des Schuljahres nicht mehr braucht, gebt ihr bitte hier wieder ab. Ihr habt bestimmt gesehen, dass ihr Bibliothekswesen als Unterrichtsfach habt. Da bekommt ihr sowieso noch eine ausführliche Führung.
„Ich freu mich drauf“, versicherte ich ihr.
Leinar war die ganze Zeit über sehr ruhig gewesen. Als wir die Bibliothek verließen, strahlte ich: „So viele Bücher. Ein Traum!“
„Wenn du meinst.“ Leinar zuckte nur mit den Achseln.
„Du interessierst dich nicht besonders für Bücher, o-der?“, vermutete ich.
„Nicht besonders“, bestätigte er. „Wann willst das alles denn überhaupt lesen?“ Er deutete auf meine Tragetasche voller Bücher. „Du hast doch überhaupt keine Zeit mehr dazu.“
„Sonntags und in den Freistunden, in denen ich nicht lernen muss“, antwortete ich ihm. Irgendwie würde ich das schon hinbekommen.
Zuerst brachten wir die Bücher in unsere Suite und dann wollten wir in den großen Gemeinschaftsraum im Haupthaus.