Der Herbstmensch Teil 5: Das Ende

Ich habe vor langer Zeit mal angefangen den Herbstmensch zu schreiben. Genau gesagt habe ich hier auf dem Blog vor etwa 3 Jahren damit begonnen. Jetzt habe ich die Geschichte abgeschlossen. Da ich mich nicht mehr so richtig in die Geschichte reinfinden konnte, vielleicht etwas schnell, aber immerhin.

Hier gehts erst mal zu den vorherigen Teilen:

Teil 1
Teil 2
Teil 3
Teil 4

Und hier kommt der aktuelle und letzte Teil:

Teil 5

Akt 5: 5. Treffen

 

Die Besichtigung des Schlosses war einfach traurmhaft. Ein wenig hatte ich ja schon beim ersten Besuch gesehen, aber längst nicht alles. Das merkte ich erst jetzt.
Es gab eine Art Gartenterasse, die noch zum Schlossgebäude gehörte. Sie war ganz der Herbst. Bunte Blumen und Bäume zierten sich durch die Reihen und Laub verteilte sich überall auf dem Boden. Es sah unglaublich aus. Mitten drin stand eine Bank und es wirkte, als sei man direkt in einem Herbstwald gelandet.
„Wow, ist das wunderschön“, schwärmte ich.
„Hier kommt Jan oft her. Besonders, wenn er im Winter aufwacht um Energie zu tanken“, erklärt Floh mir. „Du darfst dich gern jederzeit hier aufhalten, wenn der Platz dir gefällt. Jan würde es bestimmt gefallen.“
„Danke“, sagte ich bewegt.
„Schon gut. Lass uns lieber weiter gehen.“ Oho, das Eichhörnchen konnte wohl nicht mit Komplimenten umgehen.
Also führte es mich aus dem Herbstgarten raus in das braunorange Schloss und durch unzählige Gänge und Räume. Eins prächtiger als das andere. So etwas hatte ich noch nie in meinem Leben gesehen.
Glänzende Räume, strahlende Liegewiesen und der reine Herbst überall. Wenn ich hier leben würde, würde ich dann nie mehr den Sommer sehen und nie mehr den Winter oder den Frühling? Immer nur Herbst? Wollte ich denn eigentlich hier leben?

Es vergingen einige Tage bis ich Jan das nächste mal sah. Er wirkte verschlafen und wie frisch aus dem Bett gekommen, aber er trug jetzt eine grüne Hose und einen orangen Pullover. Wir setzten uns in den Herbstgarten. Ich freute mich ihn zu sehen. Ohne ihn war es einsam hier gewesen.
Er wirkte etwas weniger blass, aber immer noch blass genug, dass ich mir Sorgen machte.
„Wie geht es dir?“, fragte ich ihn, nachdem wir uns auf die Bank in der Mitte des Gartens gesetzt hatten.
„Ganz gut. Ich bin nur müde. Ich denke aber, dass ich es schaffen werde heute wach zu bleiben. Wie hast du dich eingelebt?“
Sein Haar war noch verwuschelt, was ihn jünger wirken ließ.
„Ganz gut, aber ich fühle mich einsam. Niemand ist hier. Nur ab und zu Floh“, gestand ich ihm.
„Das tut mir Leid. Ich wäre ja gern die ganze Zeit hier, aber der Herbst ist vorbei …“ Er wirkte sehr zerknirscht.
„Das muss es ja. Du bist ja jetzt da.“ Er sollte sich keine Sorgen um mich machen. Ich kam schon klar. Er sollte sich erholen, damit er sobald er konnte, wieder stark war.
„Ja, jetzt. Aber wer weiß wie lange“, sagte er nur bedauernd.
„Mach dir keine Gedanken“, versuchte ich ihn zu beruhigen und nahm seine Hand in meine. „Hauptsache ich bin sicher und meine Familie auch.“
„Du kannst dich mit allem beschäftigen, was du willst. Wir haben eine riesige Bibliothek und Videothek und Computer. Du darfst alles benutzen“, bot er mir großzügig an.
„Das ist lieb von dir“, bedankte ich mich bei ihm, aber wir wussten beide, dass nichts von dem seine Gesellschaft ersetzten konnte.
Wir schwiegen verlegen und ich lehnte meinen Kopf an seine Schulter.
„Wird das in Zukunft immer so sein?“, fragte ich ihn bedrückt.
„Mit mir? Hm, vielleicht nicht. Wenn du an meiner Seite wärst, wäre ich auch in den anderen Jahreszeiten stärker. Aber dafür müsstest du dich für mich entscheiden und erst nachdem wir geheiratet hätten, wäre das Band zwischen uns vollständig“, erklärte er mir und schien sich dabei unwohl zu fühlen.
„Das heißt, ich müsste dich auf jeden Fall heiraten?“, hakte ich nach. Ich tat es nicht gern, denn er wusste genauso gut wie ich, dass das ein heikles Thema zwischen uns war.
„Ja, wir könnten uns Zeit lassen, aber …“ Er sprach nicht weiter und das musste er auch nicht. Ich wusste, was er sagen wollte. Es würde ihn vermutlich eher schwächen als stärken.„Ja, ich weiß nicht was ich tun soll“, gestand ich ihm. Ich will dich kennen lernen, aber ich weiß nicht, ob ich es durchstehe, hier zu leben.“
„Ich kann dich verstehen“, erwiderte er traurig. „Du musst dich auch nicht sofort entscheiden. Ich kann warten.“
„Aber für dich steht fest, was du willst?“ Ich wusste nicht, was er sich wirklich wünschte.
„Ich glaube, ich habe gar keine andere Wahl. Es ist meine Bestimmung, aber ja. Auch wenn es anders wäre, würde ich mir nichts anderes wünschen.“
„Das ist aber irgendwie traurig. Man sollte immer eine Wahl haben“, fand ich.
Er nickte nur, sagte aber nichts dazu.

Und da ich jetzt einfach alles zu Ende bringen will, kommt alles in einen Teil.

Akt 6. : 6. Treffen

Jan wachte immer mal wieder zwischendurch auf, aber nie sehr lange. Wir unterhielten uns über unsere Interessen und Neigungen und lernten uns besser kennen. Er lachte viel und er machte gerne lange Spaziergänge. Er trank gerne abends Rotwein und aß herbstliche Gerichte oder Früchte von Bäumen. Aber er hatte auch ungewöhnliche Neigungen. Kurz bevor er in einen weiteren Schlaf sank leuchtete seine Haut so golden wie seine Haut, als würde sie ihn wärmen. Wenn er erwachte, war sie so dunkel wie die Nacht, und bekam erst langsam wieder Farbe. Er redete sehr vornehm und manchmal altmodisch, auch wenn er es ihrzuliebe anders versuchte hörte sie es doch immer wieder heraus. Wenn er dann wach war, sprach er recht langsam, als wäre er immer noch müde und er blieb nie mehr als ein paar Stunden auf. Doch der Frühling nahte und obwohl es nicht seine Jahreszeit war, wurde er wieder etwas stärker.
Die meiste Zeit verbrachte ich in der Bibliothek und las oder hörte Musik. Nur wenn Jan erwachte ging ich mit ihm ein wenig spazieren und wir unterhielten uns weiter über Musik, Lieblingssachen und vielen mehr. Die Zeit verstrich und der Frühling erblühte. Flo ließ sich nicht mehr blicken. Dafür tauchte eines Tages Fine wieder auf. Sie kam einfach durchs Fenster in die Bibliothek geflogen.
“Hey, einsames Mädchen. Wie geht’s?“, fragte sie.
“Ganz gut, aber ich bin wirklich einsam. Wird Jan noch lange so einen Rhythmus zwischen Wachen und schlafen haben?“, fragte ich. „Übrigens heiße ich Marleen.“
“Es wird noch ein bisschen so gehen. Hattest du trotzdem Zeit ihn ein bisschen kennen zu lernen?“, erklärte Fine.
“Etwas, aber nicht genug. Nicht annährend.“ Ich wusste, dass ich traurig klang.
Fine nickte verständnisvoll. Falls Schmetterlinge nicken konnten. „Wenn Herbst ist, könnt ihr auch wieder etwas in deiner Welt machen. Zum Beispiel ins Kino gehen. Er liebt diese Dinger einfach. Ich schleiche mich selbst manchmal rein“, erzählte Fine munter. Ich starrte sie ungläubig an.
“Kino?“
“Natürlich. Auch wir kennen ein paar Vorzüge deiner Welt. Selbst ich als Schmetterling“, nickte sie.
Ich schüttelte nur mit dem Kopf. Verrückte Welt.
Und dann hörte ich die Tür hinter uns. Jan kam herein. Er wirkte etwas frischer und wacher.
“Dachte ich mir doch, dass es Fine war, die ich in meinem Kopf rumstöbern spürte“, nickte Jan und legte mir wie selbstverständlich eine Hand auf meine Schulter.
„Jemand muss dich ja mal frisch machen. Du verschläfst ja alles“, empörte sich Fine.
Jan sagte nichts, sondern grinste nur. Dann setzte er mich neben mich auf das Sofa.
“Ich geh dann mal“, sagte Fine nur und ohne ein weiteres Wort ließ sie uns allein. Ich schüttelte verwirrt den Kopf.
“Hey“, lächelte Jan mich an.
“Hey!“, gab ich zurück.
“Geht’s dir wieder besser?“, fragte ich und betrachtete ihn besorgt. Er sah blass aus, aber immer noch gut. Sein goldenes Haar war heute besonders struppelig und er trug Jeans und ein braunes T-Shirt und wirkte fast normal.
“Zumindest besser“, antwortete er. „Ein Spaziergang würde mir vermutlich gut tun.“
“Bist du denn fitt genug dafür? Es dauert noch bis Herbst.“ Ich wollte nicht, dass er gleich wieder tagelang durchschlief.
“Klar! Der Winter ist vorbei. Der schwächt mich am meisten. Danach bin ich wieder fitter. Auch wenn ich mehr Schlaf brauche als im Herbst“, erklärte er überzeugend.
“Gut, dann lass uns gehen“, bot ich ihm an, auch wenn ich immer noch nicht ganz überzeugt war, dass das wirklich das beste für ihn war.Er nahm meine Hand und führte mich so nach draußen. Hier im Herbstbereich versuchte sich der Herbst immer noch etwas durchzusätzen, aber das gelang ihm nur kläglich. Viel mehr wirkte er verwelkt und ausgestorben.
Offenbar tat der Wald ihm tatsächlich gut, denn er bekam wieder etwas mehr Farbe.
„Wie ist es dir in meiner Schlafenszeit so ergangen?“, wollte er von mir wissen.
“Ruhig. Hier war nichts los. Ich hab viel gelesen“, gestand ich ihm.
Er grinste schelmisch. „Das wird jetzt sicher wieder etwas anders werden.“
“Wenn du meinst.“ Ich zuckte mit den Schultern.
“Lass uns hier lang gehen“, riet er mir und führte mich auf einen Waldpfad links von uns, der tatsächlich immer noch recht herbstlich wirkte.
“Wow“, hauchte ich. „Hat der Wald unterschiedliche Epochen?“
“Sowas in der Art“, nickte er. „In machen Gebieten setzt sich der Winter oder der Frühling besser durch als in anderen. Ich gehe immer in die, wo der Herbst noch recht stark ist, wenn ich mich wieder fitt genug fühle. Das baut mich auf.“
Dieser Weg war wunderschön. Golden erstrahlt von der Sonne und das Herbstlaub lag auf dem Weg. Es raschelte unter meinen Füßen. Wir gingen gemütlich nebeneinander her und fühlten uns wohl.
“Ich find deine Welt durchaus interessant“, teilte ich ihm mit. „Sie hat was und der Herbst ist durchaus eine schöne Jahreszeit und hat seine Vorteile.“
“Das stimmt“, nickte er. „Das hat sie durchaus.“ Ein Lächeln erschien auf seinem Gesicht.
“Führst du mich ein wenig rum?“, fragte ich hoffnungsvoll.
“Aber gerne“, freute er sich über mein Interresse.
Und so gingen wir weiter durch den Wald. Je tiefer wir gingen, desto goldener wurde er und desto mehr blühte Jan auf. Das freute mich sehr.
“Du musst bei der Winterfee wirklich aufpassen“, warnte er mich. „Sie ist tückisch und gerissen. Sie würde alles tun, damit ich nie wieder aufwache. Die Sommerfee ist harmlos. Sie ist eine Liebe. Der kannst du trauen. Der Frühlingsjunge ist auch in Ordnung. Nur manchmal etwas zu schüchtern um hervozukommen. Ihn wirst du vielleicht gar nicht sehen.“
“Okay, gut zu wissen.“ Das beruhigte mich etwas. Jetzt wusste ich, worauf ich achten musste. Zumindest bei den Herrschern der Jahreszeiten. „Gibt es noch was, was ich wissen müsste?“
Er überlegte kurz. „Du solltest nie alleine in den Wald gehen. Auch nicht in den Herbstwald. Der Wald ist allgemein gefährlich.“
“Okay, das werde ich mir merken“, versprach ich.
Dann gingen wir langsam weiter. Je weiter wir in den Wald kamen, desto goldener wurde Jans Haut. Der Wald tankte ihn auf und er wirkte schon viel gesünder. Das freute mich. Ich hatte mir Sorgen um ihn gemacht.
Als wir wieder bei der Terasse ankamen wirkte er schon gleich viel fitter. Er lächelte auch wieder mehr. Er war wieder mehr der alte Jan, den ich kennen gelernt hatte.
“Und was machen wir jetzt?“, wollte ich wissen.
“Hast du schon was gegessen?“, wollte er wissen.
“Nein“, antwortete ich.
“Dann pass mal auf“, grinste er nur und führte uns wieder rein.
Er führte mich in den Speisesaal. Es war eigentlich nur ein kleiner Raum. Aber auch er wirkte sehr herbstlich. Ein paar Tische standen im Raum verteilt, die Vorhänge waren in einem sanften braun und die Fensterbänke waren mit Herbstdeko versehen. Dekoigel, Tannenzapfen, Kastanien und sowas. Es sah wirklich schön aus.
An einer Wand war ein Buffet hergerichtet worden, an denen es jede Menge Leckereien gab. Ich sah mir die Sachen erst mal genauer an.
“Die Kastanien sind gut“, empfahl er mir. „Und die Kürbissuppe.“
Ich betrachtete die Esskastanien. Sie schienen geröstet zu sein und so nahm ich sie. Außerdem nahm sie ein paar von den grünen Blätter, die mit Tomate oder Gurke belegt waren und ein Stück Brot. Zum Trinken wählte ich Apfelsaft.
Auch Jan nahm sich was zu Essen und dann setzten wir uns an einen der liebevoll gedeckten Tischen. Hier gab es ebenfalls etwas Dekoration. Sträucher und Eicheln im Herbststil. Was sonst?
“Und?“, fragte er mich und musterte mich eingehend, als ich die Esskastanien in den Mund steckte.
“Die sind gut“, gab ich zu.
Er lächelte mich an. „Ich wusste es.“
“Du hast nur darauf gewartet, dass ich das sage, oder?“, fragte ich ihn.
“Aber klar“, grinste er.
Ich freute mich, dass er so gut gelaunt war. Er hatte so lange geschlafen. Immer und immer wieder. Jetzt wirkte er fast ausgelassen.
“Es ist schön, dass du wieder munter bist“, fand ich.
“Es ist schön, dass du bei mir bist“, fand er.
Jetzt lächelte ich ihn an. Bei ihm fühlte ich mich doch wirklich wohl.
Wir aßen auf und dann führte er mich noch mal durchs Schloss. In einigen Bereichen war ich schon gewesen, aber nicht in allen. Die Bibliothek kannte ich natürlich schon. Auch die Terasse. Aber einige Räume kannte ich auch noch nicht. Zum Beispiel den Fernsehnraum. Den hatte ich bisher vermieden. Er war groß und gemütlich, aber auch hell. Die Wände waren weiß, aber mit Filmpostern verziert. Ich sah sie mir genauer an. Sie schienen alle von älteren Filmen zu sein. Manche waren sogar in schwarz weiß gehalten. Sie passten so gut in diesen Raum.
“Die sind echt toll“, fand ich lächelnd.
“Ja, nicht wahr? Sie sind mein ganzer Stolz.“ Und so klang er auch.
Ich lachte. „Filmposter?“
“Hey, das sind echte Klassiker. Die gibt’s so gar nicht mehr“, meinte er beleidigt.
“Ich sag ja schon gar nichts mehr“, grinste ich.
Dann führte er mich weiter durch die Räume. Es waren undenldich viele. Große Räume, kleine Räume, helle Räume, dunkle Räume. Aber der, in dem wir jetzt standen, gefiel mir besonders gut. Er wirkte so herbstlich und passte so gut zu Jan. Es war eine Art Wohlfühllounge. In den Farben orange, gelb und grün gehalten. Überall waren Kissen zersträut worden. Ich legte mich sofort in das Kissenmeer hinein.
„Ich liebe diesen Raum“, schwärmte ich.
“Er ist toll, oder?“ Jan strahlte mich an.
“Auf jeden Fall“, stimmte ich ihm zu.
„Wann werde ich wieder nach Hause können?“, fragte ich ihn plötzlich. Ich wusste selbst nicht, woher das kam.
„Hab noch ein bisschen Geduld“, bat er mich. „Ich fühle mich schon etwas besser, aber ich brauche noch etwas, um wieder aufzutanken. Ich möchte dich nur ungern allein dorthin lassen.“
“Okay, aber ich hoffe, es dauert nicht mehr lange. Ich vermisse sie.“
“Ich werde mir Mühe geben“, versprach er.
“Gut.“ Das musste reichen. Vorerst.
“Und was machen wir in der Zwischenzeit?“, wollte ich wissen.
“Ich werde noch ein bisschen schlafen müssen. Du kannst gerne deine Zeit hier verbringen wie du möchtest.“
Er schlief ein paar weitere Tage. Ich verbrachte diese Tage lesend auf der Terasse, in der Bibliothek oder bei ihm am Bett, um ihn zu beobachten. Schließlich aber wachte er wieder auf.

Akt 7: 7. Treffen:

Als Jan das nächste mal erwachte, blieb er auch wach. Ich war froh darüber, denn jetzt blühte der Herbst wieder richtig auf. Auch Jan war viel besser drauf. Er lachte und machte Scherze. Wir gingen wieder hinaus und er blühte noch mal auf. Und dann machten wir uns auf den Weg in meine Welt. Ich freute mich total darauf. Ich würde meine Familie wieder sehen. Wir gingen also durch den herbstlichen Wald und der führte uns zurück in die Menschenwelt. Ich war plötzlich ganz hibbelig. Ich wollte jetzt ganz schnell weiter kommen.
Ich zog Jan mit mir und er lächelte. Hier kannte ich mich aus. Hier führte ich ihn. Er kam kaum hinterher. So schnell ging ich.
“Hey, warte doch mal“, rief er. „Der Herbst hat gerade mal begonnen. Ich bin noch schwach.“
Ich drehte mich um. Er war ein ganzes Stück hinter mir und ich hatte es nicht mal gemerkt. Ich blieb stehen.
“Puh“, meinte er, als er bei mir ankam. „Ich hasse diese Übergänge.“
“Ach, komm. Ich geh jetzt langsamer“, versprach ich. Und so gingen wir nebeinander her.
Doch ich konnte es kaum erwarten zu Hause zu sein. Und endlich war es so weit. Ich stand vor unserem Haus. Es sah aus wie immer und doch so ganz anders. Es hatte sich veändert und irgendwie auch nicht. Es war schwer zu erklären. Das Haus war natürlich genau wie immer. Aber ich sah es mit anderen Augen. Es wirkte irgendwie kleiner und gemütlicher. Im Baum hing wie immer braunes Lametta und vor der Tür stand ein Dekoigel. Ich lächelte. Das passte zu meiner Mutter.
“Komm“, sagte ich und ging zur Tür. Dann klingelte ich und wurde immer aufgeregter. Es dauerte eine Weile, bis sich etwas tat. Ich hörte etwas hinter der Tür. War das ein Hundebellen? Na, nu. Seit wann hatten wir denn einen Hund?
“Ruhig, Leska, ruhig“, hörte ich eine vertraute Stimme rufen. Meine Mutter.
Dann öffnete sich eine Tür und dahinter kam eine Frau zum Vorschein, die einen Hund an der Leine hielt. Erst sah sie mich verständnislos an, dann fragte sie verwirrt. Du?“
“Ich.“ Ich lächelte und wusste, dass ich nicht mehr ins Herbstland zurück kehren würde. Hier gehörte ich her, hier wollte ich bleiben, doch wie sollte ich das Jan erklären? Ich würde eine Möglichkeit finden. Erstmal gingen wir rein und folgten meiner Mutter in das Haus.

Ende

Der Herbstmensch Teil 2

Juhu, ich habs tatsächlich noch geschafft. Das zweite Treffen mit dem Herbstmensch ist beschrieben worden, aber noch nicht korrigiert. Es könnten also Fehler drin sein oder unstimmiges. Aber sonst viel Spass beim Lesen.

 

Ich hatte einige Zeit nichts von Jan gehört. Obwohl ich ihn kaum kannte, vermisste ich ihn irgendwie. Seine Nähe hatte mir auf unehrklärlicher Weise Trost gespendet. Ich fühlte mich bei ihm verborgen und das verstand ich nicht.
Der Herbst schritt voran. Der Wald wütete in seiner Blütezeit und ich hatte kaum noch Hoffnung, dass Jan mich noch mal besuchen kommen würde. Konnte er in anderen Jahreszeiten ausser dem Herbst eigentlich unsere Welt betreten?
Doch während ich auf meine Lichtung zuging, wie mittlerweile jeden Tag in der Hoffnung Jan zu sehen, entdeckte ich schon Fine, den Schmetterling. Sie sah mich traurig an und ich bekam Bauchschmerzen. Wieso war sie traurig?
Ich ging zu ihr und sie hüpfte aufgeregt vor mir auf und ab. „Endlich bist du da. Ich hab auf dich gewartet. Du musst mit mir kommen. Nur du kannst jetzt noch helfen.“
„Was ist los?“, fragte ich verwirrt und beunruhigt.
„Jan ist seit Wochen nicht wieder aufgewacht. Wir glauben, dass nur du ihn zum Aufwachen bringen kannst“, erzählte Fine.
„Moment mal. Was heißt nicht wieder aufgewacht?“ Ich wusste gar nichts mehr. Und wieso sollte ausgerechnet ich ihm helfen können?
„Das erklär ich dir alles später“, versprach Fine mir. „Kannst du mich begleiten?“
„Werde ich wieder kommen?“, fragte ich.
„Wenn du willst“, nickte sie.
„Okay“, stimmte ich schließlich zu.
Mein zweiter Übergang in das Herbstland war sanfter. Ich wusste, was mich erwartete. Nur war Jan diesmal nicht an meiner Seite. Er schlief in seinem Zimmer im Blätterschloss und wachte nicht mehr auf.
Als ich in seinem Zimmer ankam sah er sogar noch schlimmer aus als ich es mir vorgestellt hatte. Er lag da und wirkte als würde er verwelken wie Sommerblumen.
„Was ist mit ihm?“, fragte ich Fine.
„Genau das wonach es aussieht. Er verwelkt. Der Herbst verlässt ihn“, antwortete sie.
„Und was bedeutet das?“ Fine sprach einfach nur in Rätseln.
„Entweder stirbt er oder er gehört, wenn er aufwacht, zu einer anderen Jahreszeit.“
„Und wie kann ich ihm helfen?“, wollte ich nun verwirrt wissen.
„Küss ihn!“, forderte Fine mich auf.
“Was?“, fragte ich entsetzt. Nicht, weil er so abstoßend wäre, sondern weil ich ihn kaum kannte.
“Wenn du ihm helfen wilsst küsst du ihn besser“, beharrte Fine.
Ich beschloss, dass sprechende Schmetterlinge anstrengend waren, küsste ihn aber direkt auf den Mund. Ich schmeckte seine Herbstlichkeit und sein Mund fühlte sich wie goldenes Sonnenlicht an. Nicht gerade unangenhem. Zuerst passierte nichts, aber dann kehrte Wärme in seinen Körper zurück und er schien wieder wie der Herbst zu werden.
Einige Zeit später hauchte er heiser: „Danke.“ Er lag mit geschlossenen Augen da, aber er lächelte.
„Gerne“, antwortete ich.
“Du bist gekommen?“, wunderte er sich. „Einfach so? Wie?“
“Fine hat mich geholt“, antwortete ich.
„Wie klug Schmetterlinge doch waren“, fand er.
Ich war mir da nicht so sicher. Ich hatte Jan helfen wollen, aber was machte ich jetzt. Dieser Kuss hatte alles verändert. Ich liebte den puren Herbst. Ich grinste ihn an und er setzte sich auf und zog mich in seine Arme.
„Du bist es“, sagte er nur schlicht.
„Ich bin wer?“, fragte ich nur. Ich verstand kein Wort.
„Die Auserwählte. Die, die mich retten wird. Meine Seelengefährtin“, war seine Antwort darauf.
„Ach so. Na dann ist ja alles klar“, fand ich ironisch. Er grinste mich nur an.
“Du wieder. Das kenn ich mittlerweile ja schon von dir“, sagte er nur. Ich seufzte.
„Was soll ich denn sonst sagen? Du wirfst mir hier so eine Aussage hin, als hätte ich keine andere Wahl. Wir kennen uns doch kaum.“ Ich mochte das Herbstland und ich mochte Jan. Das musste ich zugeben. Aber ich wollte nicht, dass es etwas war, was ich nicht beeinflussen konnte. Ich wollte Selbstbestimmung.
„Dann sollten wir uns kennen lernen“, fand Jan. Er sah mich aus seinen Herbstaugen magisch an. „Ich möchte dich unbedingt kennen lernen. Was ist mit dir?“
Ich biss auf meiner Unterlippe herum. „Ja“, stimmte ich schlißlich zu. Er wirkte zufrieden.
„Okay, dann frag mich was?“, forderte er mich auf.
„Bist du geboren worden?“, fragte ich. Es war eine seltsame Frage, aber mir fiel nichts anderes ein.
„Hm, nicht so wie du. Ich bin aus Blättern entstanden. Der Vorgang ist ziemlich kompliziert, aber es hat was mit Magie zu tun“, erzählte er mir.
Okay, was also war er?
„Hm“, machte ich nur verwirrt.
Er sah mich musternd an. „Klingt seltsam, oder?“
„Allerdings“, bestätigte ich.
„So seltsam ist es gar nicht. Jedenfalls nicht aus meiner Sicht. Es ist einfach nur Magie. Blättermagie nennen wir es. Die Blätter wirbeln durch die Luft, Jemand murmelt Zauberworte und nach einiger Zeit entsteht ein neuer Herbstmensch“, erklärte er schlicht.
„Klingt faszierend“, entgegnete ich.
„Es ist auch interessant es mit anzusehen“, bestätigte er.
„Und was tust du, wenn du nicht gerade auf der Suche nach der Richtigen bist?“, wollte ich jetzt wissen. Ich wusste so gar nichts über ihn.
„Ich jage Herbthasser“, erklärte er.
„Herbsthasser?“, fragte ich verständnislos nach. Hatte ich natürlich noch nie gehört und so wirklich konnte ich mir auch nichts drunter vorstellen.
„Das sind jene magische Wesen, die den Herbst zerstören. Meist in der Menschenwelt. Bäume abhaken, Blätter abreißen, Nebel produzieren, wo keiner ist. So was in der Art. Sie bringen die Umwelt in Unordnung“, erklärte er weiter.
„Okay, ich dachte das wären einfach Straßenarbeiter oder so was“, kommentierte ich diese Beschreibung trocken.
„Sind sie meist auch“, bestätigte er. „Aber einige wenige nicht und die müssen zur Rechenschaft gezogen werden.“
“Und das ist die Aufgabe eines Prinzen?“
„Nein, eigentlich nicht, aber es lenkt mich von meinen eigentlichen Aufgaben ab und macht mir Spass“, gab er zu.
„Und was sind dann deine eigentlichen Aufgaben?“, ließ ich nicht locker.
„Hm, regieren schätze ich. Krieg vermeiden. Was ein König oder Prinz eben tut. Das Land ruhig halten. Frieden bewahren“, zählte er gelangweilt auf. Vermutlich war er nicht begeistert von seinen täglichen Pflichten. Doch dann fügte er strahlend hinzu: „Und die Richtige finden, die eines Tages an meiner Seite regieren wird.“
Na dann. Ich war nicht sicher was ich davon halten sollte. Konnte ich mir ein Leben hier in dieser Welt vorstellen? Wie sah das überhaupt aus. Die andere Frage war, ob ich mir je ein Leben mit Jan vorstellen konnte. Um das zu beurteilen kannte ich ihn wohl noch zu wenig.
„Und was ist mit dir? Was tust du in der Menschenwelt?“, drehte er nun den Spieß um.
Mittlerweile stand er wieder aufrecht im Zimmer mir gegenüber und sah mich neugierig an.
„Ach, ich geh noch zur Schule. Letztes Jahr Abi und danach will ich studieren“, erzählte ich nur.
Offenbar kannte er sich etwas in der Menschenwelt aus, denn er fragte mich interessiert: „Und was willst du studieren?“
„Literaturwissenschaften und Germanistik“, erklärte ich.
„Klingt schwierig“, fand er.
„Hm, nicht wenn man es kann“, erwieder ich nur.
„Und danach? Welchen Beruf möchtest du ausüben?“, fragte er weiter.
„Keine Ahnung. Vielleicht in einer Bücherrei arbeiten oder einer Buchhandlung oder einfach als Lehrerin oder professionelle Bücher schreiben.“ Ich hatte wirklich noch keine Ahnung was ich mit meinem Leben anfangen wollte.
„Hört sich interessant an.“
„Ist es auch“
Wir lächelten uns an und wussten nicht mehr was wir sagen sollten. Ich hatte noch so viele Fragen, aber heute war ich ausgelaugt. Es brauchte einfach mehr Zeit um sich kennen zu lernen.
Jan schien zu spüren, dass mir die Luft ausging und bot mir an: „Soll ich dich zurück bringen? Wir können ein andermal weiter machen.“
“Wird es wieder so lange dauern bis du dich meldest?“, fragte ich.
„Nein“, versprach er mir.
„Also gut. Ich bin müde und das Gespräch hier hat mich erschöpft.“
„Okay, dann lass uns gehen.“
Er nahm meine Hand und ich schloss die Augen. Im nächsten Moment standen wir auf meiner Lichtung. Er ließ mich aber nicht los sondern zog mich näher an sich. Die Sonne ging gerade unter. Und dann küsste er mich. Und wie! Der Kuss war sanft und ruhig zugleich. Geradezu federhaft leicht. Doch anderseits war er auch so intensiv, dass er mir durch Mark und Bein ging. Alles in mir kribbelte und ich reagierte definitiv auf ihn. Das schien ihn zu freuen.
Er flüsterte mir ins Ohr. „Damit du mich beim Nächsten Mal an mich erinnerst.“ Und dann war er verschwunden und ich blieb einsam zurück.

Der Herbstmensch Teil 1 Die erste Reise

Ich hab mir überlegt, dass ich eine Geschichte zum Thema Herbst schreiben möchte. Hier hab ich am Wochenende nun schon mal ein bisschen was verpasst. Ich denke ich werde es in mehreren Teilen schreiben. Mal sehen, wann ich das nächste mal dazu komme. Vermutlich am Wochenende. Ich lag letzte Woche mal Abends im Bett und da viel mir die Idee dazu ein. Jetzt bin ich gespannt, was ihr zu meinem ersten Entwurf sagt. Was gefällt euch, was nicht? Wie findet ihr es überhaupt und welche Ideen gefallen euch besonders? Der heutige Text entspricht etwas über drei Wordseiten.

Ich wünsche euch viel Spass beim Lesen und freu mich über jeden Kommentar.

 

Der Herbst ist da. Spürt ihr es auch?

Es ist Herbst. Die Sonne scheint durch die Bäume und ich bin im Wald. Der Wald hat mich schon immer angezogen. Ich bin gern und oft hier. Einsam. Das ist das Wort, was mir hierzu einfällt. Im Wald kann ich allein und kann nachdenken. Hier stören mich nur die Vögel, die ihre wunderschönen Lieder zwitschern. Wobei mich das gar nicht stört. Ich liebte das. Bald ziehen sie alledings schon wieder weiter in ihr Winterquartier.
Ich hatte mir einen besonderen Platz in meinem Wald gesucht. Eine kleine Lichtung mit einer grünen Fläche, auf die ich mich setzte, um zu lesen und die Ruhe zu genießen. Das war mein Ding.
Und dann kam er plötzlich aus dem Wald. Ein wunderschöner Junge, der aussah, als wäre er in Blätter gehüllt. Er wirkte wie der Herbst selbst. Braunrote halblange Haare, sein Gesicht kantig und sein Hals wirkte wie ein Baumstamm an einem Menschen. Seine Augen waren von einem leuchtenden grün und er war groß und schlacksig. Seine Haut wirkte blass und er trug einen grünes T-Shirt und eine rote Hose. Seine Beine waren so dünn, dass es fast ein Pflanzenstil hätte sein können. Na ja. Aber nur fast.
Er hatte mich noch nicht entdeckt. Etwas im Himmel hatte seine Aufmerksamkeit erregt, aber was? Was könnte ihn mehr interessieren als das Mädchen hier unten auf der Wiese? Also ich. Ich blickte selbst nach oben, sah aber nur Vögel, die nach Süden zogen. Der Sommer war nun wohl endgültig vorrüber.
Dann wandte er sich von den Vögeln ab und sah mir direkt ins Gesicht. Selbst aus der Ferne konnte ich seine Schönheit sehen. Seine Haare leuchteten in der Sonne und wehtem in der kühlen Herbstbriese. Er war wirklich sehr schön und kam auch noch auf mich zu. Oh mein Gott. Wer war dieser Mann? Ich hatte ihn noch nie gesehen.
Er blieb direkt vor mir stehen. Wir sagten beide überhaupt nichts. Er musterte mich gründlich und ich fühlte mich nackt, obwohl ich durchaus Kleidung trug. Dann grinste er übers ganze Gesicht und es schien, als wäre er die goldene Sonne selbst, vermischt mit einem ganzen Sternenhimmel.
„Wer bist du?“, fragte er mit einer pfeiffenden Stimme, die sich anhörte wie ein heftiger Herbststurm.
„Das gleiche könnte ich dich fragen“, sagte ich und sah ihm standhaft in die Augen.
Er lächelte wieder und gleich kam die Sonne wieder. Wenn er damit aufhörte, bildeten sich lange Schatten.
„Du hast Recht. Ich bin einfach nur neugierig. Du kommst mir einfach so bekannt vor.“ Er stand nun direkt vor mir und ich konnte den Herbstduft an ihm riechen. Ein bisschen eine Mischung aus Regen und Gras.
„Ich kenne dich aber nicht“, erklärte ich bestimmt. Ich hatte ihn noch nie gesehen.
„Ich weiß, aber das ändert nichts daran, dass du mir bekannt vorkommst“, sagte er nur.
„Machts du das mit allen Mädchen so?“, fragte ich.
„Was mache ich denn?“, fragte er zurück.
„Diese Masche mit: „Ich kenne dich.“
„Hm, nein. Eigentlich nicht. Ich treff nicht so viele Mädchen.“
Das wiederum konnte ich mir nun so gar nicht vorstellen. Er war doch ein totaler Mädchenschwarm.
„Okay“, sagteich nur gedehnt.
„Zu Hause bin ich ziemlich allein. Das Schloss ist riesig und es sind viele Leute dort, aber ich fühl mich trotzdem eingeängt.“ Okay. Wieso gestand er mir das jetzt?
„Schloss?“, hakte ich nach, als ich dieses Wörtchen heraushörte.
„Das Schloss im Herbstland“, erklärte er. „Blättertraum heißt es.“
Ja klar. Wer war der Typ? War er einer Psychatrie entflohen? Aber so wirkte er gar nicht.
„Und du bist der König davon, oder wie?“ Er merkte nicht, dass ich das ironisch meinte und beantwortete meine Frage.
„Eigentlich bin ich der Herbstprinz. Das Blätterschloss ist mein zu Hause.“
„Aha“, war alles, was mir dazu einfiel.
„Du gehörst auch dahin, weißt du“, bemerkte er dann plötzlich.
„Ja natürlich. In dein Herbstland? Woher willst du das wissen? Du kennst mich doch gar nicht.“ Ich wehrte mich heftig gegen diese seltsame Aussage von ihm.
„Ja, in mein Herbstland. Ich weiß es, weil es eine Legende gibt. Die besagt, dass der zukünftige Herbstprinz ein besonderes Mädchen in der Welt der Menschen findet und sie mit zu sich nimmt“, erzählte er und klang dabei total gelassen und selbstbewusst. Ich hatte nicht vor mit ihm zu gehen, aber ich fand ihn durchaus interessant, gut aussehend und ich wollte ihn gerne näher kennen lernen.
„Na toll“, kommentierte ich das nur und er seufzte frustriert.
„Ich würde dir gerne was zeigen. Dazu müsstest du mich begleiten, aber ich bring dich wieder zurück, versprochen“ Er sah mich abwartend an, doch ich war misstraurisch. Was wollte er mir zeigen? Ich kannte ihn doch gar nicht. Er dagegen schien meine Unsicherheit zu spüren und rief daher einfach nur: „Fine!“
Ein Schmetterling kam herbeigeflatter. Er war wunderschön und in regenbogenfarben. Mit der dünnsten piepsigsten Stimme, die ich je gehört hatte, antwortete er: „Ja, Herr.“
„Ich hab dir doch gesagt, dass du mich nicht Herr nennen sollst. Jan ist mir lieber“, wies er den Schmetterling zurecht.
Moment! Der Schmetterling hatte gerade gesprochen, oder? Das war doch nicht möglich. Wie hatte er das gemacht? Halluzinierte ich? Doch da sprach der Schmetterling schon wieder.
„Ja, in Ordnung. Jan. Also, was gibt’s?“
“Die Dame möchte uns in unser Land begleiten. Kannst du uns helfen?“, fragte er sie.
„Moment mal, ich habe nicht zugestimmt“, protestierte ich etwas lahm.
„Es ist ein einmaliges Angebot“, erklärte er mir sachlich.
„Du wirst es nicht bereuen. Es ist so traumhaft. Glaub mir. Und du kannst ja wieder zurück“, versuchte nun auch der sprechende Schmetterling mich zu überreden.
Meine Entschlossenheit bröckelte nach und nach und schließlich gab ich ganz nach. „Also gut.“
Jan reichte mir seine Hand und ich nahm sie. Der Schmetterling setzte sich auf Jans Schulter. „Denk an den Herbst“, gab Jan mir noch einen hilfreichen Vorschlag und dann war der Wald schon um mich verschwunden und es war einfach überall bunt. Sogar in der Luft.
Ich sah mich um. Es roch nach Herbst. Regen und Wind. Und vor mir stand das gigantischste Schloss, dass ich jemals gesehehen hatte. Ein Blättermeer bedeckte es, dass wirkte, als würde es durch den Wind wehen. Das Schloss lag im Nebel, sodass es fast gespenstig wirkte und die Sonnenstrahlen schienen durch den Nebel. Darum herum war blauer Himmel mit Schleierwolken und die Luft war klar und kühl.
„Ist es nicht wunderschön?“, fragte Jan mich erfürchtig.
Ich nickte nur sprachlos.
„Möchtest du reingehen?“
Ich war mir da nicht so sicher und zögerte. Er schien erneut meine Unsicherheit zu spüren. Ein Igel huschte an uns vorbei, warf uns einen bösen Blick zu und verschwand blitzschnell im Blätterschloss. Fragend sah ich Jan an.
„Das war Nura. Er hat was gegen mich“, erklärte er mir nur.
„Igel sind eigensinnige Tiere. Entweder sie können andere Wesen und leiden oder nicht. Nura gehört zu der eigensinnigsten Sorte“, fügte Fine noch hinzu.
Ich schüttelte nur mit dem Kofp und murmelte: „Sprechende Tiere. Na dann.“ Jan hatte es wohl verstanden, denn er grinste.
„Jetzt lass uns aber endlich reingehen. Es wirkt frisch“, bemerkte Jan und sah mich mit funkelden Augen an. Ich nickte, war mir aber immer noch unsicher. Trotzdem folgte ich ihm.
Das Betterschloss wurde durch eine unsichtbare Tür betreten, doch es wirkte, als ginge man durch einen Vorhang. Innen war es … Ich fand keine Worte dafür. Oder besser gesagt kein anderes als herbstlich. Innen ragten Baumranken an den Wänden bis oben an den Decken. Sie waren erfüllt von bunten Blättern. Die Wände wirkten wie Wolkenhimmel und irgendwie lebendig. Die Wolken schienen wirklich weiter zu ziehen. Eigentlich fühlte es sich gar nicht an als sei ich drinnen. Der Gang, in dem wir uns befanden, wirkte vollkommen leer. Jan trat hinter mich.
„Hier steckt eine Menge Magie drinnen. Du wirst hier noch wahre Wunder erleben“, prophezeite er mir. „Das Schloss ist noch größer als du denkst. Ein wahres Labyrinth.“
„Na dann.“ Ohne mich zu fragen nahm er meine Hand und führte mich durch dieses faszinierende Schloss. Zuerst sah alles gleich aus. Die gleichen Gegenden, die gleichen Gänge, aber mit der Zeit veränderte sich was. Die Sonne durchflutete die Wände, es regnete ohne uns nass zu machen und Regenbögen bildeten sich an den Wänden. Es wirkte wunderschön.
Wir gingen lange durch dieses Labyrinth. Ich hatte das Gefühl, als würde es nie enden. Doch dann führte er mich in einen großen goldenen Raum mit viel Licht, einem Himmelbett aus Wolken, Schneeflocken, die aussahen wie Sterne und viel Herbstlaub drin.
„Wo sind wir hier?“, fragte ich noch verwirrter.
„In meinem Zimmer“, antwortete er schlicht. Einfach so. Was machte ich hier? Warum hatte er mich mit hierher genommen?
„Keine Sorge. Ich erwarte nichts von dir. Eine Schlossbesichtigung enthaltet viele Orte und dieser hier ist mir am liebsten“, erklärte Jan als er meinen panischen Ausdruck gemerkt hatte.
„Mit Schneeflockensternen und Herbstlaub?“, fragte ich nur.
Er grinste. „Mir gefällt es.“ Erwartungsvoll sah er mich an.
„Ja, es ist ganz schön. Wieso ist das Schloss so leer? Außer uns hab ich hier Niemanden gesehen?“, fragte ich als nächtes.
„Oh, glaub mir. Es gibt viele Bewohner in diesem Schloss. Aber die meisten sind am liebsten allein unter sich und oft sind es auch einfach nur Tiere.“ Er beobachtete mich genau. Diese ganze Situation war sowas von verrückt. Ich war in einem fremden Land mit einem fremden Mann in einem fremden Schloss. Was hatte ich mir nur dabei gedacht?
„Ist das nicht einsam?“, fragte ich aber nur. Er tat mir irgendwie Leid.
„Nein, wir wollen es nicht anders und ich hab Fine als Gesellschaft. Das reicht mir“, sagte er.
Ich betrachtete zweifelnd den Schmetterling. Sie schien ihm treu ergeben zu sein, aber das war kein Ersatz für menschliche Beziehungen.
„Aber das Schloss ist so groß. Hier ist so viel Platz für Feiern oder ähnliches“, beharrte ich.
„Das ist es, aber hier ist ja nicht nur Platz für uns Herbstwesen. Es gibt auch einen eigenen Bereich für Sommer, Winter und Frühling. Den betreten wir aber nur selten.“
Jan hatte sich an die Wand gelehnt und das ließ ihn noch herbstlicher wirken. Als würde er eins mit der Wand werden. Nebel umgab ihn. Ich dagegen hatte mich auf sein Bett gesetzt. Er musterte mich forschend. Was dachte er wohl?
„So groß wirkt es nun auch wieder nicht“, war meine geistreiche Bemerkung, was ihm ein Grinsen entlockte.
„Was denkst du über unser Schloss?“ Er wandte den Blick die ganze Zeit nicht von mir ab, was ich nervös machte.
„Es ist schön, aber auch fremd. Es macht mich nervös, aber ich würde es gern auch neu entdecken.“ Die widersprüchlichsten Gefühle tauchten in mich ein.
„Möchtest du gern wiederkommen?“, bot er an.
„Wenn ich darf“, strahlte ich. Doch dann zögerte ich. Er schien es zu bemerken und versicherte mir: „Keine Verpflichtungen.“
Ich nickte erleichtert.
„Dann komm. Ich bring dich nach Hause. Das nächste Mal zeig ich dir was neues.“
Ich nickte und nahm seine Hand. Kurze Zeit später befand ich mich wieder auf meiner Lichtung. War das gerade alles wirklich passiert? Jan stand nämlich nicht mehr neben mir. Woher sollte ich wissen, wann ich das nächste mal ins Herbstschloss konnte? Ich musste wohl darüber nachdenken.