Kapitel 11 Die alte Freundin

– Wenn einer keine Angst hat, hat er keine Phantasie.-

Erich Kästner deutscher Schriftsteller

Als Leinar und ich den Wagon von Zaall betraten, staunte ich nicht schlecht. Die Wände von unserem Wohnraum waren schlicht weiß und etwas sternen-schimmernd. Hier wirkte die Wand, als sei es ein richtiger Sternenhimmel. Ich spürte praktisch, wie die Wolken am Himmel weiterzogen. Der Raum war auch ziemlich dunkel. Die einzigen Lichter kamen von einem Kamin in der Ecke und einem kleinen Nachtlicht. Als Ariella Leinar entdeckte, sprang sie sofort auf und umarmte ihn stürmisch. Er zuckte leicht zusammen, er-widerte aber ihre Umarmung kurz. Dann schob er sie sanft von sich. Er sah sie einfach nur mit hochgezogener Braue an. Das schien schon zu reichen, damit sie sich leicht verlegen entschuldigte. „Oh Leinar! Ich hab mich so gefreut, dich wieder zu sehen. Da hab ich ganz vergessen, dass du nicht gern berührt wirst.“ Ich sah Leinar stirnrunzelnd an. Er erwiderte meinen Blick, zuckte aber mit den Achseln, als wollte er sagen: Keine große Sache! „Schon gut“, sagte er an Ariella gewandt und lächelte sie dann an. Sie führte ihn zu ihrem schwarzen Sofa. Von mir hatte sie nicht mal Notiz genommen. Antonia schien zu bemerken, dass ich mich unwohl fühlte und klopfte einladend auf den Platz neben ihr. Also setzte ich mich dorthin. „Tut mir Leid. Meine Schwester kann manchmal etwas unsensibel sein“, entschuldigte sie sich. „Ja, das hab ich gemerkt“, stimmte ich Antonia zu. „Aber dafür kannst du ja nichts.“ „Na ja. Sie war eben total aus dem Häuschen, seit sie erfahren hat, dass sie Leinar wieder sehen würde. Die Beiden haben sich schon immer gut verstanden.“ Die Bemerkung war nicht gerade hilfreich. Sie machte mich eher nervös, aber das konnte Antonia ja nicht wis-sen. Ich fragte mich, woher Ariella gewusst hatte, dass Neal Leinar war. Andererseits hatte Leinar ja auch gleich gesagt, dass er Ariella kennt. Es waren noch vier weitere Zaaller im Raum, sowie Justin und Sören, die sich mit Sanna und Marleen unter-hielten. Sanna war ähnlich wie Sophann ein unscheinbares Mädchen, aber Sophann war dennoch ziemlich hübsch. Sanna dagegen wirkte irgendwie wie ein kleines Mädchen in einem jugendlichen Körper. Sie war zu dünn und ihre blonden Kringel löcken wirkten ebenfalls ziemlich kindlich. Marleen hatte schwarze lange Rasta Zöpfe und recht dunkle Haut. Sie trug ein weißes Kleid mit tiefem V-Ausschnitt und wirkte schon sehr erwachsen. Im Gegensatz zu uns hatten sie sich zu viert auf ein Sofa gesetzt. Leinar unterhielt sich jedenfalls sehr angeregt mit Ariella, was meine Stimmung nicht gerade hebte. „Du kommst also wie Leinar aus unserer Hauptstadt?“, fragte mich Antonia nun. „Ich war im Gegensatz zu meiner Schwester noch nie dort. Ich stelle es mir un-glaublich riesig vor.“ „Na ja, klein ist sie nicht gerade“, stimmte ich zu und dachte an die vielen kleinen Häuschen mit rotem Back-stein in den Bergen und Wäldern, die zu Raubit gehörten. Ich vermisste meine Heimat mehr denn je. „Ich stelle es mir so unglaublich schön vor.“ Antonias Augen leuchteten geradezu vor Begeisterung. „Vor allem die vielen kleinen Lichter im Tal. Ich würde so gern we-nigstens nur einmal Raubit besichtigen.“ Ich lächelte, weil ich gerade an eben diese Lichter ge-dacht hatte. „Wieso warst du eigentlich nie dort?“, fragte ich sie dann. „Ich habe ein Handicap“, gestand Antonia mir. „Im Tageslicht werde ich krank. Wenn ich tagsüber in einem dunklen Zimmer bin, passiert nichts, aber sehe ich Tageslicht, wird mir schlecht und ich muss mich übergeben. Doch das sind nur die harmlosen Symptome meiner Krankheit. Wenn ich zu lange im Tageslicht bin, werde ich ausserdem verwirrt und weiß nicht mehr, wer ich bin.“ Das fand ich traurig. Ein Leben ohne Sonnenlicht musste grausam sein. „Von so einer Krankheit hab ich noch nie gehört.“ „Sie ist auch extrem selten. Die Krankheit nennt sich Kresinus und heißt so viel wie Tagmeider. Das letzte Mal hatte die Kresinus jemand vor etwa hundert Jahren.“ „Aber wird es in der Menschenwelt für dich dann nicht gefährlich?“, fragte ich sie. „Nein, ich hab gehört, dass das Schloss zur Hälfte in Tageslicht getaucht ist und zur Hälfte in Finsternis ist. Das wechselt wohl auch öfter. Unsere Schule ist im Schloss.“ Davon hatte ich noch nie gehört, aber ich hatte mich bisher auch noch nicht viel mit der Schule beschäftigt. Was erwartete mich eigentlich in der Menschenwelt? „Ich kann mir nicht vorstellen nur in der Nacht zu leben“, gestand ich. „Man gewöhnt sich dran. Unsere Augen gewöhnen sich in der Nacht auch viel mehr an das, was wir sehen, als deine ungeschulten Augen. Es ist für uns fast als wäre es Tag.“ Ich fand das schon faszinierend und Antonia war mir auf jeden Fall sympathisch. Plötzlich fragte sie mich: „Du magst ihn, oder?“ „Wen?“, fragte ich, obwohl ich mir durchaus denken konnte, wen sie meinte. „Na, Leinar natürlich.“ Sie schrie es fast, aber das machte nichts, da es wegen dem Gesprächszauber Nie-mand außer uns hören konnte. „Ja“, gab ich schließlich zu, obwohl ich nicht wusste, wieso. Ich kannte sie ja gar nicht. „Keine Sorge“, beruhigte Antonia mich. „Von meiner Schwester will er bestimmt nichts. Er mag sie, aber sie ist ihm auch unheimlich. Zu besitzergreifend. Dich hingegen hat er sehr schnell in sein Herz geschlossen. Eure Ver-bindung geht tiefer. Ich kann es nicht besser erklären, aber er will dich besser kennen lernen. Du berührst ihn und er kann sich das nicht erklären. Das ist ihm bisher noch nie passiert.“ Staunend sah ich Antonia an. „Woher weißt du das al-les?“ „Ich kann nicht direkt Gedanken lesen, aber ich kann Gefühle spüren und seine Gefühle für dich sind sehr stark“, erklärte Antonia. Mein Herz machte einen Satz und ich sah kurz zu Leinar hinüber. Ich wollte sie gerade fragen, ob sie das denn auch durch den Zauber hindurch spüren konnte. Da ging ein Ruck durch den Zug. Wir mussten jetzt kurz vor Landfort sein. Die Bewohner von Tindemu mussten in-zwischen dazu gestiegen sein. Ich hatte gar nicht ge-merkt, dass wir gehalten hatten. Aus dem Lautsprecher verkündete die übliche Frau-enstimme: “ Liebe Fahrgäste! Bitte bewahren Sie Ruhe, aber kehren Sie in Ihre Wagons zurück.“ Sören und Justin waren schon aufgestanden. Ich sagte noch zu Antonia: “ Ich hoffe, wir sehen uns bald wieder“ Dann rief Leinar: „Komm endlich!“ Er zog mich aus dem Wagon, den Flur entlang und in unseren rein. Es kam mir hier jetzt total hell vor. Was war da draußen wohl los? Angespannt saßen wir auf unseren Sofas und warteten. Aus dem Lautsprecher erklang Musik. Vermutlich sollte uns das beruhigen. Ich sah zu Leinar rüber, doch er regte sich nicht. Er sah noch stur geradeaus. Es wirkte fast so, als hätte er schon mal so was mitgemacht. Sophann neben mir wippte ständig hin und her. Emma warf mir einen ängstlichen Blick zu. Irgendetwas musste passiert sein. Wir spürten es alle.

Landford, Simheg und Bibasty

sind etwa so groß wie London. Auch von dort gibt es 8 Erwählte für die Zauberschule.  Mehr erfährt man über diese Städte in meiner Geschichte nicht.