Kapitel 70 Endlich zu Hause

Leinar

Ich war so froh, dass wir die Ereignisse am Lebenssee heil überstanden hatten. Allen ging es gut. Zumindest allen, die mir etwas bedeuteten. Ich genoss die Einsamkeit in unserer Suite. Früher hatte ich sie verflucht. Heute genoss ich sie. Ich liebe die Zeit, die ich mit Mianna zusammen verbrachte, aber ein wenig allein zu sein war auch wirklich schön. So konnte ich endlich mal in Ruhe darüber nachdenken was in den letzten zwei Wochen eigentlich alles passiert war. Unglaublich, dass Mianna und ich gerade mal weniger als zwei Wochen zusammen waren. Mir kam es schon viel länger vor. Wie eine Ewigkeit. Sie wirkte schon so vertraut. Ging das eigentlich alles zu schnell? Ich hatte keinen Vergleich zu einer anderen Beziehung. Daher wusste ich es nicht. Ich mochte es jedenfalls so.
In den zwei Wochen war auf jeden Fall ei-niges passiert. Ich hatte mich doch sehr verän-dert und war nicht mehr ganz so ein Einzelgänger. Ich hatte tatsächlich ein paar Freunde gefunden und wir hatten die Welt vor Tedren gerettet. Oder besser gesagt Cameron vor Tedren. Ich wusste nicht, dass in zwei Wochen so viel geschehen konnte.
Doch Tedren war noch nicht besiegt. Ich fragte mich, was noch alles auf uns zukommen würde. Egal, was es war: Ich musste Mianna auf jeden Fall beschützen. Ich durfte sie auf gar keinen Fall verlieren. Mit ihr eröffnete sich für mich eine ganz neue Welt.

Kapitel 57 Vermutungen

Ein Licht weist den Weg,
der zur Hoffnung führt,
erfüllt den Tag, dass es jeder spürt.

Weihnachtslied – Ein Licht geht uns auf

Wir gingen durch einen Tunnel, der im Sternenlicht hell erleuchtet war. Er wirkte schmal und lang und Corentin musste sogar den Kopf einziehen. Die Wände waren grau und trist, ähnlich wie Lehm. Aber sie schimmerten auch weiß durch das Sternen-licht. Es sah wirklich schön aus.
„Ich dachte ihr bewacht ständig den See und seid erstarrt. Wieso läufst du mit Lilien nun so herum? Ich hab bisher außer euch keinen einzigen Wächter gesehen“, fragte ich Corentin neugierig. Das beschäftigte mich schon seit ich hier angekommen war und Co-rentin saß direkt an der Quelle. Er konnte mir bestimmt mehr verraten.
„Die Wächter sind die meiste Zeit unsichtbar. Es sei denn sie wollen gesehen werden wie wir. Dann treten sie aus dem Licht, so wie wir es taten. Aber das kommt nur sehr selten vor, weil die Wächter sehr selten ihren Posten verlassen“, erklärte Corentin mir.
„Und wo gehen wir jetzt hin?“, fragte ich ihn dann.
„Wir haben so eine Art Versammlungsraum, wo sich einige Wächter manchmal treffen. Warts einfach ab“, erwiderte er sehr geheimnisvoll.
Den Rest des Weges schwiegen wir und es dauerte auch gar nicht mehr lange, bis wir zu dem Raum kamen und der Tunnel endete. Der Raum war einfach gigantisch. Eine riesige Höhle. So stellte ich mir die Zwergenhöhlen von damals vor, nur kleiner. Tische und Stühle standen überall quer im Raum bereit. Corentin ging zu Lilien und ich zu Leinar.
„Alles klar?“, fragte er mich besorgt. Ich nickte nur und suchte Cameron. Er sah gesund und munter aus, aber eigentlich hatte ich auch noch nichts anderes erwartet. Die Höhle war wie der Tunnel hell mit Sternenlicht erleuchtet.
Unter den Anwesenden waren auch einige Fremde, die wohl die Wächter des Sees sein mussten. Sie trugen alle himmelblaue Kleidung, wirkten aber sonst eher unscheinbar. Irgendwie blass. Fast leichenblass. Neben Lilien und Corentin standen jeweils zwei der fremden Wächter.
„Ich bin wirklich froh, dass ihr gekommen seid. Wir können eure Unterstützung gut ge-brauchen. Neben mir stehen Feena und Bryn. Zwei unserer Wächterinnen des Sees. Von Feena habt ihr bestimmt schon gehört“, stellte Lilien die beiden Frauen vor.
Das war Feena? Ich hatte mir sie wunder-schön vorgestellt und sie sah auch ganz hübsch aus, aber irgendwie auch etwas unförmig, als wäre sie noch nicht ganz fertig gestellt. Da fehlte auf einer Seite ein komplettes Ohr, ohne dass eine Narbe zu sehen wäre. Ein Auge war blau und ohne Umrandungen, wie es sonst üblich war. Die Farbe auf der einen Unterlippe war Hautfarben und nicht rot. Ihre Haare waren eine Mischung aus rot, schwarz, blond und einigen anderen Farben. Sie waren lang, glatt, wellig und seltsamerweise auch irgendwie kurz zugleich. Das sah ziemlich verrückt aus. Dies sollte also die erste Fee überhaupt sein? Aber andererseits machte es schon irgendwie Sinn. Wieso sollte die aller-erste Fee perfekt sein? Sie war eben die erste aller Feen.
Die andere Fee neben Feena, Bryn, war ziemlich klein, hatte kastanienbraunes, langes Haar und sanfte grüne Augen.
„Auch ich danke euch“, ergriff Feena das Wort. Ihre Stimme war weich und irgendwie lieblich, wirkte aber auch heiser. „Langsam wird es ernst. Die Angreifer kommen immer besser voran und wir müssen sie unbedingt stoppen.
„Dafür sind wir hier“, bemerkte Cameron trocken.
„Richtig“, nickte Feena. „Allerdings bin ich mir ziemlich sicher, dass sowieso nur eine in diesem Raum den Angriff wirklich beenden kann.“ Feenas Blick wanderte vielsagend zu mir und ich zuckte leicht zusammen. Wie viel wusste sie? Was für Fähigkeiten hatte sie eigentlich? War sie allmächtig?
„Keine Angst, Mianna“, hörte ich plötzlich Feenas Stimme in meinem Kopf. „Ich kann jede Fähigkeiten von allen Anwesenden im Raum nutzen. Ich denke, du weißt wessen Fä-higkeit ich gerade gebrauche. Ich kann dir also helfen. Du musst das nicht allein machen. Allerdings bin ich alt und längst nicht mehr so mächtig wie früher. Meine Magie wird schwä-cher und das kann genauso gefährlich werden für unsere Welt, wie das Vernichten des Lebenssees. Deswegen darf ich meine Magie nur in äußerster Not anwenden, es sei denn ich beschütze den Lebenssee. Aber mit meiner und mit Leinars Hilfe wird es dir auf jeden Fall gelingen die Angreifer zu stoppen.“
Ich war unendlich erleichtert und dankbar. Feena war da und stand mir bei. Während ich Feenas Stimme gelauscht hatte, hatte Lilien offenbar das Reden übernommen. Die anderen hörten ihr aufmerksam zu.
„Und ich bin hier, weil ich die Geschichte des Lebenssees besser kenne als irgendwer sonst. Selbst besser als Feena“, erklärte Bryn uns dann.
„Das stimmt“, nickte Feena. „Bryn bewacht den See schon ziemlich lange. Ich zwar auch, aber ich war zwischendurch auch mal weg.“ Sie schien das etwas zu wurmen, aber sie lächelte Bryn herzlich zu.
Ich fragte mich, ob Bryn ein Stern war. Feen konnten theoretisch nicht länger den See bewachen als Feena. Würde mich einfach mal interessieren.
„Dies ist nicht der erste Angriff auf den See“, erklärte Bryn. „Auch wenn der letzte schon seit Jahrhunderten zurück liegt gab es noch einen und der war damals wesentlich schwächer als der heutige. Damals war er von Sternen angeführt worden, die einen Groll gegen Feen hegten.“
„Gibt es eigentlich noch andere Seen außer diesen?“, fragte Leinar nun. Das war durchaus eine interessante Frage. Doch wo sollten sie existieren?
„Nein, unser ist der Einzige“, beantwortete Feena seine Frage. „Die anderen Völker brauchen solche Seen nicht.“
Was immer das heißen mochte…
„Diesmal hab ich auch das Gefühl, dass die Angreifer keine Sterne sind“, bemerkte Coren-tin auf einmal.
„Nein, das sind sie wohl nicht“, stimmte Feena ihm zu. „Das zumindest können wir wirklich ausschließen.“
„Wie sollen wir jetzt weiter vorgehen?“, wollte Cameron nun wissen.
„Cam, ich find du solltest hierbleiben und alles überwachen“, schlug Feena ihm diplomatisch vor. Sie musste wissen, was Tiljan mir erzählt hatte. Wieso sonst sollte sie gerade diesen Vorschlag machen? Sie schien wohl Gedanken lesen zu können oder sie spüren zu können wie Corentin.
„Machst du Witze?“, fragte Cam Feena überrascht und auch gekränkt. „Du hast mir selbst gesagt, dass so viele wie möglich kom-men müssen um die Mission zu beenden.“
„Ja schon, aber Tiljan hatte eine beunruhigende Vision, was dich und die Mission be-trifft.“
„Gehts etwas genauer?“ Cameron wirkte wütend. Ich konnte es ihm nicht verübeln. Es musste ein schwerer Schlag für ihn sein zurückbleiben zu müssen.
„Es könnte dir etwas zustoßen“, wagte sich Feena vorsichtig weiter. Corentin und ich warfen uns einen Blick zu und Corentin zuckte leicht mit den Achseln, als wollte er mir sagen, dass er auch nicht wusste, was Feena vorhatte.
„Das kann mich nicht mehr schocken. Ich bin alt. Ich werde nicht als Einziger hier war-ten und Däumchen drehen“ Cameron ließ nicht so leicht locker.
„Und was ist mit deiner Familie?“, konterte Feena. „Sie werden sich nicht konzentrieren können, weil sie sich ständig um dich sorgen müssten.“
„Dann hättest du uns nicht von dieser Vision erzählen dürfen“, erwiderte Cameron ge-reizt. Ich bewunderte ihn, weil er sich Feena so entgegensetzte. Ich hätte das nicht gekonnt.
Feena seufzte tief. Ich dagegen musste Cameron da durchaus Recht geben.
„Dad!“ Lilien ging jetzt zu ihm und nahm seine Hand in ihre. „Tust du es wenigstens für mich? Ich weiß, es gefällt dir nicht, aber ich möchte dich in Sicherheit wissen.“
„Lil, ich weiß, dir fällt es schwer mich gehen zu lassen, aber ich bin alt. Für mich be-deutet der Tod was anderes als für dich. Das heißt jetzt aber nicht, dass ich mich dort in den Tod stürzen möchte, keine Sorge. Aber ich möchte hier dabei sein und wenn ich verletzt werde ist das eben so.“
„Ich kann es dir nicht ausreden, oder?“, fragte Lilien unendlich traurig.
„Nein, Liebes. Ich befürchte nicht“, stellte Cameron klar.
„Na gut, aber versprich mir, dass du gut auf dich aufpasst.“, bat Lilien ihn trotzdem.
„Versprochen!“ Cameron umarmte seine Tochter fest. Die Verantwortung für mich war zu groß. Ich sollte diesen Angriff beenden und ich musste dafür sorgen, dass Cameron auf keinen Fall verletzt wurde. Das durfte nie pas-sieren. Wieso musste er auch so stur sein?

Kapitel 54 Küsse und Schutzgedanken

Leinar

Unser Aufbruch rückte von Stunde zu Stunde näher. Den letzten Abend hatten Mianna und ich es uns zusammen auf dem Sofa gemütlich gemacht. Wir hatten keine Lust gehabt Fernsehen zu gucken und auch nicht auf was anderes. Wir wollten einfach nur zusammen sein und uns aneinanderschmiegen wie Katzen und uns küssen. Immer nur küssen. Es war so schön Mianna zu küssen. So lieblich und sanft, aber auch leidenschaftlich. Oh ja, ich war der geborene Träumer. Damit hatte Evaniel mich damals schon immer aufgezogen.
In der Nacht fand ich wenig Schlaf. Mianna dagegen schlief wie ein Murmeltier. Ich bewunderte sie dafür und beobachtete sie die meiste Zeit. Ich könnte sie immer wieder stundenlang angucken und ich würde nie ge-nug bekommen. Mianna hatte mir so viel in meinem Leben geschenkt und ich war ihr so dankbar. Ich musste sie unbedingt beschütz-ten. Ich würde auf keinen Fall zulassen, dass ihr etwas passierte. Dafür war sie mir viel zu wichtig geworden.
Ungefähr gegen vier Uhr morgens schlief ich endlich ein. Doch ich döste eigentlich nur und wälzte mich immer wieder hin und her. Als ich aufwachte, lag meine Decke in einem verdrehten Winkel neben mir und nicht auf mir. Ich fror, denn es war merkwürdig kalt im Zimmer. Dabei war es hier immer warm.
Der Aufbruch würde nicht mehr lange auf sich warten lassen. Bald würden wir nicht mehr auf der Erde sein oder in dieser Welt. Wie wird die Welt um den Lebenssee wohl aussehen?

Kapitel 42 Lebenssee

Leinar

Ich war immer noch wie berauscht von dem Anblick des Lebenssees? Wieso hatte die goldene Fee ausgerech-net mich im Traum besucht? Das fragte ich mich schon die ganze Zeit.
Aber der Lebenssee ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Die goldene Fee war so wunderschön gewesen. Mir fehlten die Worte, um sie wirklich zu beschreiben. Sie war sehr einnehmend.
Ich hatte gefühlt, dass Mianna mir nicht glaubte we-gen dem See. Ich konnte sie verstehen. Selbst ich konnte es selbst jetzt kaum noch glauben. Dieser riesige See und die vielen Leben, die die Wächter zu beschützten hatten waren schier unglaublich.
Ich hoffte wirklich, dass Cameron uns weiter helfen konnte. Ich hatte noch nicht so viel mit ihm zu tun ge-habt, aber aus irgendeinem Grund vertraute ich ihm. Vielleicht wirkte er einfach vertrauenswürdig.
Ich wünschte mir, dass ich mich irrte und der See nicht in Gefahr war, aber ich glaubte nicht wirklich dran.

Kapitel 33 Der erste Schultag

 

– Der Nachteil der Intelligenz besteht darin,
dass man ununterbrochen dazu gezwungen ist,
dazuzulernen. –

George Bernhard Shaw irisch-britischer Dramatiker

Ich wachte früh am nächsten Morgen auf. Zu meiner Überraschung war Leinar schon wach. Er hatte mich wohl im Schlaf beobachtet. Jedenfalls sah ich ihm beim Aufwachen in die mir mittlerweile schon sehr vertrauten dunklen schönen Augen und in das Gesicht, dass ich lieb-te. Die Tiefe meiner Gefühle zu Leinar, obwohl ich ihn doch eigentlich immer noch kaum kannte, erschreckte mich. Aber das war wohl auch Teil der Seelenmagie. Vielleicht lag Lady Meisold ja doch nicht ganz richtig und wir hatten einfach keine andere Wahl gehabt, als uns in einander zu verlieben.
„Guten Morgen, Leinar“, begrüßte ich ihn liebevoll.
„Guten Morgen, Süße. Du weißt, dass du anfangen solltest, mich Neal zu nennen, oder? Heute ist unser erster Schultag und in der Schule bin ich für alle Neal.“
Ich verdrehte die Augen und stöhnte extrem übertrie-ben. „Für mich wirst du immer Leinar bleiben. Du redest schon wie Sophann. Die erinnert mich auch immer daran ihren menschlichen Namen zu benutzten.“
„Sophie“, korrigierte mich Leinar automatisch und grinste dann. „Ich mein ja nur. Für die anderen bin ich jetzt halt Neal.“
„Heute ist Mittwoch. Das bedeutet, wir haben bei Cameron Unterricht. Ich glaube nicht, dass es ihm was ausmacht, wenn ich dich Leinar nenne.“
„Wie du meinst …“, gab Leinar schließlich nach.
„Übrigens beginnt unser Unterricht heute ziemlich früh. Wir sollten also langsam aufstehen.“
„Stimmt, sonst verpassen wir das Frühstück.“
Also standen wir auf und zogen uns an. Ich entschied mich für ein gelbes Top, einen schwarzen Rock und mei-ne schwarzen Ballerina. Leinar trug sein weißes Lang-armshirt und eine Jeans und natürlich keine Schuhe.
Ich grinste schelmisch und musterte ihn. „Wenn wir schon davon reden, uns an die menschlichen Dinge an-passen zu müssen, könnte es dir nicht schaden Schuhe zu tragen.“
Entschieden schüttelte er mit dem Kopf. „Die Dinger sind so was von unbequem.“
„Es sind doch bloß Schuhe, Neal“, seufzte ich und be-tonte seinen menschlichen Namen besonders.
„Na schön, aber nur, wenn du die ganze Schulzeit über Neal zu mir sagst“, bot er mir schließlich an.
„Gut, abgemacht.“ Ich war zufrieden mit mir. Leinar würde sich sowieso an Schuhe gewöhnen müssen und ich mich daran ihn Neal zu nennen. Also war das ein guter Deal.

Im Speisesaal saßen wir zum Frühstück wieder gegen-über von Zac und Leonie. Wäre ich nicht schon in Leinar verliebt, wäre Zac wohl wirklich keine schlechte Wahl. In der Beziehung konnte ich Sophann schon verstehen.
Während Leinar und ich Brötchen mit Käse und Wurst aßen und frisch gepressten Orangensaft tranken, hatten Zac und Leonie nur Gurken, Tomaten, Paprika, Äpfel, Möhren und sowas in der Art vor sich liegen. Tranken taten sie beim Essen eigentlich kaum was.
„Wie könnt ihr davon nur leben?“, wollte Leinar kopf-schüttelnd wissen. Auch ich fand das etwas befremdlich.
„Wir haben einfach andere Bedürfnisse als ihr“, er-klärte Leonie ihm. „Uns reicht das zum Leben. Wir sind es von klein auf gewöhnt und kennen es nicht anders.“
„Verrückt“, kommentierte Leinar trocken.
„Neal, iss einfach. Bis zum Unterricht haben wir nicht mehr viel Zeit“, riet ich ihm liebevoll. Leonie hatte schon leicht genervt gewirkt.
Leinar grinste übers ganze Gesicht. „Du hast mich Neal genannt.“
Ich rollte mit den Augen und entgegnete nur: „Und du trägst Schuhe. So war es abgemacht.“
„Es gefällt mir, wenn du mich Neal nennst“, stellte Leinar fest und klang fast überrascht. Offenbar hatte er nicht damit gerechnet.
„Schön für dich.“ Hoffentlich würden wir dieses The-ma jetzt nicht jeden Tag ausdiskutieren müssen.
Ich bemerkte, wie Zac und Leonie uns amüsierte Blicke zuwarfen.
Als wir mit dem Frühstück fertig waren, war es bereits halb sieben. Leinar und ich gingen noch mal zu unserer Suite, um unsere Schulsachen zu holen. Dann machten wir uns auf den Weg zu unserem Klassenraum. Die ersten zwei Stunden hatten wir Feenkunde. Die Tische waren in Zweiergruppen aufgestellt. Ich saß neben Leinar, Sophann neben Emma, Justin neben Sören und Lily ne-ben Robin.
Cameron kam pünktlich zum Unterrichtsbeginn in die Klasse. Er trug ein weißes Hemd und eine dunkelblaue Hose und wirkte leicht angespannt. Ziemlich schnell schrieb er seinen Namen auf die Tafel und begann mit dem Unterricht. Er hatte eine schöne verschnörkelte Handschrift. Die Buchstaben wirkten fast wie kleine Ma-lereien aus Sternen.
Er stellte uns zunächst eine allgemeine Frage zum Thema Feen, um unser Vorwissen zu testen.
„Was wisst ihr über Feen und was verbindet ihr mit Feen?“
Wir beantworteten seine Frage. Robin sagte zum Bei-spiel, dass Feen leuchten können und klein werden können, in der Regel aber normal groß sind. Justin erwähnte, dass jede Fee andere magische Fähigkeiten hatte. Cameron schrieb dann Begriffe wie Klein, Leuchten oder Ma-gische Fähigkeiten an die Tafel und verband die Begriffe miteinander.
„Was noch?“, fragte Cameron und ließ seinen Blick über seine Schüler schweifen. Wir waren nur acht Leute. Da ging das relativ schnell. Alle Bewohner aus Raubit, die mit dem magischen Zug hierhergekommen waren, wurden in eine Klasse gesteckt.
Robin rief dann: „Eine Fee soll den Lebenssee ent-deckt haben.“
Cameron schrieb den Begriff Lebenssee an die Tafel und nickte eifrig. An uns gewandt erklärte er: „Ah, der Lebenssee! Ich denke die Legende kennt jeder, oder?“
Er wartete ein paar Sekunden, aber niemand sagte et-was, also fuhr er fort: „Der Lebenssee soll für uns Feen der Anfang aller Dinge gewesen sein. Nur die Elfen und Sterne sollen vor dem ihm gewesen sein. Eine goldene Fee soll das riesengroße Gewässer entdeckt haben, der vor allen anderen verborgen blieb und diese Fee wurde zur ersten Wächterin des Sees. Es heißt, er soll mittler-weile etwa so groß sein, wie der menschliche Kontinent Amerika. Er soll voller Kerzen sein, die eines Tages ein-fach auf darauf erschienen waren. Wenn eine Fee gebo-ren wird, fängt eine Kerze an zu leuchten und erscheint auf dem See und wenn eine Fee gestorben ist, erlischt eine Kerze und verschwindet wieder. Es sind magische Kerzen, die so lange wir leben für uns brennen und jede Kerze ist mit einem unserer Namen versehen. Es heißt, die goldene Fee, die vor so vielen Jahrtausenden den See entdeckt hat, lebt noch immer und bewacht immer noch den See. Weiß Jemand, wie diese Fee heißt?“
Da ich mich mit Geschichte auskannte und die Legen-de vom Lebenssee und der goldenen Fee sowieso liebte, wusste ich es natürlich. Also rief ich in den Raum: „Fee-na.“
Hier im Unterricht brauchten wir uns nicht zu melden. Cameron hatte vorne auf seinem Schreibtisch an seinem Computer ein magisches System, dass unsere Stimmen erkannte, und es erkannte auch, welche Antworten falsch und welche richtig waren. Das hatte er uns vorher erklärt.
„Richtig, Feena. Feena war die erste Fee auf dieser Erde, sagt man zumindest. Es heißt, sie war irgendwann einfach da. Niemand kann sich das wirklich erklären. Es geht das Gerücht herum, dass Feen aus der Vereinigung zwischen Elfen und anderen Wesen, wie zum Beispiel Zwerge oder so, entstanden sind. Davon gehen zumindest unsere Historiker aus. Wie der Lebenssee entstand, weiß Niemand so genau.“
„Aber selbst wenn der See streng bewacht wird, ist es doch gefährlich, so abhäSngig von einem See zu sein“, gab Leinar zu Bedenken.
„Das ist richtig“, stimmte Cameron ihm zu. „Andererseits ist der See magisch und so gut geschützt, dass es eigentlich unmöglich ist, ihn zu entdecken. Unter ande-rem halt auch, weil er so verzaubert wurde, dass es nur den Wächtern gestattet ist, ihn zu sehen. Viele sind auch Wächter, weil sie die Einzigen sind, die den See ohne Magie sehen können. Die Wächter müssen vor ihrem Dienstantritt einen magischen Eid leisten, den See zu schützen und ihm keinen Schaden zuzufügen. Zusätzlich liegen viele magische Schutzzauber um den riesengroßen See. Die Wächter haben auch ganz besondere magische Talente, von denen wir nicht mal ansatzweise eine Ah-nung haben. Vielleicht sind sie sogar die mächtigsten Feen auf der Welt. Zumindest unter anderem.“
„Aber was für ein Eid ist das?“, fragte Emma dann. „Man kann auch jeden Eid brechen.“
„Diesen Schwur hier nicht“, wiedersprach Cameron. „Wenn Wächter nur einen Versuch wagen, den Eid zu brechen, sterben sie auf der Stelle. Das ist der Preis des Eides.“
„Sind denn alle Feen Mischlinge?“, wollte Sophann wissen.
„Nein, nicht alle. Später gab es so viele Feen, dass es natürlich auch Feenpärchen gegeben hat und auch immer noch gibt.“
Sein Blick fiel auf seine magische Uhr. „Huch schon wieder so spät? In den nächsten Stunden werden wir uns mit berühmten magischen Feen beschäftigen. Jetzt ist es aber erst mal Zeit für eure Frühstückspause.“
Ich konnte gar nicht glauben, dass die Stunden schon um waren. Mir kam es vor wie eine halbe Stunde und nicht wie zwei Stunden. Wir verließen den Klassenraum und gingen in einen Aufenthaltsraum am Ende des Gan-ges. Dort stand ein Frühstück bereit für diejenigen, die heute Morgen noch nichts gegessen hatten oder die noch mal etwas essen wollten.
„Gruselig, diese Vorstellung von dem Lebenssee“, fand Sophann.
„Ach, der ist gut geschützt und ich glaub da kann nichts passieren. Bisher ist doch auch immer alles gut gegangen“, meinte Robin zuversichtlich.
Der Lebenssee war schon immer ein großes Thema in unserer Welt und das war ja auch nur natürlich so, wenn man bedachte dass er, wenn er wirklich existierte, prak-tisch unser aller Leben von einem Moment auf den ande-ren vernichten konnte.
„Glaubt ihr wirklich an so einen See?“, fragte ich mei-ne Mitschüler. „Es ist immerhin nur eine Legende.“
„Also ich glaube daran. Legenden basieren eigentlich immer auf Wahrheiten“, bemerkte Leinar.
„Ja schon, aber meist in abgeänderter Form“, erinnerte ich ihn.
„Aber ich denke Neal hat recht. Zumindest ein wenig davon muss wahr sein“, fand nun auch Emma.
„Können wir uns nicht über freundlichere Themen un-terhalten?“, bat Sophann uns. „Zum Beispiel über das Königsfest. Die Vorbereitungen sind ja schon im vollen Gang.“
„Na ja, wir müssen sowieso gleich wieder in den Un-terricht“, stellte Leinar fest. Ich weiß nicht wieso, aber es klang, als wolle er nicht über das Königsfest reden.