Kapitel 41 Traurige Sophann

Es wurde so einsam hier ohne dich
Wie ein Vogel ohne Lied
Nichts kann diese einsamen Tränen vom Fall abhalten
Sag mir mein Schatz, was ich falsch gemacht habe
Ich könnte meine Arme um jeden Jungen legen,
den ich sehe
Doch sie erinnern mich nur an dich.

Sinead O Connor – Nothing Compares 2 U

Nach einem üppigen Frühstück im Speisesaal, dass ich allein zu mir nahm, weil Leinar noch hatte schlafen wol-len und Zac und Leonie auch nicht da waren, ging ich zum Hauptgebäude in den großen Gemeinschaftsraum. Dort entdeckte ich Sophann mit einem Block auf dem Schoß allein in einer Ecke kauern. Ich setzte mich neben sie und begrüßte sie mit einem zaghaften „Hey“.
„Hey“, rief sie zurück und lächelte leicht, aber sofort verfinsterte sich ihr Gesicht wieder.
„Was ist los?“, fragte ich sanft. „Wo sind die Anderen?“
Sie zuckte gleichgültig mit den Achseln. „Keine Ah-nung. Sie schlafen wohl noch.“
„Ist was passiert?“ Irgendwie kam mir Sophann heute merkwürdig vor. Sonst war sie immer so überfröhlich. Heute wirkte sie bedrückt und irgendwie traurig. Ihre Energie schien verraucht zu sein.
„Na ja. Ich hab mich mit Emma gestritten“, gestand sie mir zögernd.
„Wieso?“ Ich musste ihr wohl alles aus der Nase ziehen, was sie bedrückte. Sonst redete sie doch ununterbrochen.
„Wegen ihrem blöden Kampftraining. Sie wollte unbedingt, dass ich es erlerne, weil sie der Meinung ist, dass das die nützlichste Fähigkeit überhaupt ist. Aber ich hatte gar keine Lust darauf.“ Sie zog einen Schmollmund.
„Kann ich verstehen. Hey, das wird schon wieder. Wenn es dich tröstet…. Ich hatte auch eine Stunde Trai-ning bei ihr und das war katastrophal. Ich denke, es ist einfach ihre besondere Fähigkeit und wir anderen können nichts damit anfangen“, versuchte ich sie aufzumuntern. Wieso Emma wollte, dass wir alle das lernten, war mir sowieso schleierhaft.
Sophann lächelte zaghaft, aber dann wurde ihr Gesicht erneut finster. „Das ist aber noch nicht alles“, erklärte sie wieder zögernd.
„Was denn noch?“, fragte ich sie überrascht. Anschei-nend hatte ich meine neue Freundin viel zu selten gesehen. Seit wir im Schloss waren, war ich doch sehr mit Leinar beschäftigt gewesen.
„Ich hatte ein Date mit Zac und das war auch wunderschön. Wir sind zusammen durch den Rosengarten ge-schlendert, als es dunkel war und die ganzen Blumen und Bäume leuchteten so schön. Am Ende haben wir uns so-gar noch geküsst und es war einfach perfekt, aber seitdem beachtet er mich einfach nicht mehr und ich weiß nicht wieso.“ Sie klang sehr frustriert.
„Wann war denn euer Date?“, fragte ich sie. Ich wusste nicht wieso, aber irgendwie konnte ich mir Sophann nicht so richtig mit einem Jungen an ihrer Seite vorstellen. Dabei war sie eigentlich so lebensfroh, dass sie vermutlich jeden hätte haben können.

„Am Freitag“, antwortete sie.
„Hm, keine Ahnung. Ich hab nicht genug Ahnung von Jungs, um dir einen guten Ratschlag geben zu können. Aber wenn ich Zac das nächste Mal treffe kann ich ja mal mit ihm reden. Heute war er jedenfalls nicht beim Frühstück.“
„Aber du hast doch jetzt Neal. Mit ihm wirst du doch wenigstens ein paar Erfahrungen gesammelt haben“, wunderte Sophann sich und sah sich suchend um. „Wo ist dein Schatten denn eigentlich?“
Ich schmunzelte amüsiert: „Wieso denn mein Schatten?“ Der Name hatte irgendwie was, aber Leinar sollte mehr sein als nur mein Schatten. Er solle vor allem ei-genständig sein.
„Na ja, ohne ihn sieht man dich ja kaum noch.“
Ich musste Sophann leider Recht geben. „Na ja, jetzt schläft er noch, denke ich. Aber um aufs Thema zurück zu kommen: Ich bin noch nicht lange mit Neal zusammen und bisher läuft alles gut bei uns. Aber nach der kurzen Zeit kann ich wohl kaum wirklich von Erfahrung reden.“
„Stimmt auch wieder“, räumte sie ein. Anscheinend wollte sie das Thema Zac nicht weiter vertiefen, denn nun fragte sie mich: „Wusstest du eigentlich, dass Pater Lelius mein Onkel ist?“
„Wie jetzt?“, fragte ich nur verblüfft zurück.
„Na, er ist der Bruder von meiner Mutter“, erklärte Sophann weiter. „Und Ariella und Antonia sind die Kin-der von der Schwester meiner Urgroßmutter.“
Ich rollte genervt mit den Augen. „Oh Mann. Geht das noch weiter mit den vielen Verwandtschaftsverhältnis-sen? Ich bin schon froh, dass ich mich jetzt einigermaßen mit meiner und Leinars auskenne. Was für mich immer verwirrend ist, sind die vielen Generationen, die oft über-sprungen werden. Ich meine, dann sind Antonia und Ariella ja praktisch die Tanten deiner Oma, oder wie?“
„Ja“, nickte Sophann.
„Verrückt“, kommentierte ich nur.
Wir unterhielten uns noch etwas über unsere riesige Verwandtschaft. Ich versuchte Sophann von Zac und Emma abzulenken und erzählte ihr ein wenig von Leinar und mir. Sophann hörte mir natürlich begeistert zu. Doch schon bald verabschiedete ich mich von ihr. Sie wollte noch mal mit Emma reden und ich wollte nach Leinar sehen.

Als ich wieder in unsere Suite kam, wurde ich Zeugin davon, wie Leinar im Wohnraum unruhig auf und ab ging. Als er mich bemerkte, sah er mich strahlend an. Ich runzelte die Stirn. Dieser Blick war so ungewöhnlich an ihm. Vielleicht lächelte er jetzt öfter, aber strahlend hatte ich ihn noch nie gesehen.
„Ich hab ihn gesehen, in meinem Traum“, erklärte er aufgeregt bevor ich ihn überhaupt begrüßen konnte. „Ich hab ihn tatsächlich gesehen.“
„Was hat du gesehen?“, fragte ich verwirrt. Ich hatte keine Ahnung, was er meinte.
„Den Lebenssee natürlich. Er ist in Gefahr!“, erklärte er. Er ließ es so klingen, als sei es das Selbstverständ-lichste auf der Welt, das er den Lebenssee im Traum sah.
„Was?“, fragte ich stattdessen ungläubig.
„Ich hab den Lebenssee gesehen“, erklärte er nun et-was ruhiger. Er holte noch einmal tief Luft. Er beobach-tete mich nun aufmerksam. Offenbar wartete er auf eine Reaktion von mir.
„Wie und wo?“, fragte ich nur. Wir setzten uns zu-sammen auf die Eckbank und er erzählte mir alles.
„In einem Traum. Vielleicht war es auch eher eine Art Version. Jedenfalls war da der See mitten im Nirgendwo und so riesig, dass ich gar nicht alles davon sehen konnte. Doch ich sah die goldene Fee, die völlig stumm und erstarrt da stand. Das war irgendwie gruselig. Aber dann fing sie an zu reden und ihre Stimme klang …“ Er schüt-telte sich und suchte wohl nach den richtigen Worten. „Sie klang rau und heiser, als hätte sie schon jahrelang nichts mehr gesagt. Sie rief um Hilfe und erzählte mir von einem Angriff. Dann war der Traum oder die Version zu Ende.“
Zweifelnd studierte ich sein Gesicht. „Aber es muss nicht echt gewesen sein. Wenn es nur ein Traum war, ist es wahrscheinlich nie passiert.“ Ich konnte immer noch nicht so ganz an den Lebenssee glauben oder vielleicht wollte ich es auch einfach nicht.
„Ich denke, es war eher eine Version. Ich glaube die goldene Fee wollte auf diesem Weg um Hilfe bitten“, behauptete er. Richtig sicher klang er sich aber auch nicht.
„Sah der Lebenssee in deinem Traum denn aus, als würde er angegriffen werden?“, fragte ich vorsichtig. Ich wollte ihm nicht zu deutlich machen, dass ich seine Visi-on nur für einen Traum hielt. Er klang so aufgeregt und hoffnungsvoll.
„Na ja, der See ist so riesig. Da konnte ich nur den Teil sehen, den die goldene Fee bewachte. Was an den ande-ren Stellen passierte, blieb mir verborgen“, gab er zu.
„Und was denkst du, sollen wir jetzt tun?“, fragte ich ihn immer noch zweifelnd.
„Wir sollten mit Cameron reden“, erklärte er als, hätte er sich da schon vorher darüber Gedanken gemacht. Natürlich hatte er das. Wer konnte schon wissen, wie lange er da hin und her getigert war.
„Wieso denn mit Cameron? Wäre deine Oma nicht die erste Ansprechpartnern?“, wunderte ich mich.
Er schüttelte überzeugt mit dem Kopf. „Ich habe das Gefühl, er weiß mehr über den See, als er zugibt.“
„Von mir aus. Also reden wir mit Cameron. Mal sehen, was er zu deinem Traum sagt“, stimmte ich schließlich zu. Er würde uns schon helfen können.
Eigentlich hatte ich mir den Sonntag anders vorgestellt. Ein romantischer Spaziergang vielleicht oder mit Leinar auf dem Sofa zu kuscheln. Das wäre bestimmt auch ganz nett gewesen. Aber das konnte ich mir jetzt wohl abschminken.
Ich war immer noch nicht überzeugt davon, dass der Lebenssee tatsächlich existierte, aber selbst mir war klar, dass wir Leinars Traum nicht einfach ignorieren konnten und wenn er noch so harmlos wirkte.
Wenn es aber wirklich eine Version war, waren wir vielleicht alle in großer Gefahr. Wir mussten mit Cameron über seinen Traum reden. Nicht nur, weil ich ihm mehr vertraute als Lady Meisold, sondern, weil er auch länger lebte als Lady Meisold, und vielleicht Geheimnisse kannte, die aus seiner Zeit stammten, und von denen wir nichts wissen konnten.

Kapitel 13 Unerwarteter Besuch

So, und da das Kapitel so kurz war, kommt hier ein zweites Kapitel hinzu:

Ich würde am liebsten wach bleiben,
nur um dich atmen zu hören,
dein Lächeln ansehen
während du träumst.
während du weit weg bist und träumst.

Aerosmith – I don’t want to miss a thing

Wir blieben auf unseren Sofas sitzen. Dann ertönte eine Männerstimme vor der Tür unseres Wagons.
„Aber ich muss zu ihm. Er ist mein Sohn. Er darf die Menschenwelt nie erreichen.“
Leinar neben mir spannte sich an. Was war los mit ihm? Irgendwas schien ihn zu beunruhigen.
„Du kannst nicht einfach den Zug anhalten, um deinen Sohn zu holen. Du kennst die Regeln doch am besten. Wer einmal erwählt wurde, kann nicht mehr zurück.“ Die Stimme, die sonst aus den Lautsprechern kam, klang ziemlich aufgebracht.
„Aber er ist alles was ich habe“, rief er verzweifelt.
Jetzt war ich mir ziemlich sicher, dass es um Leinar ging. Ich hatte schon vorher den Verdacht gehabt, weil Leinar so angespannt gewirkt hatte, sobald er die Stimme zum ersten Mal hörte. Und wieso sollte es um einen anderen gehen? Die anderen sahen irgendwie anders verschreckt aus als Leinar. Nicht so wissend.
„Es geht nicht. Dein Sohn bleibt hier und du musst jetzt gehen, damit wir weiter fahren können“, redete die Frauenstimme auf den Mann ein.
„Du kannst mir nicht meinen Sohn nehmen. Das ist zu grausam“, jammerte der Mann.
Leinar seufzte und stand auf. Es wirkte nicht so, als wäre er sehr begeistert davon, den Raum zu verlassen und zu dem Mann da draußen zu gehen. Aber er ging trotzdem zur Wagontür und öffnete sie.
„Dad?“, hörte ich ihn noch fragen. Dann schloss sich unsere Tür wieder hinter ihm. Ich wusste nicht, ob ich ihn je wieder sehen würde, und das machte mich traurig.

Die Sofas hatten sich schon in Betten umgewandelt und Leinar war immer noch nicht zurück. Ich machte mir Sorgen um ihn. Was trieb er so lange oder hatte er den Zug schon längst verlassen?
Trotz des Feenstaubs, der uns schläfrig machen sollte, war ich nicht müde. Ich konnte einfach nicht schlafen.
Als wir schließlich unseren letzten Stopp vor unserer neuen Heimat in Bibasty machten, ging endlich die Wagontür auf und Leinar kam rein. Er wirkte erschöpft, aber war wieder da. Ich saß aufrecht in meinem Bett und Leinar setzte sich zu mir.
„War das dein Vater?“, fragte ich ihn sanft flüsternd.
Er nickte traurig. „Seit Mom weg ist, ist er ziemlich verwirrt. Das ich jetzt auch noch gehe macht ihn völlig fertig.“
„Und trotzdem verlässt du ihn?“ Das musste hart sein.
„Es war nicht leicht für mich in den letzten Jahren mit ihm zusammen zu leben“, bestätigte er meine Vermutung. „Er war total anders als früher. Ich wollte da raus. Mag sein, dass das egoistisch war von mir.“
Ich nahm sanft seine Hand und verschränkte meine Finger mit seinen. „Es war und ist nicht egoistisch. Ich kann dich verstehen.“
„Danke“, sagte er und lächelte schwach.
Diesmal legte er sich zu mir in mein Bett. Vermutlich wollte er einfach nicht allein sein. Es war ungewohnt ihn neben mir zu haben, aber seine Nähe tat gut. Ich kannte ihn kaum. Ich hatte noch viele Fragen an ihn, was seinen Vater betraf oder seine Mutter oder sein Leben im Allgemeinen. Aber jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt dafür. Dafür war noch Zeit in der magischen Schule. Leinar legte seine Arme um mich und so schliefen wir ein.