Kapitel 66 Ungläubigkeit

Leinar

Wie konnten Brüder sich dermaßen hassen? Wobei ich mich da vermutlich korrigieren musste. Tiljan hasste Tedren wohl nicht, aber Tedren Tiljan. Ich konnte mir nicht vorstellen meinen Bruder jemals so zu hassen, würde er noch leben. Das wäre einfach schrecklich.
Tedren mochte ich überhaupt nicht, aber das war kein Wunder. Wie konnte er glauben, dass sich Lilien und Corentin ohne Cam nicht ineinander verliebt hätten? Diese beiden gehörten einfach zusammen. Das sah doch jedes Kind.
Worüber hatten Tedren und Feena da eigentlich geredet. Ich konnte doch gar nicht ihr Sohn sein. Sie mussten einen anderen Leinar meinen, auch wenn das eher unwahrscheinlich war. Tedren konnte niemals mein Vater sein. Mion hatte sich lange Zeit daneben benommen, aber nur, weil er um meine Mutter getrauert hatte. Er war mir definitiv wesentlich lieber als Tedren. Mion war mein Vater und kein anderer.
Wie sollte Tiljan denn jetzt gewinnen? Er hatte sicherlich einiges auf dem Kasten, aber konnte er Tedren das Wasser reichen? Ich glaubte es nicht.

Kapitel 65 Brüder

Ganz egal was du tust
Und ganz egal, was du anfängst.
Lass sie einfach labern
Lass sie denken, was sie wolln.
Denn es zählt nur, dass Du weißt
worauf es Dir ankommt
Und was dein Gewissen erträgt.

Pur – Ganz egal

Dummerweise kam der nächste Angriff auf den Lebenssee mitten in der Nacht. Am Abend hatte ich den Eingeweihten von meinem Gespräch mit Miron erzählt. Selbst Cam hab ich es später erzählt, als ich ihn allein antraf. Ich fragte ihn auch, ob es stimmte, was Miron mir gesagt hatte. Er gestand mir, dass es ihm im Herzen wehgetan hatte, gegen Alrick kämpfen zu müssen. Schließlich war auch er ein Freund von ihm. Er hatte sogar noch versucht, es ihm auszureden. Ich hätte von Cam gern mehr über den Kampf zwischen den Sternen und Zwergen von damals erfahren, aber ich wusste, dass jetzt nicht der richtige Zeitpunkt dafür war. Es gab Wichtigeres zu besprechen.
Leinar hatte sich übrigens darüber be-schwert, dass Miron ihn meinen flatternden Freund genannt hatte. Ich fand die Bezeich-nung eigentlich ganz passend, aber das sagte ich ihm natürlich nicht.
Jedenfalls wurden wir in dieser Nacht von einem Angriff geweckt. Zuerst wusste ich nicht, was los war. Dann hörten wir die Schreie der Wächter des Sees. Erst waren wir total erstarrt und dann wurden wir panisch. Wir liefen alle aus der Höhle und zum See hinüber. Dort sahen wir das Chaos. Einige Wächter lagen tot am Boden und einige Stel-len des Sees waren leer. Dort brannten keine Kerzen mehr. Irgendwie mussten Tedren und Felicitas den Schutzwall durchbrochen haben. Ich konnte mir nicht vorstellen wie, aber Miron hatte mich vor Tedrens Macht gewarnt.
„Mia, Leinar! Zu mir. Linnie, Lunar! Sucht Felicitas und schaltet sie aus. Corentin, Lilien! Bitte seid so nett und räumt die Leichen in die Höhle. Fia, kannst du mit deinen Söhnen nach den Kerzen auf dem See gucken?“, erteilte Feena ihre Befehle. Dann fiel ihr Blick auf Cameron und ihr Gesicht verfinsterte sich. „Was machst du hier, Cam? Du solltest sofort zurück in die Höhle gehen.“
„Auf keinen Fall.“ Cameron blieb stur. „Was soll ich da machen? Totenwache halten?“
„Du könntest versuchen Tiljan zu kontak-tieren. Er muss unbedingt herkommen. Viel-leicht kann er seinen Bruder ja noch zur Ver-nunft bringen, auch wenn ich nicht wirklich dran glaube. Ich habe im Schloss Sternenglanz versteckt mit dem er herkommen kann.“ Den Rest konnte ich nicht hören. Ich vermutete sie erzählte ihm in Gedanken, wo der Sternen-glanz versteckt war. Lunar und Linnie waren gerade erst aufgebrochen und deswegen konn-te sie es noch. „Bitte, Cam! Das ist wichtig.“
„Also gut“, gab er schließlich nach und ver-schwand genervt Richtung Höhle.
„Na endlich! Leinar, verwandle bitte dich und Mia in Glühwürmchen und folgt mir.“ Leinar fasste mich an der Hand und tat es.
Feena ging voran und wir flatterten leuch-tend hinterher. Als Glühwürmchen verwandelt zu sein fühlte sich anders an als sonst. Die Welt war viel größer und ich fühlte jede von Leinars Bewegungen viel stärker. Ich sah auch schärfer, obwohl ich auch als Fee schon ziemlich gut sah. Die Gerüche wirkten ebenfalls intensiver. Ich fühlte Leinar mit jeder Faser meines Körpers und ich fühlte, wie stark meine Magie war und wie stark seine. Ein Glühwürmchen zu sein fühlte sich seltsam an. Ob Leinar sich wohl auch so vorkam oder war er es einfach schon zu gewohnt sich in ein Glühwürmchen zu verwandeln?
Wir folgten Feena den Pfad am See entlang und bemerkten nichts Ungewöhnliches. Waren die Angreifer etwa schon weg? Anscheinend nicht. Denn nach einer ganzen Weile erschien Tedren einfach so vor uns.
„Tedren. Wie schön dich zu sehen. Es ist lange her“, begrüßte Feena ihn viel zu höflich. Eher wie einen alten Freund als einen Feind.
„Feena. Was für eine Überraschung und dann auch noch allein“, grinste Tedren fies. Er schien mich und Leinar nicht zu bemerken. So war es ja auch gedacht.
„Ich habe keine Angst vor dir“, stellte Feena klar. „Ich bin mächtig und das weißt du auch.“
„Ja ich weiß, dass du mächtig bist, aber ich bin mächtiger. Du kannst dich doch bestimmt noch an unser letztes Treffen erinnern, oder? Kurz vor der Pest war das und kurz vor dem geheimen Krieg zwischen den Sternen und den Zwergen. Du hast ein paar Fähigkeiten von dir auf mich übertragen und im Laufe der Jahre hab ich noch einige hinzugewonnen. Ein Vorteil ist auch, dass ich alle Fähigkeiten derer benutzen kann, die ich einmal lebend berührt hab“, prahlte er. Er klang so verdammt stolz.
Wovon redete er da? Was war zwischen Feena und ihm denn passiert? Wenn er wirklich diese Fähigkeit mit dem Berühren besaß, durfte er mich und besser auch Leinar niemals anfassen.
„Wenn du meinst.“ Feena klang bitter. „Aber das was du jetzt machst ist dumm, Ted-ren. Hör auf damit. Oder hat dir das zwischen uns nie was bedeutet?“
Ich kam nicht mehr wirklich mit. Was war zwischen den beiden gewesen?
„Doch Fee, es hat mir was bedeutet, aber manche Dinge sind wichtiger als das.“
„Wichtiger als Liebe?“, fragte Feena fast verzweifelt.
Liebe? Was war hier los? Das wurde ja immer verwirrender. Leinar wurde unruhig. Mit unserer Glühwürmchen Verbindung spürte ich das mehr als deutlich.
„Wichtiger als unsere Verbindung. Ich hab nur eine Frau je geliebt und das war Djana“, korrigierte Tedren sie kalt.
„Aber was ist mit Leinar? Er ist unser Sohn!“ Feena schien völlig vergessen zu haben, dass wir noch da waren.
Wieso sollte Leinar der Sohn der beiden sein? Er war doch Mion und Keenas Sohn. Außerdem ist war er erst nach der Pest geboren worden. Leinar zuckte heftig zusammen, als er diese Behauptung hörte und ich drückte seine Hand fester um ihn daran zu erinnern, dass ich bei ihm war. Dass er nicht allein war.
„Leinar ist nicht mein Sohn, er ist deiner“, wiedersprach Tedren ihr. „Er war nie wirklich mein Sohn.“
Feena seufzte. „Das ist traurig. Ich hatte geglaubt, es hätte dir etwas bedeutet.“
„Genug geredet. Endlich ist der Tag der Abrechnung gekommen. Wo ist Cam?“ Tedren sah genervt aus.
„Glaubst du wirklich wir bringen ihn hierher?“, fragte Feena ihn verächtlich. Offenbar hatte sie ihre Gefühle für Tedren augenblicklich vergessen oder hinten angestellt. Wie auch immer die aussahen. Davon wollte ich mir lieber gar kein Bild machen.
„Statt ihm bin ich hier“, erklang eine mir mittlerweile sehr vertraute Stimme. „Es ist lange her, Bruder!“ Tiljan stand nun neben Feena. Ich hatte ihn gar nicht kommen hören.
„Tiljan! Du hast dich überhaupt nicht verändert.“ Tedren zeigte wieder sein fieses Grinsen und betrachtete seinen Bruder abschätzend. „Willst du wirklich gegen mich kämpfen?“
„Wenn es sein muss. Sauer genug bin ich jedenfalls. Du verbreitest Lügen. Meine Frau ist also tot, ja? Das müsste ich ja wohl wissen, meinst du nicht? Wie kommst du dazu? Wie konntest du überhaupt überleben?“
Woher wusste Tiljan das mit Laja? Hatte Cam ihm davon erzählt?
„Es gibt einige Überlebende der Pest, nicht nur mich“, erinnerte Tedren seinen Bruder.
„Stimmt“, gab Tiljan zu. „aber du bist der einzige tot Geglaubte. Du bist einfach unterge-taucht, statt dich bei deiner Familie zu mel-den.“ Nun sah Tiljan Tedren böse und anklagend an. Ich hatte Tiljan noch nie so erlebt. Er machte mir fast irgendwie Angst. „Wo warst du?“
„Erst bei den Zwergen. Sie haben mich mit Freuden aufgenommen und gesund gepflegt. Ich war wirklich dem Tode nahe, aber ich konnte aus dem Elfenland fliehen. Später kam ich unbemerkt zurück und schloss mich Ma-jenna und Felicitas an.“
„Und hast alle im Stich gelassen“, warf Til-jan ihm vor. „Du warst ihr König.“
Auch ich konnte kaum glauben, was ich da hörte. Wie konnte man so herzlos sein?
„Und genau deswegen musste ich fliehen. Um eines Tages wieder zu euch als euer König kommen zu können“, sagte Tedren in einem Tonfall, als würde er das einem kleinen Schuljungen erklären.
„Du bist kein König mehr. Die Welt hat sich seit damals mehr als verändert. Wir haben ein neues Königspaar“, klärte Tiljan seinen Bruder auf. Er klang fast genauso herablassend wie sein Bruder. So kannte ich ihn gar nicht.
„Dann werde ich dieses neue Königspaar wohl töten müssen“, erklärte Tedren, als wäre das nur eine weitere lästige Angelegenheit. Nun war es an mir zusammen zu zucken und Leinar drückte meine Hand. Tedren musste unbedingt beseitigt werden.
„Wohl kaum“, höhnte auch Tiljan als hätte er meine Gedanken gelesen.
„Wie wäre es, wenn ich dir ein Angebot mache, Till? Ein Duell auf Leben und Tod. So wie damals bei Majenna und Ronar. Dann bist du mich für immer los“, schlug Tedren vor.
„Und was ist, wenn ich verliere?“, erkun-digte sich Tiljan. Er ließ sich nichts anmerken, aber ich konnte mir nicht vorstellen, dass es ihm behagte seinen Bruder töten zu müssen. Familie war immerhin Familie, egal wer dazu gehörte.
„Dann gehört das Königreich mir und alle sind meine Untertanen.“ Oh nein. Tiljan würde sich nicht auf das Angebot einlassen, oder?
„Wann bist du so böse geworden, dass du bereit bist deinen eigenen Bruder zu töten?“, fragte Tiljan ihn bitter.
„Dank deinem Freund Cam dafür. Wäre er nicht gewesen, hätte Corentin den Weg gewählt, den ich mir für ihn gewünscht habe mit einer vernünftigen adeligen Elfe an seiner Seite.“
„Das ist Irrsinn, Tedren. Corentin hätte niemals eine andere geliebt als Lilien. Und sie ist zwar nur zur Hälfte eine Elfe, aber adelig, anständig und auch zur Hälfte ein Stern. Cam war mal dein Freund, Tedren. Ich versteh dich einfach nicht mehr.“ Tiljan wirkte immer verzweifelter. Er schien sich zu wünschen, Tedren würde wie durch ein Wunder seine Meinung ändern.
„Eben! Sie ist ein Stern. Unsere Völker hät-ten sich niemals verbinden dürfen. Auch daran ist dein Freund Cam gewissermaßen Schuld. Selbst die Zwerge haben das irgendwann be-griffen. Was meinst du wieso sie sonst gegen die Sterne gekämpft hätten?“
„Du hast sie dazu getrieben?“, riet Tiljan. „Mittlerweile wundert mich wirklich gar nichts mehr.“
„Also, bist du nun bereit zu dem Duell, o-der nicht? Denn wenn nicht, werde ich vielleicht alle anderen angreifen müssen. Ansonsten könnte ich die Meisten verschonen.“ Das glaubte Tiljan doch nicht wirklich, oder?
„Aber Cam wirst du nicht verschonen?“, vermutete Tiljan missmutig.
„Nein, und das Königspaar auch nicht“, bestätigte Tedren ohne Mitleid in der Stimme.
Tiljan warf mir und Leinar einen entschuldigenden Blick zu. Dann beschloss er: „Mir gefällt das nicht, aber mir wird wohl nichts anderes übrig bleiben. Also kämpfen wir.“
Oh nein. Das durfte nicht wahr sein. Wenn Tedren nicht in dem Duell starb, würde ich ihn töten müssen oder am besten schon während des Duells. Doch ich betete, dass Tiljan überlebte. Wir brauchten ihn doch. Genauso wie Cam.

Kapitel 64 Flattender Freund

Leinar

Ich hatte mir solche Sorgen um Mianna gemacht. Hätte Miron sie angegriffen, hätte ich kaum was tun können, außer mich zurück zu verwandeln.
Gott sei Dank schien Miron vertrauenswürdig zu sein. Er wirkte sogar ganz nett und hatte ein paar interessante Neuigkeiten für uns gehabt.
Aber mal ganz ehrlich? Flatternder Freund? Ich war doch kein flatternder Freund. Ich war ein Glühwürmchen. Das hatte mich schon et-was gewurmt. Dieser Begriff einfach.
Ich war froh, dass wir das Gespräch mit ihm sicher hinter uns gebracht hatten, aber unsere Mission war noch lange nicht vorbei. Mirons Warnung wegen Tedren ließ nichts Gutes erahnen.
Mir gefiel das überhaupt nicht. Wäre es doch nur schon vorbei.

Kapitel 63 Der König der Zwerge

Die Zwerge von einst hatten mächtige Magie,
Während der Hammer wie Glockengeläut fiel
In Orten tief, wo dunkle Dinge schlafen ein,
In hohlen Hallen unter dem Gestein.

Misty Mountains –
Soundtrack aus „Der Hobbit“

Am nächsten Morgen wachte ich erholt auf. Es fühlte sich nicht an, als wäre ich die ganze Nacht auf gewesen und das war ich ja auch nicht wirklich. Ich überlegte wem ich außer Leinar und meinen Eltern von meinem Traum erzählen wollte. Feena sollte es auch wissen, aber Fiann Nike und ihre Söhne und Lilien und Corentin nicht unbedingt. Also ging ich mit den Ausgewählten in eine ruhige Ecke, wo wir ungestört reden konnten. Dann erzählte ich ihnen von meinem Traum.
Feena sah mich nachdenklich an. „Ich bin nicht sicher, ob das funktionieren wird. Miron mag nur wegen Tedren da sein, aber er steht wohl kaum auf unserer Seite.“
„Ich glaube schon“, wiedersprach ich ihr mit voller Überzeugung. „Tiljan mag keinen Kontakt mehr zu seinem Sohn gehabt haben, aber er ist immer noch Corlas Schwiegervater. Wenn er Cam angreift, greift er auch Tiljan an, und ich bin nicht sicher, ob das seine Absicht ist.“
„Ich bin Thies einmal begegnet“, mischte sich nun Linnie überraschend in unser Gespräch ein. „Es ist lange her, aber eigentlich schien er ganz nett zu sein. Ich verstehe gar nicht, wieso er sich von Tiljan abgewandt hat.“
„Dann muss es mit der Ehe zu Corla zu tun haben. Vielleicht gefiel das Tiljan nicht oder er hat sich nicht so gut mit ihr verstanden oder beides“, überlegte Lunar nun.
Ich sagte dazu nichts. Ich selbst glaubte eher, dass Tiljan sein Bestes getan hatte um das gute Verhältnis zu wahren, aber Thies es letztendlich nicht wollte oder Corla ihn unter Druck gesetzt hatte.
„Ich finde, wir müssen es wenigstens versuchen. Wenn wir Miron auf unserer Seite hätten, hätten Tedren und Felicitas kaum noch eine Chance“, argumentierte ich.
„Und wie wollen wir ihm eine Nachricht bringen?“, fragte ausgerechnet Leinar mich.
„Durch dich“, antwortete ich ihm und sah ihn fragend an. Was würde er wohl zu meinem Vorschlag sagen?
„Durch mich? Wie?“ Er wirkte verunsichert und irgendwie unruhig.
„Na, du hast gewisse Fähigkeiten, die sehr praktisch dafür sind.“
So langsam verstand er, worauf ich hinaus wollte. „Ach so, na gut.“ Er wirkte allerdings nicht sehr überzeugt. Trotzdem erklärte er sich bereit mitzumachen.
Ich schrieb den Zettel mit der Nachricht für Miron und reichte ihn Leinar. Wir wollten nicht lange warten. Miron meldete sich tat-sächlich bei uns und schlug vor, mich außer-halb der Grenze zu treffen. Ich willigte ein, aber Leinar würde mich in Form des Glühwürmchens, in dem er auch die Nachricht überbracht hatte, bei mir bleiben. Er würde zwar in einiger Entfernung bleiben, damit es nicht so auffiel, aber er konnte uns beobach-ten. Selbst als Glühwürmchen würde Leinar auffallen, denn um den See gab es keinerlei Tiere. Nicht mal fliegende Kleintiere, wie Fliegen oder so was, geschweige denn Glüh-würmchen. Den anderen hatte es gar nicht gefallen mich dort allein hingehen zu lassen. Auch Leinar gefiel das nicht, aber er konnte wenigstens bei mir bleiben. Nur dank Feena konnte ich überhaupt gehen. Sie hatte den anderen versichert, dass ich Miron mit meiner Magie zumindest ebenbürtig war, wobei ich mir da selbst überhaupt nicht so sicher war.
Ich war froh, dass Leinar mich als Glüh-würmchen begleiten konnte und dass Miron davon nichts wusste.
Miron und ich gingen gleichzeitig aufeinander zu. Als er mir gegenüber stand, wirkte er ziemlich groß für einen Zwerg. Er ging mir immerhin bis zur Hüfte. Ich hatte ihn mir ir-gendwie kleiner vorgestellt.
Auch sonst sah er nicht so aus wie ein typi-scher Filmzwerg. (Der mir am bekanntesten war da Gimli aus Der Herr der Ringe). Er war muskulös und größer und hatte rotes modisch kurzes Haar. Er erinnerte mich in seiner ganzen Erscheinung irgendwie an Ron Weasley aus Harry Potter. Nur dass Miron nicht so schlaksig war und älter und bestimmt auch kleiner als Ron. Immerhin war Ron ein Zaube-rer und kein Zwerg.
Als ich mit meiner Musterung fertig war, sah ich ihm in seine leuchtend grüne Augen, und sagte zuerst mal: „Danke, dass du gekommen bist.“
„Sag mir lieber, was du willst statt falsche Höflichkeiten auszutauschen“, brummte er. Seine Stimme wirkte so verführerisch und tief. Ich zuckte leicht zusammen, als ich sie zum ersten Mal hörte. Ich hatte allein wegen seiner Erscheinung Respekt vor ihm.
„Wieso kämpfst du gegen Cam? Nur wegen Tedren? Das ist es nicht wert. Tedren kämpft aus den falschen Gründen. Cam hat ihm nie etwas getan.“ Ich kam lieber gleich zur Sache. Miron schien kein Zwerg zu sein, der viel Ge-duld hatte. Und ich wollte es schnell hinter mich bringen.
„Darum geht es also?“ Miron seufzte. „Willst du mich auf eure Seite ziehen?“ Ich war geschockt, dass er mich so schnell durch-schaut hatte. Er schien ziemlich klug zu sein.
„Ich möchte vor allem wissen, wieso du dich auf Tedrens Seite stellst.“
„Es geht dich zwar nichts an, aber egal. Dann spiel ich dein Spiel eben mit. Es ist nicht nur wegen Tedren. Cam und mein Vater sind verfeindet“, erklärte er mir vollkommen ernst.
Ungläubig starrte ich ihn an. „Da hab ich aber was anderes gehört. Dein Vater und Cam haben auf ein und derselben Seite gekämpft. Gegen Ronar und Majenna. Hat dir dein Vater das nicht erzählt?“ Das konnte ich kaum glauben.
„Als ich klein war, redete mein Vater mit mir nicht viel über solche Dinge“, erklärte Miron mir. „Aber es geht auch nicht um diesen Krieg. Hat dir noch keiner erzählt, dass kurz vor der Pest die Sterne und die Zwerge gegeneinander gekämpft haben? Und was meinst du wohl, auf welcher Seite Cam gekämpft hat?“
„Das ist mir wirklich neu. Davon hab ich noch nie etwas gehört.“ Ich war ziemlich verwirrt. Wieso hatte Cam mir das nicht erzählt oder wenigstens seiner Tochter?
„Kann ich mir denken. Cam hat die ganze Sache ziemlich geheim gehalten. Soweit das ging. Aber die Sterne verschwanden dann ja auch und die Zwerge zogen sich zurück. Und sonst ist kaum noch Jemand da, der das damals erlebt hat.“
„Aber du bist noch da“, stellte ich das Of-fensichtliche noch mal klar.
„Ja“, stimmte er mir zu. „Und meine Schwester auch. Man hat uns bei Mathilda und Steffen abgeladen.“
„Oh!“ Das war mir ebenso neu. „Aber du bist doch der Zwergenkönig. Hat dann das Zwergenreich momentan keinen König?“
„Na ja, momentan ist ein Stellvertreter da. Aber ja, das ist schon ziemlich bitter gewesen. Die Zwerge hatten jedenfalls in diesem Kampf schlechte Karten, weil Cam sich auf die Seite der Sterne gestellt hat und somit auch fast alle Elfen, außer Steffen und Mathilda.“
„Aber Cam hat erzählt, dass er Mathilda immer unterstützt hat“, fiel mir dann wieder ein.
„Hat er auch sonst, aber in dieser einen Angelegenheit eben nicht. Cam und Mathilda haben sich deswegen ja auch nicht verkracht, aber mein Vater hat danach nie wieder mit ihm geredet. Er ist sehr eigen“, stellte Miron richtig.
„Aber Cam ist deswegen kein schlechter Elf. Er hat eben auf der Seite seiner langjähri-gen Freunde gekämpft. Das hättest du doch auch getan, oder? Das ist noch lange kein Grund ihn zu töten.“ Ich verstand nicht wieso er sich deswegen gegen Cameron stellte. Das war doch ein blöder Grund.
„Mag sein“, gab er mir Recht. „Aber da ist ja auch noch Tedren.“
„Miron, Tedren kämpft aus den falschen Gründen. Corentin und Lilien lieben sich. Cam ist nicht schuld daran, dass sie sich ineinander verliebten. Höchstens, dass es möglich war, dass sie zusammen sein konnten.“ Frustriert sah ich ihn an. Wie konnte er das unterstützen? Er wirkte doch wirklich ziemlich clever.
„Mir hat er erzählt, er hasse Cam, weil der sein Schwägerin Laja getötet hätte“, wandte Miron nun ein.
„Was? Aber Tiljan hat mir erzählt, dass Laja lebt. Tiljan meinte, dass er und Cam zu der Zeit gar nicht da waren.“ Ich konnte nicht glauben, was ich da hörte. Das konnte nicht sein.
„Wie kannst du dir so sicher sein bei dem was er tut und nicht tut?“, wollte Miron be-rechtigter Weise wissen.
Ich schwieg und kaute bedrückt auf meiner Unterlippe.
„Hör zu, ich hege keinen Groll gegen dich oder die Anderen. Nicht mal wirklich wegen Cam. Eigentlich bin ich nur hier, weil mein Schwager Thies mich darum gebeten hat Ted-ren zu unterstützen. Ich weiß auch nicht mehr, ob das alles stimmt, was Tedren mir da aufti-schen wollte. Aber eigentlich hab ich ihm nie wirklich getraut. Mein Schwager Thies dagegen vergöttert seinen Onkel und meine Schwester Corla liebt Thies über alles. Nur deswegen bin ich hier. Und vielleicht auch, weil ich Cam einen kleinen Dämpfer versetz-ten wollte. Aber jetzt sehe ich keinen Grund mehr dazu, völlig unnötig mein Volk zu ge-fährden. Ich mache dir also folgendes Angebot: Ich ziehe mich zurück und kämpfe gegen keinen von euch und für keinen von euch.“ Er sah mich aus ernsten grauen Augen an. Den-noch sah ich auch etwas Schalk darin. Miron war eine Person, die ernst sein konnte und dennoch merkte ich, dass er das Leben doch recht leicht nahm. Vermutlich musste er das auch um all seine Lasten tragen zu können.
„Das ist sehr großzügig von dir, Miron“, bedankte ich mich. „Ich kann gar nicht genug danken.“
„Brauchst du nicht. Ich mag dich irgend-wie. Dich und deinen flatternden Freund da hinten.“
„Oh!“ Ich drehte mich zu Leinar um, sah ihn aber nicht, und fragte mich, wie Miron das heraus bekommen hatte. „Tut mir leid, ich hab mich nicht an unsere Abmachung gehalten.“ Zerknirscht sah ich ihn an.
„Ach was“, winkte Miron lässig ab. „Du wärst leichtsinnig gewesen, allein zu kommen.“
„Danke für dein Verständnis.“ Ich war sehr erleichtert.
„Gern.“ Er lächelte und wirkte richtig sym-pathisch auf mich. „Dann zieh ich mal Leine.“
„Warte! Eigentlich hab ich noch ein paar Fragen an dich“, hielt ich ihn auf.
„Nicht hier und nicht jetzt. Wenn Tedren meine Abwesenheit bemerkt, sollten du und dein flatternder Freund außer Reichweite sein. Wenn du das hier überlebst, komm mich doch besuchen. Dann werde ich dir jede Frage be-antworten, die du hast“, bot er mir großzügig an.
„Gerne. Ich weiß nur nicht, wie ich dich finden kann“, gab ich zu Bedenken.
„Keine Sorge. Ich werde dich finden und dir eine Nachricht schicken“, versprach er mir mit einem Augenzwinkern.
„Vielen Dank, Miron.“ Oh Gott, wie oft hatte ich jetzt schon danke gesagt?
„Klar doch, aber jetzt sollte ich lieber ver-schwinden und ihr auch“, verabschiedete er sich nun. „Einen Tipp noch: Unterschätzt Tedren nicht. Felicitas ist keine große Gefahr für euch, aber Tedren ist viel mächtiger als ihr glaubt. Also viel Glück!“ Er winkte zum Ab-schied.
„Danke, dir auch.“ Ich winkte zurück.
Und dann verschwand Miron einfach so ins Nichts und Leinar und ich brachten uns schnell in Sicherheit. Ich glaube, ich hatte gerade einen neuen Freund gefunden. Ich mochte Miron. Sehr sogar.

Kapitel 61 Mias Traum

Ein wunderbarer Traum
von Freude und Spaß für alle
Zur Feier eines Lebens, in der alle frei sind

Melanie Thorton – Wonderful Dream

In der Nacht hatte ich so eine Art Vision, ähnlich wie Leinar damals vom Lebenssee, schätzte ich. Nur kam in meiner Vision Tiljan vor. Er stand direkt vor mir und fragte mich: „Und, wie lief es bisher?“
„Ganz gut, schätze ich. Eine Angreiferin ist tot, aber der nächste Angriff wird viel schwieriger. Sie wollen auch nicht den Lebenssee zerstören, sondern Cameron töten.“ Ich wuss-te, dass ich besorgt klang, aber das war nicht weiter verwunderlich. Der Tag war für mich ziemlich heftig gewesen. Tiljan hatte dafür bestimmt Verständnis und war mit Sicherheit auch selbst besorgt.
Er wirkte aber nicht sehr überrascht von meiner Neuigkeit. „Das hab ich mir ja schon gedacht.“
„Und du hast nichts gesagt?“, warf ich ihm vor.
„Ich hab dir sowieso schon viel zu viel ver-raten“, verteidigte er sich. „Und immerhin erzählte ich euch, dass er verletzt werden könnte, oder?“
„Ja schon, aber das ist nicht das Gleiche. Wir müssen Cam beschützen. Ich habe nur keine Ahnung wie.“ Ich war verzweifelt. Was sollte ich tun?
„Willst du meinen Rat hören?“, erkundigte sich Tiljan. „Er sollte von den Kämpfen fern gehalten werden.“
„Was du nicht sagst.“ Ich rollte mit den Augen. Das wussten wir auch schon. Also ging ich nicht weiter drauf ein, sondern wech-selte das Thema. „Ist das hier wieder so eine Version wie bei Leinar?“
„So was in der Art“, nickte Tiljan. „Zumindest ähnlich.“
„Fühlt sich irgendwie nicht an wie eine Vi-sion. Eher wie ein Traum“, bemerkte ich. Ich wusste nicht, wie ich darauf kam, aber ich wusste, dass ich es so empfand.
„Ja, das ist ganz normal“, versicherte er mir. „So sind Visionen oft.“
„Tiljan, darf ich dich was fragen?“, wagte ich mich an ein Thema, was mich schon lange sehr interessierte. Ich hatte mit Tiljan eine gewisse vertraute Ebene gefunden und hoffte, er würde mir nun vielleicht eine Antwort ge-ben.
„Ja klar, nur zu“, forderte er mich auf und lächelte mir aufmunternd zu. Wir befanden sich draußen unter freiem Sternenhimmel und Tiljan lag gemütlich auf der Wiese.
„Was ist aus deiner Frau und deinen Kin-dern geworden?“
Tiljans Gesicht verdüsterte sich und so-gleich tat mir die Frage Leid. Ich wollte sie schon zurückziehen, aber dann antwortete er mir: „Laja ist bei ihren Eltern geblieben. Thies und Taejlen leben auch noch. Thies ist mit der Zwergin Corla verheiratet und Taejlen mit Pekka, einem Elf. Die Tochter von Thies und Corla heißt Djonna und ist etwas älter als du.“
„Und dein Bruder Tedren?“, fragte ich weiter. Wenn er schon mal gesprächig war, musste ich das schließlich ausnutzen. Was wusste Tiljan eigentlich über Tedren?
„Wie gesagt, er ist bei der Pest gestorben“, erzählte Tiljan mir etwas verwundert.
„Bist du sicher, dass er verstorben ist? Hast du seine Leiche gesehen?“, hakte ich nach.
„Nein, ich war zu der Zeit wo die Pest war nicht bei den Elfen. Ich besuchte mit Cam die Sterne. Cam wollte noch ein letztes Mal seine Tochter sehen, bevor die Sterne verschwan-den. Mein Bruder war schon lange verbrannt, als wir kamen.“
„Lilien und die Sterne verschwanden im Jahr der Pest?“ Das hatte ich wiederum nicht gewusst. Das waren interessante Neuigkeiten.
„Ja! Wieso fragst du mich all das?“, wun-derte er sich. Er wirkte verwirrt und das zu Recht.
„Weil dein Bruder nicht tot ist. Er ist der vierte Angreifer. Die Anderen sind Majenna, Felicitas und Miron“, berichtete ich ihm. Ich konnte ein trauriges Seufzen nicht unterdrücken.
„Was? Mein Bruder lebt?“ Tiljan konnte es nicht glauben. Er wirkte ziemlich geschockt und wurde ganz blass.“ Aber wieso will er Cam töten?“
„Einmal wegen Corentin und Lilien oder eigentlich nur wegen Lilien. Er hat ihre Beziehung nie akzeptiert. Aber jetzt ist mir auch klar, was Miron da zu suchen hat“, bemerkte ich.
„Miron, Miron… Der Name sagt mir ir-gendwas.“, überlegte Tiljan.
„Miron ist der Bruder deiner Schwieger-tochter Corla“, erinnerte ich ihn. Wir hatten ja schon über ihn gesprochen. „Er ist der heutige Zwergenkönig. Ich denke Tedren hat ihn da angeheuert mitzumachen.“ Das Corla und Miron Geschwister waren, war mir erst gerade aufgegangen. Aber es konnte nicht anders sein.
„Das könnte sogar sein“, stimmte Tiljan mir zu. „Tedren und Thies standen sich schon immer sehr nahe. Sie haben viel Zeit zusammen verbracht.“
„Hältst du es für möglich, dass dein Sohn und seine Frau Tedren unterstützen?“, wollte ich nun wissen.
„Ja schon. Früher hätte ich Thies so etwas nie zugetraut. Aber wir haben uns voneinander entfernt, sobald er Corla heiratete. Ich kenne Corla eigentlich nicht wirklich.“ Er klang traurig deswegen und er tat mir Leid. Offenbar lag ihm viel an seinen Kindern und dass Thies nichts mit ihm zu tun haben wollte, schien ihn zu schaffen machen.
„Das ist sehr schade.“ Er nickte nur.
„Wenn Miron nur wegen Tedren da ist, können wir vielleicht versuchen, mit ihm zu reden. Vielleicht haben wir Glück und er schließt sich uns an“, schlug ich dann vor.
„Vielleicht.“ Tiljan klang aber nicht sehr überzeugt. „Wie willst du ihm denn eine Nachricht hinterlassen?“
„Es könnte eine Möglichkeit geben“, über-legte ich. „Mit Leinars Hilfe wäre es machbar. Auch wenn ich Leinar nur ungern einer sol-chen Gefahr aussetze.“
„Hm, du kennst Leinar besser als ich. Wenn du denkst, es wäre möglich, dann denke ich, ist es das auch.“
„Es gibt vermutlich keine andere Möglich-keit. Leinar ist der Einzige, der es unbemerkt schaffen könnte. Außer Feena vielleicht, aber sie zu fragen wäre sehr selbstsüchtig von mir. Außerdem müsste Leinar sie sowieso beglei-ten.“ Es gefiel mir nicht, aber was blieb mir anderes übrig?
„Was meinst du damit? Wieso Feena?“, wunderte sich Tiljan.
„Sie kann die Fähigkeiten aller Anwesen-den nutzen, aber dafür müssen die Personen, deren Fähigkeiten sie nutzen möchte, halt an-wesend sein.“
„Oh!“, war Tiljans einziger Kommentar dazu.
„Ich werde mit Leinar darüber reden. Wenn er sich bereit erklärt, es zu machen, könnten wir es versuchen“, beschloss ich schweren Herzens.
„Ich werde versuchen dich in ein paar Tagen noch mal zu kontaktieren, falls ihr dann noch nicht zurück seid“, versprach Tiljan mir.
„Gut, ich hoffe ja, dass es nicht mehr so lange dauern wird. Wie läuft es so bei euch auf der Erde?“ Ich wollte schließlich nicht nur über mich reden.
„Hier ist alles in Ordnung. Carlina macht mich wahnsinnig, aber sonst kann ich nicht klagen.“ Er grinste verschlagen, was ihn sehr gut aussehen ließ. Selbst im Dunkeln konnte ich das sehen.
„Das hört sich doch ganz gut an“, fand ich.
„Ok, du solltest jetzt noch etwas schlafen. Ich hoffe du kannst dich erholen. Bereite dich aber auf jeden Fall auf deine Aufgabe vor, falls das mit Miron nicht klappt.“ Mir entging nicht, dass er meine Aussage nicht beantwor-tete.
„Mach ich“, versprach ich ihm trotzdem. „Schlaf gut.“
Und dann träumte ich die restliche Nacht nichts mehr, sondern schlief nur tief und fest und wachte erholt am nächsten Morgen auf.

Kapitel 60 Gedankenfreilauf

Tedren war zurück. Das waren beunruhigende Neuigkeiten. Ich wusste nicht viel über ihn, aber er war mir in den wenigen Geschichten, die ich von ihm gehört hatte, nicht sonderlich sympathisch rübergekommen. Ich machte mir Sorgen um das Wohl von uns allen.
Wieso hatte Tedren Cam eigentlich ausgerechnet an den Lebenssee kommen lassen, wenn es doch nur darum ging, ihn fertig zu machen? War es, weil es richtig wehtun sollte vorher? Wollte er sicher sein, dass Cam auch wirklich kam und dabei vielleicht noch mög-lichst viele andere mit niederriss? Wenn das der Fall war, waren wir nicht gerade schlau gewesen, sondern waren direkt in die Falle getappt.
Mianna nahm es sehr mit, dass sie töten musste. Aber so war der Krieg nun mal. Mich hatte es auch überrascht, dass sie so mutig war. Der Anblick der Elfe war schrecklich und zeigte wie viel Macht sie mit ihrer Feuermagie hatte. Aber das machte mir keine Angst, denn ich war mir absolut sicher, dass sie nur für das Gute kämpfen würde. Und damit hatten wir mit ihr eine gute Chance letztendlich wirklich zu gewinnen.
Und wir mussten gewinnen. Unbedingt.
Dass Cameron mitkämpfen wollte, war nicht gut. Ich hoffte wirklich er überlebt das. Es gab zu viele von uns, denen er sehr wichtig war. Auch Mianna war er sehr ans Herz gewachsen. Und ich wollte nicht, dass Mianna traurig war.

Kapitel 59 Der vierte Angreifer

Sie werden dich nicht mögen.
Du kannst nicht wegrennen,
sie werden dich finden.
Bete für Antworten was du tun sollst.
Mache Entscheidungen wo du hingehen sollst.
Nehm die Kreuzung und geh mit dem Strohm.

Blazin Squad – Crossroads

Der Angriff fand etwa an der Mitte des Sees statt. Diese Stelle bewachten eine Fee und ein Stern. Wir mussten durch den Schutzwall, wenn wir die Angreifer erreichen wollten. Der Schutzwall war zwar in gewisser Weise durchsichtig, aber auch umgeben von blassblauem Licht. Es wirkte fast so als hätte der Himmel all seine Farbe verloren.
Die Angreifer sahen wir aber trotzdem nicht. Jedenfalls nicht sofort. Der Moment, in dem wir durch den Schutzwall kamen, wirkte auf mich ziemlich unheimlich. Als wir sie dann endlich entdeckten, merkte ich an Camerons Gesichtsausdruck, dass er sie wiedererkannt hatte. Noch hatten sie uns nicht bemerkt, aber das konnte sicher nicht mehr lange dauern.
Am besten wäre es, wenn wir jetzt angreifen würden. Allerdings schien Cameron nun auch den vierten Angreifer erkannt zu haben, denn er fragte nicht gerade leise und ungläubig: „Tedren?“
Der Angesprochene drehte sich sofort zu uns um und grinste schief, was sehr böse wirkte. „Cameron! Sieh an, du bist also doch noch gekommen. Majenna hatte es schon fast aufgegeben.“
„Aber was machst du hier?“ Cam konnte nicht glauben was er da sah. „Du bist umgekommen, als die Pest über uns kam.“
„Ach ja? Gab es dafür einen Beweis?“, höhnte Tedren. „Ich bin einfach nur untergetaucht und nach einiger Zeit hab ich mich Fe-licitas und Majenna angeschlossen.“
„Aber wieso greifst du uns an?“, wollte Cam wissen. Er begriff es nicht und ich auch nicht. Das war Tedren? Tiljans Bruder und Corentins Vater? Ich konnte es kaum glauben. Doch dann sah ich die Ähnlichkeit zu Corentin und dessen Söhnen. Das gleiche Haar (in schwarz bei ihm) und die gleichen Augen. Dennoch wirkte er härter und verbitterter und das ließ ihn unheimlich wirken.
„Oh, wir wollten doch gar nicht euch an-greifen, also nicht wirklich den See. Wir woll-ten nur dich vernichten, Cameron. Hätten wir dem See schaden wollen, hätten wir es längst getan.“
„Und wieso mich?“, fragte Cam verwirrt. „Was habe ich dir getan? Wir waren mal Freunde.“ Freunde? Hatte ich das richtig gehört?
Tedren lachte bitter. „Eben, wir waren mal Freunde trifft es richtig. Du hast mir meinen Sohn weggenommen. Ich war niemals mit Lilien einverstanden. Auch nicht, als sie plötz-lich adelig wurde.“ Er warf Lilien einen gifti-gen Blick zu.
Diese zuckte heftig zusammen und Coren-tin sah seinen Vater fassungslos an. „Aber Vater, Cam hat mich dir doch gar nicht weg genommen. Ich habe Lilien schon geliebt, bevor heraus kam, dass sie adelig wurde.“
„Ach, sei still, Corentin. Sie hat dich geblendet. Natürlich hast du gedacht, du liebst sie“, höhnte Tedren.
„Das war vor etwa fünfhundert Jahren, Va-ter, und wie du siehst, bin ich immer noch an ihrer Seite. Das war nicht nur irgendeine blöde Liebelei, wie du es so schön nennst“, wehrte sich Corentin heftig.
Tedren erwiderte etwas, aber ich bekam es gar nicht mehr richtig mit. Ich fasste Leinar an der Hand und er verwandelte uns in das kleine Glühwürmchen, dass ich von ihm schon kannte. Niemand schien auf uns zu achten und plötzlich erschien noch in Leinars Hand ein kleines Schwert. Was er damit ausrichten wollte blieb mir ein Rätsel. Es war einfach viel zu winzig um wirklichen Schaden anrichten zu können.
Majenna und Felicitas hatten bisher nur ziemlich unbeweglich dagestanden und schie-nen sich auf Tedren zu konzentrieren. Wir sollten etwas tun, bevor sich dieser Zustand änderte.
Also flogen wir auf sie zu und ich flüsterte: „Feuer!“, und ein Feuerball, der etwa so groß wie meine Hand war, erschien plötzlich da-rauf. Ich schleuderte den brennenden Ball auf eine der Elfen. Ich wusste nicht, ob sie Majen-na oder Felicitas war. Jedenfalls fing ihr Haar an zu brennen und sie schrie panisch auf. Leinar und ich flogen schnell außer Reichweite und Tedren drehte sich alarmiert zu den Elfenfrauen um. Als er das Feuer am Haar der Elfe entdeckte, schrie er entsetzt: „Nein!“
„Hilfe!“, schrie dagegen die brennende Elfe. „So helft mir doch.“ Aber Niemand kam ihr zu Hilfe. Bevor sie am lebendigen Leib verbrennen konnte, sprach Jemand einen Zau-ber aus und sie fiel einfach so leblos um. Die Angreifer konnten nicht so richtig begreifen, was da passiert war, und waren abgelenkt. Leinar verwandelte uns wieder in unsere normale Größe zurück, aber er hielt weiterhin meine Hand. Das war etwas umständlich, da er nun mit dem Schwert die andere Elfe fixierte.
„Los! Wir müssen sie vernichten“, rief Tedren seinen Leuten über das plötzliche Chaos hinweg zu.
Mir kam eine Idee und so schickte ich Leinar magische Wärme in sein Schwert. Das Schwert ging sofort in Flammen auf und wirk-te magischer und gefährlicher denn je.
Unsere Gegner begriffen wohl, dass wir ei-ne ernste Gefahr für sie darstellten und zogen sich zurück. Wir versuchten wieder an sie ran-zukommen, aber sie bauten einen magischen Schutzwall um sich herum auf.
Feena rief durch die Menge: „Lasst sie, wir kommen jetzt nicht an sie ran!“ Und in unseren Köpfen sagte sie: „Gönnen wir uns ein wenig Ruhe, aber es ist noch nicht vorbei.“
Also zogen wir uns hinter den Schutzwall zurück und gelangten dann wieder durch den Sternentunnel in die Höhle.
„Das war gut Mianna, ich bin sehr stolz auf dich“, lobte Feena mich. „Ich wusste doch, dass du das kannst. Nur leider wird es beim nächsten Angriff nicht mehr so leicht sein, denn sie werden dann vorbereitet sein. Ande-rerseits sind sie jetzt nur noch zu dritt und das ging schneller als ich dachte.“
„Ich hab Jemanden getötet“, stellte ich mit zitternder Stimme fest. „Ich bin doch nicht so. Ich bin Niemand, der einfach so tötet.“ Und dann auch noch auf so grausame Weise.
Leinar zog mich vor all den anderen sanft in seine Arme. „Es war notwendig und das weißt du auch. Du darfst dir da nicht solche Gedanken drüber machen.“
„Der Junge hat Recht“, sprach nun auch Feenas Stimme in meinem Kopf beruhigend auf mich ein. „Du hast alles richtig gemacht und wir leben noch, auch Cameron.“
Ja, Cameron lebte noch, aber Feena hatte selbst gesagt, dass es noch nicht vorbei war. Er konnte also immer noch sterben.
„Aber ich habe getötet und sie hat nicht mal was gemacht“, wiedersprach ich immer noch geschockt.
„Das stimmt nicht“, redete Leinar mir gut zu. „Sie war böse. Sie hätte versucht uns zu töten, hättest du sie nicht gestoppt.“
Ich war trotzdem noch geschockt, doch wir hatten wichtigere Dinge zu bereden. Das sah ich ein. Also schwieg ich. Sie hatten ja Recht. Ich war wirklich kindisch, aber ich hatte vor-her noch nie getötet. Ich wusste einfach nicht, wie ich damit umgehen sollte.
„Ich denke wir sollten uns gleich eine Weile ausruhen. Cam, du wirst an den anderen Angriffen nicht mehr teilnehmen. Das ist viel zu gefährlich für dich, und das ist auch keine Bitte, es ist ein Befehl“, ordnete Feena an.
„Ernsthaft, Feena?“, fragte Cameron un-gläubig. „Du willst dich ausruhen? Können wir uns das überhaupt leisten?“ Cam war alles andere als begeistert von der Anordnung. Das hatte er vorher schon mehr als deutlich ge-macht.
„Es ist vor allem nötig, damit wir fit für den nächsten Angriff sind, und der wird deutlich schwieriger als der Erste. Jetzt werden sie vorbereitet sein“, erklärte Feena geduldig. „Wir müssen einen Plan haben und äußerst konzentriert sein.“
„Die eigentliche Frage ist, wieso sie ausge-rechnet dich wollen, Dad! Ich meine bei Feli-citas ist der Grund klar. Sie will garantiert Rache dafür, dass du sie hast fallen lassen.

Du weißt das selbst am besten. Bei Majenna kann ich es mir nur teilweise denken. Vermutlich will sie Rache für Ronars Niedergang. Nur dass Mathilda ihn beseitigt hat und nicht du. Also wieso will sie an dir Rache nehmen? Und dann ist da noch Miron. Hast du den Zwergen je etwas getan?“, überlegte Lilien laut.
„Majenna und ich waren nie beste Freunde. Einen Hass auf Mathilda hatte sie schon immer und ich habe Mathilda schon immer un-terstützt. Andererseits hat Tiljan das unter anderem auch. Vielleicht ist das aber der Auslö-ser. Vielleicht ist Felicitas nach ihrem Ver-schwinden auch einfach zu Majenna gegangen und hat mit ihr gemeinsame Sache gemacht. Ich weiß es nicht genau und ich wüsste auch nicht, was Miron gegen mich hat. Ich hab den Zwergen nie etwas getan und Mathilda war eine Freundin der Zwerge. Ich sehe den Zu-sammenhang einfach nicht“ Cameron zuckte mit den Achseln und es wirkte fast so, als wä-re es ihm eigentlich auch ziemlich egal.
„Vielleicht ist auch einfach Felicitas die lei-tende Hand. Aber wieso unterstützt Miron sie dann?“ Auch Lilien wusste keine Lösung auf die unbeantworteten Fragen.
„Tedren dagegen hat ja deutlich gemacht, dass er Cam verabscheut“, rief Fiann Nike uns in Erinnerung.
„Wir sollten eine Nacht darüber schlafen und morgen
dann mit der Planung anfangen. Vielleicht fällt dir ja noch etwas ein“, schlug Feena vor.
„Ich möchte trotzdem nicht, dass ihr für mich sterben müsst“, fand Cameron stur.
„Wir sollten morgen darüber reden“, be-stimmte Feena und wie aus dem Nichts ver-wandelten sich die Stühle, auf denen wir sa-ßen, in Betten und unsere Kleider in Schlafanzüge, sodass wir alle sofort schlafen konnten, nachdem wir uns eine Gute Nacht gewünscht hatten. Da ich neben Leinar und Linnie geses-sen hatte schlief ich jetzt auch neben den bei-den. Obwohl Leinar genau neben mir lag, fühlte es sich anders an als in unserer Suite. Er wirkte plötzlich so weit weg und ich konnte mich nicht an ihn kuscheln.

Kapitel 58 Bedrohlich

Leinar

Das klang alles sehr beunruhigend. Der Lebenssee hatte so eine große Aufgabe. Auf ihm lasteten so viele Leben und wir mussten ihn retten. Erst jetzt wurde mir klar was das wirklich für uns bedeutete.
Cameron hätte wirklich alles überwachen sollen. Er konnte doch seiner Familie nicht solche Sorgen bereiten. Aber wenn man alt war, sah man das wohl anders. Doch wie alt war er für Feenverhältnisse wirklich? Fühlte er sich eher alt oder wollte er einfach nur seine Nike endlich wieder sehen?
Und was bedeutete das alles für uns? Mussten wir jetzt alle ein Auge auf ihn haben? Dabei wollte ich doch ein Auge auf Mianna haben oder besser zwei. Sie brauchte auf jeden Fall Jemanden, der sie im Auge behielt. Sie war die vielleicht wichtigste Person dieser Mission.
Ich hatte keine Ahnung, was wirklich auf uns zukommen würde, aber wir mussten es schaffen zu gewinnen. Ansonsten waren wir alle verloren.

Kapitel 57 Vermutungen

Ein Licht weist den Weg,
der zur Hoffnung führt,
erfüllt den Tag, dass es jeder spürt.

Weihnachtslied – Ein Licht geht uns auf

Wir gingen durch einen Tunnel, der im Sternenlicht hell erleuchtet war. Er wirkte schmal und lang und Corentin musste sogar den Kopf einziehen. Die Wände waren grau und trist, ähnlich wie Lehm. Aber sie schimmerten auch weiß durch das Sternen-licht. Es sah wirklich schön aus.
„Ich dachte ihr bewacht ständig den See und seid erstarrt. Wieso läufst du mit Lilien nun so herum? Ich hab bisher außer euch keinen einzigen Wächter gesehen“, fragte ich Corentin neugierig. Das beschäftigte mich schon seit ich hier angekommen war und Co-rentin saß direkt an der Quelle. Er konnte mir bestimmt mehr verraten.
„Die Wächter sind die meiste Zeit unsichtbar. Es sei denn sie wollen gesehen werden wie wir. Dann treten sie aus dem Licht, so wie wir es taten. Aber das kommt nur sehr selten vor, weil die Wächter sehr selten ihren Posten verlassen“, erklärte Corentin mir.
„Und wo gehen wir jetzt hin?“, fragte ich ihn dann.
„Wir haben so eine Art Versammlungsraum, wo sich einige Wächter manchmal treffen. Warts einfach ab“, erwiderte er sehr geheimnisvoll.
Den Rest des Weges schwiegen wir und es dauerte auch gar nicht mehr lange, bis wir zu dem Raum kamen und der Tunnel endete. Der Raum war einfach gigantisch. Eine riesige Höhle. So stellte ich mir die Zwergenhöhlen von damals vor, nur kleiner. Tische und Stühle standen überall quer im Raum bereit. Corentin ging zu Lilien und ich zu Leinar.
„Alles klar?“, fragte er mich besorgt. Ich nickte nur und suchte Cameron. Er sah gesund und munter aus, aber eigentlich hatte ich auch noch nichts anderes erwartet. Die Höhle war wie der Tunnel hell mit Sternenlicht erleuchtet.
Unter den Anwesenden waren auch einige Fremde, die wohl die Wächter des Sees sein mussten. Sie trugen alle himmelblaue Kleidung, wirkten aber sonst eher unscheinbar. Irgendwie blass. Fast leichenblass. Neben Lilien und Corentin standen jeweils zwei der fremden Wächter.
„Ich bin wirklich froh, dass ihr gekommen seid. Wir können eure Unterstützung gut ge-brauchen. Neben mir stehen Feena und Bryn. Zwei unserer Wächterinnen des Sees. Von Feena habt ihr bestimmt schon gehört“, stellte Lilien die beiden Frauen vor.
Das war Feena? Ich hatte mir sie wunder-schön vorgestellt und sie sah auch ganz hübsch aus, aber irgendwie auch etwas unförmig, als wäre sie noch nicht ganz fertig gestellt. Da fehlte auf einer Seite ein komplettes Ohr, ohne dass eine Narbe zu sehen wäre. Ein Auge war blau und ohne Umrandungen, wie es sonst üblich war. Die Farbe auf der einen Unterlippe war Hautfarben und nicht rot. Ihre Haare waren eine Mischung aus rot, schwarz, blond und einigen anderen Farben. Sie waren lang, glatt, wellig und seltsamerweise auch irgendwie kurz zugleich. Das sah ziemlich verrückt aus. Dies sollte also die erste Fee überhaupt sein? Aber andererseits machte es schon irgendwie Sinn. Wieso sollte die aller-erste Fee perfekt sein? Sie war eben die erste aller Feen.
Die andere Fee neben Feena, Bryn, war ziemlich klein, hatte kastanienbraunes, langes Haar und sanfte grüne Augen.
„Auch ich danke euch“, ergriff Feena das Wort. Ihre Stimme war weich und irgendwie lieblich, wirkte aber auch heiser. „Langsam wird es ernst. Die Angreifer kommen immer besser voran und wir müssen sie unbedingt stoppen.
„Dafür sind wir hier“, bemerkte Cameron trocken.
„Richtig“, nickte Feena. „Allerdings bin ich mir ziemlich sicher, dass sowieso nur eine in diesem Raum den Angriff wirklich beenden kann.“ Feenas Blick wanderte vielsagend zu mir und ich zuckte leicht zusammen. Wie viel wusste sie? Was für Fähigkeiten hatte sie eigentlich? War sie allmächtig?
„Keine Angst, Mianna“, hörte ich plötzlich Feenas Stimme in meinem Kopf. „Ich kann jede Fähigkeiten von allen Anwesenden im Raum nutzen. Ich denke, du weißt wessen Fä-higkeit ich gerade gebrauche. Ich kann dir also helfen. Du musst das nicht allein machen. Allerdings bin ich alt und längst nicht mehr so mächtig wie früher. Meine Magie wird schwä-cher und das kann genauso gefährlich werden für unsere Welt, wie das Vernichten des Lebenssees. Deswegen darf ich meine Magie nur in äußerster Not anwenden, es sei denn ich beschütze den Lebenssee. Aber mit meiner und mit Leinars Hilfe wird es dir auf jeden Fall gelingen die Angreifer zu stoppen.“
Ich war unendlich erleichtert und dankbar. Feena war da und stand mir bei. Während ich Feenas Stimme gelauscht hatte, hatte Lilien offenbar das Reden übernommen. Die anderen hörten ihr aufmerksam zu.
„Und ich bin hier, weil ich die Geschichte des Lebenssees besser kenne als irgendwer sonst. Selbst besser als Feena“, erklärte Bryn uns dann.
„Das stimmt“, nickte Feena. „Bryn bewacht den See schon ziemlich lange. Ich zwar auch, aber ich war zwischendurch auch mal weg.“ Sie schien das etwas zu wurmen, aber sie lächelte Bryn herzlich zu.
Ich fragte mich, ob Bryn ein Stern war. Feen konnten theoretisch nicht länger den See bewachen als Feena. Würde mich einfach mal interessieren.
„Dies ist nicht der erste Angriff auf den See“, erklärte Bryn. „Auch wenn der letzte schon seit Jahrhunderten zurück liegt gab es noch einen und der war damals wesentlich schwächer als der heutige. Damals war er von Sternen angeführt worden, die einen Groll gegen Feen hegten.“
„Gibt es eigentlich noch andere Seen außer diesen?“, fragte Leinar nun. Das war durchaus eine interessante Frage. Doch wo sollten sie existieren?
„Nein, unser ist der Einzige“, beantwortete Feena seine Frage. „Die anderen Völker brauchen solche Seen nicht.“
Was immer das heißen mochte…
„Diesmal hab ich auch das Gefühl, dass die Angreifer keine Sterne sind“, bemerkte Coren-tin auf einmal.
„Nein, das sind sie wohl nicht“, stimmte Feena ihm zu. „Das zumindest können wir wirklich ausschließen.“
„Wie sollen wir jetzt weiter vorgehen?“, wollte Cameron nun wissen.
„Cam, ich find du solltest hierbleiben und alles überwachen“, schlug Feena ihm diplomatisch vor. Sie musste wissen, was Tiljan mir erzählt hatte. Wieso sonst sollte sie gerade diesen Vorschlag machen? Sie schien wohl Gedanken lesen zu können oder sie spüren zu können wie Corentin.
„Machst du Witze?“, fragte Cam Feena überrascht und auch gekränkt. „Du hast mir selbst gesagt, dass so viele wie möglich kom-men müssen um die Mission zu beenden.“
„Ja schon, aber Tiljan hatte eine beunruhigende Vision, was dich und die Mission be-trifft.“
„Gehts etwas genauer?“ Cameron wirkte wütend. Ich konnte es ihm nicht verübeln. Es musste ein schwerer Schlag für ihn sein zurückbleiben zu müssen.
„Es könnte dir etwas zustoßen“, wagte sich Feena vorsichtig weiter. Corentin und ich warfen uns einen Blick zu und Corentin zuckte leicht mit den Achseln, als wollte er mir sagen, dass er auch nicht wusste, was Feena vorhatte.
„Das kann mich nicht mehr schocken. Ich bin alt. Ich werde nicht als Einziger hier war-ten und Däumchen drehen“ Cameron ließ nicht so leicht locker.
„Und was ist mit deiner Familie?“, konterte Feena. „Sie werden sich nicht konzentrieren können, weil sie sich ständig um dich sorgen müssten.“
„Dann hättest du uns nicht von dieser Vision erzählen dürfen“, erwiderte Cameron ge-reizt. Ich bewunderte ihn, weil er sich Feena so entgegensetzte. Ich hätte das nicht gekonnt.
Feena seufzte tief. Ich dagegen musste Cameron da durchaus Recht geben.
„Dad!“ Lilien ging jetzt zu ihm und nahm seine Hand in ihre. „Tust du es wenigstens für mich? Ich weiß, es gefällt dir nicht, aber ich möchte dich in Sicherheit wissen.“
„Lil, ich weiß, dir fällt es schwer mich gehen zu lassen, aber ich bin alt. Für mich be-deutet der Tod was anderes als für dich. Das heißt jetzt aber nicht, dass ich mich dort in den Tod stürzen möchte, keine Sorge. Aber ich möchte hier dabei sein und wenn ich verletzt werde ist das eben so.“
„Ich kann es dir nicht ausreden, oder?“, fragte Lilien unendlich traurig.
„Nein, Liebes. Ich befürchte nicht“, stellte Cameron klar.
„Na gut, aber versprich mir, dass du gut auf dich aufpasst.“, bat Lilien ihn trotzdem.
„Versprochen!“ Cameron umarmte seine Tochter fest. Die Verantwortung für mich war zu groß. Ich sollte diesen Angriff beenden und ich musste dafür sorgen, dass Cameron auf keinen Fall verletzt wurde. Das durfte nie pas-sieren. Wieso musste er auch so stur sein?

Kapitel 56 Freundensprünge

Leinar

Der Lebenssee war traumhaft schön. Nicht mal annährend hätte ich ihn mir so anhand meines Traumes vorgestellt. Es war der Wahnsinn hier zu sein. So viele Kerzen erleuchteten den See. Jede Sekunde ging eine Lampe an und eine wieder aus. Man konnte gar nicht schnell genau hinsehen um es richtig zu sehen. Das ernste Lichterspiel zwischen Leben und Tod. Trotzdem faszinierte es mich.
Corentin und Lilien fand ich auch sehr be-eindruckend. Wobei Corentin auch irgendwie was Düsteres an sich hatte. Lilien dagegen leuchtete wie ein wunderschöner Engel. Sie hatte so etwas Strahlendes an sich. Ich konnte mir kaum vorstellen einmal so alt zu werden wie die beiden oder Cam.
Die Umgebung zum Lebenssee war wirk-lich der Wahnsinn. So traumhaft schön und einfach anders. Hier konnte ich mir vorstellen stundenlang vor dem See zu sitzen und die Kerzen auf dem See zu betrachten. Jetzt konn-te ich die Wächter schon eher verstehen. Ich würde bei dem Anblick wohl auch nie satt werden. Es musste ein super Gefühl sein und sehr aufregend so viele Leben bewachen zu dürfen. Die ganze Welt um genau zu sein. Ich versuchte die Namen, die auf den Kerzen standen zu entziffern, aber das war einfach unmöglich.
Dennoch galt meine Sorge Mianna. Ich hat-te gespürt, dass sie abwesend war. Dann hatte ich gemerkt, dass auch Corentin fehlte. Was die beiden wohl trieben? Dennoch war ich mir sicher, dass sie bei Corentin sicher war. Sonst hätte ich mich schon längst auf die Suche nach ihr gemacht. Denn ich durfte sie einfach nicht verlieren.