Kapitel 21 Ankündigungen

– Es gibt viele Wege Karriere zu machen,
aber die sicherste ist immer noch,
in der richtigen Familie geboren zu werden.-

Donald Trump US-Amerikanischer Unternehmer

Als ich die Mädels gerade entdeckt hatte, erschienen plötzlich viele Stühle im Saal. Dort wo die Leute standen. Wir sollten uns wohl hinsetzen. Ich suchte den Raum nach Leinar ab, aber er schien in der Menge verschwun-den zu sein. Auf der Bühne versammelten sich alle Lehrer. Seufzend drehte ich meinen Stuhl zu der Bühne und setzte mich.
Lady Meisold trat aus der Menge der Lehrer hervor und erhob ihre Stimme, ohne ein Mikrophon zu gebrauchen.
„Liebe neuen und alten Schüler. Ein neues Schuljahr beginnt. Vorweg möchte ich ein paar Ankündigungen für unsere Neuen machen:
Der erste Schultag beginnt erst übermorgen. Morgen habt ihr ein wenig Zeit, um euch schon mal etwas in un-seren Alltag einzugewöhnen. Das erste halbe Jahr dürft ihr das Schulgelände aus Sicherheitsgründen nicht verlassen und danach ein weiteres halbes Jahr nur mit Aufsicht. Nach einem Jahr könnt ihr euch nahezu unbegrenzt bewegen. Ansonsten ist es euch nicht erlaubt sich in an-deren Türmen aufzuhalten. Ihr könnt euch zu Schulprojekten im großen Gemeinschaftsraum im Hauptgebäude des Schlosses treffen oder auch zu privaten Treffen.
Viele Schulen haben unzählige Regeln, die bei Ver-stoßen bestraft werden. Bei uns gibt es nur diese Regeln und dass ihr pünktlich zum Unterricht kommen müsst. Ansonsten dürft ihr euch ziemlich frei auf dem Schulge-lände bewegen. Jeder Turm hat übrigens seinen eigenen Speisesaal, wo die Hauptmahlzeiten eingenommen wer-den. Die Essenszeiten stehen an dem Brett an der Wand vor den Sälen.
Die Unterrichtseinheiten werden auf die verschiede-nen Städte aufgeteilt. So werden die Bewohner von Raubit im vierten Stock im Hauptgebäude unterrichtet. Eure Lehrer sind Cameron, Sena und Morley. Die Tin-demuer werden im fünften Stock von Dieke, Nele und Theodora unterrichtet. Die Feen aus Zaall und und von Landford sind im linken Seitenflügel des vierten Stockes. Eure Lehrer sind Tiljan, Assja und Celina, sowie Corly, Renn und Lim. Und die Schüler von Bibasty haben ihren Unterricht im Freien ihre Lehrer sind Austin, Hailey und Nouriell. Als letztes gibt es noch die Schüler von Simheg. Sie werden unten im tiefsten Keller unterrichtet von Larielle, Anastus und Delyan.“
Das überraschte mich in vielerlei Hinsicht. Soweit ich mich an die Geschichte erinnerte, waren Corly und ihre Geschwister im Laufe der Zeit verschwunden und jetzt unterrichteten sie hier? Außerdem war Renn doch dem-nach mein Großvater. Niemand hatte mir erzählt, dass die Kinder von Lilien und Corentin noch lebten oder gar hier waren. Andererseits war ich auch noch nicht lange hier und wusste nicht wer hier ein und ausging. Lim sagte mir aber auch irgendwas. Ich erinnerte mich nur nicht mehr dran. Ich wusste nur noch, dass er der Bruder meines Großvaters war.
Der zweite Punkt war Leinars Mutter. Sie musste da oben stehen. Ob Leinar das auch bewusst war? Natürlich blieben manche Namen von Lehrer unbenannt, so viele wie da standen. Aber eine davon musste sie sein. Was empfand Leinar wohl bei dem Gedanken an seine Mut-ter? Erneut sah ich mich nach Leinar um, entdeckte ihn aber immer noch nicht.
„Ich denke, das war es erst mal von meiner Seite. Alles andere wird sich mit der Zeit klären. Jetzt gebe ich das Wort an Corly weiter.“
Lady Meisold trat zurück und eine wunderschöne Frau mit blonden, langen Korkenzieherlocken, einem ab-solut lieblichen Gesicht mit sehr sanften Zügen, hellen blauen Augen und einer spitzen Nase, nahm ihren Platz ein. Durch ihre Haare zogen sich vereinzelt schwarze Strähnen. Sie war groß und schlank und trug ein himmel-blaues Kleid mit goldenen Sternen drauf.
„Ich freue mich, euch hier willkommen zu heißen“, begrüßte sie uns mit der sanftesten Stimme, die ich je gehört hatte. „Im Laufe des Jahres wird es einige Highlights geben, die zur gegebenen Zeit angekündigt werden. Eins möchte ich aber schon vorweg bekannt geben. Erst heute Abend hab ich eine Nachricht von König Lunar und Königin Linnie erhalten. Sie wollen ihr Versteck nun aufgeben und bis auf weiteres in der Schule leben. In drei Wochen sollen sie hier sein. Anlässlich ihres Kommens werden wir ein Fest veranstalten mit einem Ritterturnier am Ende. Ähnlich wie es früher Brauch war. Da war die Rittergilde legendär, aber mit der Zeit ist sie in Vergessenheit geraten. Dabei ist ihr Gründer durchaus noch unter uns. Bei besonderen Anlässen waren diese Ritterturniere jedenfalls damals gängig. Ältere Schüler und Lehrer dürfen sich dafür gerne melden.“
Ich fragte mich, wer der Gründer dieser Gilde war.
Ein Raunen ging durch die Menge. Nicht mal Lady Meisold schien davon gewusst zu haben. Mir klopfte das Herz bis zum Hals. Meine Eltern würden hier in die Schule kommen?
Fürst Cameron und Fürst Tiljan traten jetzt neben Corly. Sie nickte Cam liebevoll lächelnd zu. Ich musste mir in Erinnerung rufen, dass er ja Corlys Großvater war.
„Da ich der Gründer der Rittergilde bin, bin ich zu-sammen mit Tiljan einer der Organisatoren des Turniers. Wenn ihr also Fragen habt, wendet euch bitte an mich oder dem komischen Fürsten an meiner Seite.“ Tiljan warf ihm einen bösen Blick zu, aber er musste sich das Lachen verkneifen. Cameron fuhr fort: „Die älteren Schüler kennen mich zwar, aber am besten ich stelle mich für die Neuen auch noch mal vor. Ich bin Fürst Cameron, aber mittlerweile werde ich nur noch Cam genannt.“
Da hatte ich meine Antwort ja schon. Ich hätte es mir denken können.
Einige AHs und OHs waren in der Menge zu hören.
Dann Corly ergriff noch einmal das Wort: „Wie ihr wisst, gibt es verschiedene Freizeitveranstaltungen zu den Be-reichen Sport, Kunst, Musik und weiteren Themen. Wenn ihr Interesse daran habt, guckt am schwarzen Brett nach. Es hängt vor der Cafeteria im Hauptgebäude. Gebt mir oder meinem Bruder Renn Bescheid.
Damit zogen sich Cameron und Corly zurück und Lady Meisold übernahm erneut das Wort.
„Ich denke alles Weitere klären wir, wenn es so weit ist. Jetzt lasst das Fest beginnen und habt Spaß.“
Die Leute klatschten, die Musik setzte wieder ein und als wir aufstanden, verschwanden die Stühle wieder.

Kapitel 17 Erholungsphase

– Wer zu den Sternen unterwegs ist,
hat die ganze Welt hinter sich.-

Ernst Ferstl österreichischer Dichter

Unsere Suite befand sich in einem der Südtürme. Sena erzählte uns, dass etwa zwanzig Türme zu dem Schloss gehörten. Jeder Turm war einer Person aus früheren Zeiten gewidmet. Unser wurde Cassalda genannt und stand für die Sternenkönigin Cassandra, die ja laut Lady Meisold eine meiner Vorfahren gewesen sein sollte.
Plötzlich erinnerte ich mich an die Geschichte von Lilien. Sie hatte auch bei Adoptiveltern gelebt. Hinterher fand sie heraus, dass ihr Vater Fürst Cameron und ihre Mutter die Sternenprinzessin Nike waren. Lilien war glücklich gewesen, weil sie nun endlich wusste, wer ihre Eltern waren. Für sie hatte es auch eine besondere Bedeutung. Plötzlich war sie adelig und konnte mit Corentin zusammen sein, den sie über alles liebte. Ich entdeckte also gewisse Parallelen zwischen mir und Lilien.
Ich war mir aber nicht so sicher, ob mir gefiel, dass ich angeblich ein Kind von Königen sein sollte. Ich kannte diese Feen ja nicht mal.
Cassalda hatte sieben Stockwerke. Das hieß, wir mussten Treppen ohne Ende nach oben laufen. Ich war zwar eine Fee, aber als ich oben ankam, trotzdem ziem-lich fertig.
„Und die sollen wir jeden Tag gehen? Vielleicht sogar mehrmals?“, stöhnte auch Leinar. Er war wohl auch nicht ganz begeistert davon bis in den siebten Stock zu Fuss zu müssen.
„Ach kommt schon, ihr seid Feen! Dazu noch ziemlich mächtige. Ein paar Treppen werden euch doch wohl nicht schocken.“ Sena schüttelte schmunzelnd den Kopf. Ihre langen Haare wippten dabei hin und her.
„Von dieser mächtigen Magie spüre ich gerade irgendwie nichts“, bemerkte Leinar trocken.
Sena führte uns durch einige Gänge, die an diesem Abend ziemlich gespenstig wirkten. Wir blieben vor einer Tür stehen. Allerdings konnte sie nicht wirklich so bezeichnet werden. Es war vielmehr eine Art Vorhang, der aus goldleuchtendem Feenstaub zu bestehen schien.
Leinar und ich blieben einfach wortlos davor stehen, ohne zu wissen was wir machen sollten.
„Geht einfach weiter“, verkündete Sena, die zwischen uns stand. „Ihr werdet schon sehen.“
Also gingen wir durch den Vorhang. Dabei prickelte es angenehm. Dann standen wir in unserer Suite. Doch so richtig konnte ich mich darauf noch gar nicht konzentrie-ren. Vorerst betrachtete ich die schimmernden Sterne, die sich plötzlich auf meiner Haut bildeten.
„Wow, was ist denn das?“, fragte Leinar neugierig.
Sena wusste die Antwort darauf. „Du stammst von den Sternen ab, Mia. Lilien ist halb Stern, halb Elf. Damit hat diese Erscheinung wohl zu tun. Vielleicht habt ihr das Prickeln auf der Haut bemerkt, als ihr durch den Vorhang gegangen seid. Der Vorhang besteht aus Feen- und Sternenstaub. Er zeigt euch eure wahre Gestalt. Da hast du den Beweis, dass meine Mutter die Wahrheit sagt.“
„Bei mir zeigt sich aber nichts“, bemerkte Leinar schließlich etwas enttäuscht.
„Dann wusstest du schon, bevor du durch den Vor-hang gegangen bist, wer du bist.“ Für Sena schien das ziemlich logisch zu sein.
„Das glaub ich aber nicht. Ist dir nicht klar, dass du ein Prinz sein musst?“, wiedersprach ich.
Jetzt wirkte Leinar ziemlich verwirrt. „Ein Prinz? Wohl kaum.“
„Nein, nicht direkt“, meldete sich nun auch Sena zu Wort. „Es stimmt, dass meine Großeltern Könige waren, aber nachdem sie sich aus ihren Ämtern zurückzogen, lehnte meine Mutter ihr Erbe ab. Sie ist mit deinen Eltern befreundet, Mia. Ihr war klar, dass es besser war, wenn es nur ein Königspaar zur selben Zeit gab. Also nein. Neal ist kein Prinz, weil meine Mutter nie wirklich Königin war und somit auch seine Eltern nicht.“
Okay, dann halt nicht, dachte ich nur.
„Wie lange wird es dauern, bis dieser Sternenschimmer auf meiner Haut wieder weg ist?“, lenkte ich dann vom Thema ab. Diese Frage interessierte mich wirklich. Ich wollte nicht immer rumlaufen wie ein wandelnder Stern.
„Keine Ahnung“, gestand Sena mir. „Es könnte Tage, Wochen, Monate, Jahre dauern oder sogar für immer bleiben. Sternenschimmer ist mächtige Magie und zeigt sich nur bei wenigen Auserwählten und nur bei Nachfah-ren von Cassandra, der Sternenkönigin. Du musst wirklich was Besonderes sein.“
„Na toll“, seufzte ich wenig begeistert. „Für immer? Ist das dein Ernst?“
„Also von mir aus kann es für immer so bleiben. Ich find es schön. Es wirkt so magisch“, bemerkte Leinar wenig hilfreich. Geschmeichelt fühlte ich mich aber trotzdem.
„Du solltest das Sternenkleid anziehen. Es hängt in deinem Schrank“, schlug Sena vor. „Es würde beeindruckend zu deiner Haut aussehen.“
Woher wusste Sena was in meinem Schrank hing? Obwohl, vielleicht wollte ich das gar nicht so genau wis-sen.
„Ich werde euch dann jetzt mal allein lassen. Ihr habt drei Stunden bis zur Eröffnungsfeier“, verabschiedete sich Sena von uns und verließ die Suite durch den Schleier.
Als sie weg war, hatte ich zum ersten Mal Zeit mich in dem Raum, indem ich mich befand, umzusehen. Vor Staunen brachte ich kein Wort heraus. Hier sollten wir wohnen?
Der Wohnraum wirkte riesig. Wir hatten nicht nur einen sondern gleich zwei Flachbildschirme an den Wän-den. Wozu brauchten wir bitte zwei Flachbildschirme in einem Raum?
Die Wände wirkten fast golden und waren überzogen mit einer feinen Schicht Sternenstaub in Form von winzigen Sternen.
An der Wand neben der Balkontür an der größeren Fläche stand ein dunkelblaues großes Ecksofa. Es sah ziemlich gemütlich aus. Daneben, in Richtung von dem Gang, der vermutlich zu den Schlafzimmern führte, stand ein Kamin. Darin knisterte ein sanftes Feuer vor sich hin. Vom Sofa aus sah man den ersten Flachbildschirm, der an der Wand gegenüber hing. Neben dem Kamin befand sich noch eine gemütliche Eckbank vor der ein Tisch aus Eiche stand. Ich ging gleich in den Gang und stellte über-rascht fest, dass es nur ein Schlafzimmer gab mit einem Ehebett!
„Ähm …“, war alles, was mir dazu einfiel. Das Zim-mer an sich wirkte sehr gemütlich. Die Wände waren traumblau gestrichen mit vereinzelten Sternen darauf. Gegenüber vom Bett machte eine riesige Fensterfront das Zimmer unglaublich hell. An der Wand zwischen Fenster und Bett standen zwei riesige Kleiderschränke. Nie im Leben brauchte ich so viel Kleidung, dass der Schrank jemals voll werden würde. Neugierig machte ich den Schrank auf und stellte fest, dass er eigentlich schon ziemlich voll war.
Ich fand das Sternenkleid trotzdem fast sofort. Es war dunkellila und hatte einen weiten Rock, der wie ein Stern fiel. Das Kleid war hinten ziemlich tief ausgeschnitten.
Leinar war mir offenbar gefolgt und kommentierte das Kleid nur mit einem schlichten „Wow.“
„Das heißt dann wohl, ich ziehe das Kleid heute wirk-lich an.“, stellte ich fest, formulierte die Feststellung aber fast wie eine Frage.
„Auf jeden Fall“, bestätigte Leinar

Kapitel 15 Das magische Schloss

– Ein Netzwerk aus Worten ist ein großer Wald,
indem sich die Phantasie herumtreibt. –

Shankara indischer Philosoph

Wir waren tatsächlich in der Welt der Menschen. Ich konnte es kaum fassen. Wir standen sogar vor dem magischen Schloss. Es sah ganz anders aus, als ich es mir vorgestellt hatte. Das Anwesen zwar war riesig, aber es war silbern und nicht golden. Andererseits konnte man das auch nicht so genau sagen. Vielleicht war es auch etwas dazwischen.
Das magische Schloss war jedenfalls zur Hälfte dunkel wie die Nacht und zur anderen Hälfte hell wie der Tag getaucht. Das hatte Antonia ja schon angedeutet. Überall auf dem Gebäude schimmerten winzige Regenbögen. Das sah ziemlich irre aus. Dahinter schien jegliches Wet-ter zu wüten, dass ich kannte. Es regnete, es schneite, die Sonne schien, es war stürmisch und es hagelte und blitzte sogar. In diesem bunten Mix wirkte das ziemlich verwir-rend.
Von unseren Standpunkt aus bekamen wir nichts von dem ganzen seltsamen Wetter mit. Uns schien nur die Sonne ins Gesicht und es war angenehm warm. Auf der dunklen Seite des Anwesens funkelten die Sterne, wäh-rend auf der hellen Seite die Sonne schien.
Das gesamte verwinkelte Schloss mit allen Türmen und Erkern war von einer leichten Schicht silbrig schim-mernden Feenstaub umgeben. Es sah wirklich sehr beeindruckend aus.
Als wir aus dem Zug stiegen, sahen wir zum ersten Mal die Frau, welche die ganze Fahrt über durch die Lautsprecher zu uns gesprochen hatte. Sie war vermutlich etwa zweihundert Jahre alt, wirkte aber als wäre sie höchstens vierzig. Ihr Haar war von einem so langen, glänzenden kastanienbraun, wie ich es noch nie gesehen hatte. Es reichte ihr fast bis zu den Füßen. Das musste doch unglaublich schwer sein. Es sei denn, es war ver-zaubert. Sie hatte hellgrüne Augen. Wirklich sehr hellgrüne Augen. Es sah ein bisschen unheimlich aus. Sie trug ein dunkelblaues langes Seidenkleid. Der Rock fiel sehr weit und war mit leuchtenden Sternen verziert. Sie war nicht wirklich schlank, aber auch nicht wirklich dick. Sie sah einfach umwerfend schön aus.
Wir erfuhren, dass sie Sena hieß und die Lehrerin von uns und von Zaall werden würde. Da war ich schon gespannt auf den Unterricht bei ihr. Sie wirkte nicht wirklich wie eine Lehrerin.
Sena sah das Anwesen an und seufzte: „Endlich zu Hause.“
Plötzlich erschien wie aus dem nichts eine Brücke über dem Graben, die zum Gebäude führte. Ich hatte mich schon gefragt, wie wir zum dorthin kommen sollten, aber das hatte sich ja jetzt erledigt. Automatisch ging das Tor auf und ein roter Schimmer kam heraus. Wir gingen über die Brücke.
„Willkommen Sena! Willkommen ihr neuen Schüler! Die Eröffnungsfeier beginnt um vierundzwanzig Uhr, also um Mitternacht. Der Unterricht übermorgen früh um sieben Uhr dreißig. Eure Stundenpläne erhaltet ihr, wenn ihr das Schloss betretet, genau wie einen Plan der Schule, auf dem eure Zimmer oder Suiten gekennzeichnet sind, sowie die Klassen für die ersten Unterrichtsstunden.
Die Rektorin Carlina Meisold bittet dich, Sena, und auch Neal Torrn und Mia Mildren zu einer Besprechung im Kaminzimmer im zweiten Stock. Ihre Schüler aus Landford bittet sie in zwei Stunden zum Kennenlernen zu ihr zu kommen. Alles weitere erfahren Sie bei der Eröffnungsfeier.“
Die Stimme verstummte wieder und ich drängte mich mit Leinar zu Sena durch.
„Ihr seid Neal und Mia?“, fragte sie, obwohl sie doch schon wissen musste, dass Leinar Neal war.
„Ja“, antwortete Leinar.
„Gut, dann kommt mit mir.“
Sobald wir das Schloss betreten hatten, verstreuten sich die Schüler in alle Richtungen.
„Wissen Sie, wieso die Rektorin gerade uns sprechen will?“, fragte ich Sena.
„Nein, aber das werdet ihr wohl bald erfahren.“ Und so führte sie uns in den zweiten Stock ins Kaminzimmer.
Als eben mein Nachname benutzt worden war, war das sehr ungewohnt für mich gewesen. Ich hatte ihn sonst fast nie gebraucht.
Im Kaminzimmer befand sich nicht nur ein Kamin sondern, gleich vier. Für jede Wand einen. In dem fensterlosen Raum war es kuschelig warm. Viele rote Sofas standen wahllos im Raum herum. Wir setzten uns auf das, welches dem Kamin gegenüber der Tür zugewandt war.
Lady Meisold beehrte uns noch nicht mit ihrer Anwe-senheit. Lange ließ sie aber nicht auf sich warten. Sie er-schien einfach wie von selbst im Raum, ohne durch eine Tür zu gehen.
Lange Haare waren bei den Lehrerinnen wohl In. Lady Meisolds waren zwar nicht ganz so lang wie die von Sena, aber sie reichten ihr immerhin bis zu den Kniekehlen. Die Farbe ihrer Haare war pechschwarz, ihre Augen so dunkel, dass sie mich entfernt an Leinars Au-gen erinnerten. Ihre Figur wirkte irgendwie unförmig. Manche Stellen wirkten sehr schlank und manche wie ihre Hände eher dick. Als wäre ein Zauber furchtbar schief gegangen. Sie trug ein seidenes traumblaues Kleid.
Zu meiner Überraschung war es Leinar, der plötzlich fragte: „Oma?“, und Lady Meisold verwirrt ansah.
Die Rektorin lächelte ihn freundlich an und wirkte ziemlich glücklich. Was war hier bloß los? Wieso hatte Leinar sie Oma genannt? Ich verstand das alles nicht. Wenn er sie wirklich kannte, hätte er sie dann nicht schon am Namen erkennen müssen?
„Neal, mein Lieber! Ich wusste schon immer, dass du was Besonderes bist, aber ich konnte ja nicht ahnen wie besonders.“ Lady Meisold strahlte, als hätte sie gerade das tollste Geburtstagsgeschenk ihres Lebens erhalten.
„Aber …ich dachte, du seist tot“, stammelte Leinar, offenbar mehr als nur verwirrt.
„Alles nur Tarnung“, winkte Leinars Großmutter lässig ab, als sei es ganz normal seinen eigenen Tot vorzu-täuschen. „Wie du siehst, bin ich quicklebendig.“
Leinar schüttelte ungläubig den Kopf. „Ich verstehe das alles nicht.“
„Ich werde dir alles mal in Ruhe erklären“, versprach Lady Meisold ihm. „Heute ist dazu keine Zeit. Wir haben wichtigere Dinge zu besprechen. Wie ich sehe, hast du deine Tante bereits kennen gelernt?“
Sie wandte sich, ohne auf eine Antwort zu warten, Sena zu.
„Tante?“, murmelte Leinar verständnislos.
„Sena, meine Liebe, was gibt es neues in unserer Welt?“, fragte Lady Meisold Sena. Leinars Gemurmel beachtete sie gar nicht.
„Das kann warten“, entschied Sena. „Wolltest du Neal nur erzählen, dass du lebst oder sind die Zwei noch aus einem anderen Grund hier?“ Zum Teil hatte Sena also doch gewusst, wieso wir oder zumindest Leinar Lady Meisold treffen sollten.
„Ach ja richtig …“, seufzte Lady Meisold. „Also gut. Wo fangen wir am besten an?“ Sie musterte uns einge-hend und entschied dann: „Kommen wir erst mal zu euch beiden. Habt ihr schon mal was von Seelenmagie ge-hört?“
„Ein wenig. Es soll eine uralte Magie sein, die zwei Feen miteinander verbindet“, beantwortete Leinar die Frage.
„Das stimmt“, nickte Lady Meisold nachdenklich, fast schon träumend. „Seelenmagie ist sehr selten. Zum letz-ten Mal kam sie vor vielen, vielen Jahrhunderten vor. Die Pärchen, die mit Seelenmagie verbunden sind, nennt man Seelengefährten oder Seelenliebende. Ihre eigene Magie plus die Seelenmagie ist stärker und reiner als alle ande-ren Formen der Magie. Seelengefährten oder Seelenliebende sind mit die mächtigsten Magier überhaupt.“
„Wer waren denn die letzten Seelengefährten?“, wollte Leinar wissen.
„Deine Urgroßeltern und meine Eltern. Mathilda und Steffen. Die beiden haben großartiges geleistet. Besonders meine Mutter. Sie hat damals Frieden ins Land gebracht, indem sie ihren Vater, der sie nie anerkannte, tötete. Vielleicht lag das nicht unbedingt daran, dass mein eigener Vater ihr Seelenliebender war, aber sie hat trotzdem den Frieden gebracht“, antwortete Lady Meisold stolz.
Die Namen kamen mir vage bekannt vor. In Geschich-te war ich schon immer recht gut gewesen. Soweit ich mich erinnern konnte, gab es mal ein Königspaar, dass Mathilda und Steffen hieß. War Leinar dann wohl ein Prinz und wusste er das?
Dennoch fragte ich: „Wieso erzählen Sie uns das eigentlich?“
Wobei ich eigentlich mich meinte, denn es ging doch schließlich um Leinars Verwandtschaft. Was hatte das mit mir zu tun?
„Unter anderem dadurch, dass ich ein Kind von Seelenliebenden bin, spüre ich andere Seelengefährten. Bis vor kurzem habe ich es nie gespürt, aber seit ihr in den Zug gestiegen seid, spüre ich die Seelenmagie stärker denn je. Natürlich ist es schwer zu bestimmen, wer die betroffenen Seelengefährten sind, aber oft wird so etwas weiter vererbt. Deswegen war mir schnell klar, Neal, dass in dir Seelenmagie stecken muss. Als ich das wusste, spürte ich dein enges Verhältnis zu Mia nach so kurzer Zeit. Dabei hast du dich eigentlich immer eher vor ande-ren in deinem Alter zurückgezogen. Mia ist deine Seelengefährtin, Neal. Da bin ich mir absolut sicher.“
Leinar wurde schlagartig still. Er hatte gerade erst er-fahren, dass seine totgeglaubte Oma lebte und er eine Tante hatte, und jetzt auch noch das. Dass so etwas Mächtiges uns betraf, konnte selbst ich kaum glauben. Wie schwer musste es dann Leinar fallen? Das war einfach zu viel für ihn, für uns beide.
„Wir sollen diese super magischen Seelengefährten sein und gar keine andere Chance haben, als uns ineinan-der zu verlieben?“, fragte Leinar skeptisch und sehr ver-bittert.
Mir gefiel das auch nicht. Wenn ich mich wirklich verlieben sollte dann, weil ich das wollte, und nicht aus irgendeiner Kraft und einer magischen Bestimmung, wo wir gar nichts für konnten.
„Nein, so ist es nicht ganz“, wiedersprach Lady Meisold ihm. „Es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen Seelengefährten und Seelenliebenden. Seelen-gefährten sind so was wie beste Freunde, die sich voneinander nicht trennen können. Sie können einfach nicht ohne einander leben. Sie lieben sich aber nicht. Wenn sie sich aber doch ineinander verlieben, sind sie Seelenliebende. Das heißt: Wer mit Seelenmagie verbunden ist, kann sich ineinander verlieben, muss aber nicht. Seelenmagie ist vielseitig und entsteht nicht immer nur aus Magie. Manchmal ist es auch einfach Schicksal.“
„Und was heißt das jetzt für uns?“, wollte Leinar wissen.
„Das, was euch verbindet, ist etwas Besonderes. Egal ob ihr Seelengefährten oder Seelenliebende seid: Ihr solltet die Seelenmagie ernst nehmen und nicht schmälern. Ihr werdet mehr Unterricht haben, als die anderen, da ihr im Notfall eine größere Aufgabe haben werdet als sie. Auf euren Schultern lastet auch viel mehr als auf den der anderen, weil ihr als die sogenannten Erlöser bezeichnet werdet. Momentan herrscht zwar Frieden, aber das muss nicht so bleiben. Wenn der Krieg erneut beginnen sollte, werdet ihr an der vordersten Front kämpfen und uns den Sieg bringen. So wird es seit Jahrtausenden prophezeit. In dem Fall meiner Mutter ist die Prophezeiung eingetroffen, auch wenn sie da noch nicht direkt mit ihrem Seelengefährten verbunden war, hat sie gespürt, dass sie zu ihm gehört. Wie gesagt: Eure Seelenmagie ist stärker als irgendeine Magie sonst und sie macht auch eure eigenen Fähigkeiten stärker. Aber seid vorsichtig. Sagt niemanden was davon. Ihr seid begehrt und es wird oft Jagd auf euresgleichen gemacht. Behaltet es so gut wie es geht für euch. Das ist mein Rat an euch.“
Das hieß also so viel wie: Wir mussten mehr lernen als alle anderen, weil wir eines Tages die Welt retten sollten. Klang doch sehr vielversprechend. Vermutlich würden wir eines Tages auch noch in Geschichtsbüchern auftauchen.
„Bei euch beiden liegt noch ein besonderer Fall von Seelenmagie vor. So etwas gab es bisher in unserer gan-zen Geschichte noch nie“, berichtete Lady Meisold weiter und dann wandte sie sich plötzlich an mich. „Du bist bei Pflegeeltern großgeworden, richtig?“
Was? Was sollte das denn jetzt?
„Nein, sie sind meine richtigen Eltern“, korrigierte ich sie voller Überzeugung.
„Das zumindest solltest du glauben, weil es sicherer für dich war. In Wahrheit sind deine Eltern Königin Linnie und König Lunar von Raubit. Sie leben versteckt hier in der Menschenwelt solange Frieden herrscht.“
„Was?“ Jetzt wollte Lady Meisold mich wohl auf den Arm nehmen. Meine Eltern waren gewiss keine Könige. „Nein, Sie irren sich.“
„Nein, bestimmt nicht. Zur gleichen Zeit als meine Eltern Seelenliebende waren, geschah etwas sehr, sehr seltenes. Es gab ein Paar, das nicht direkt mit Seelenmagie verbunden war, aber es kam dem sehr nahe. Es fehlte nicht mehr viel und sie wären es gewesen. Die Rede ist von Corentin und Lilien, die mit der Zeit zu den Sternen gingen. Niemand weiß, was aus ihnen geworden ist. Jedenfalls bekamen Corentin und Lilien, bevor sie zu den Sternen gingen, drei Kinder und zogen sie groß. Ihr ältes-ter Sohn heißt Renn und er heiratete Isanna, eine Fee. Renn und Isanna sind deine Großeltern, Mia. Also bist du, Neal, mehr oder weniger aus einer Verbindung durch Seelenmagie entstanden und du Mia, entstammst einer Verbindung, die Seelenmagie sehr, sehr nahe kommt. Da ist es nur naheliegend, dass ihr beide durch Seelenmagie verbunden seid.“
So unsinnig es auch war, ich wollte das einfach nicht glauben. Deswegen beharrte ich immer noch beinahe verzweifelt. „Nein, nein. Meine Eltern sind Jonael und Luciana. Einfache Feen aus Raubit.“
Zu meiner Überraschung war es Leinar, der neben mir saß, und beruhigend meine Hand nahm. Er flüsterte mir zu: „Das ist dein Geheimnis, das, was du nicht wusstest. Deswegen bist du hier.“
Die meiste Zeit war er still gewesen und hatte nur hin und wieder Fragen gestellt, aber jetzt schien wieder Le-ben in ihn zu kommen und er versprach mir: „Wir stehen das gemeinsam durch.“
„Das ist sicher viel worüber ihr nachdenken müsst. Als Seelengefährten werdet ihr nicht gemeinsam mit euren Mitschülern zusammen wohnen, sondern zu zweit in einer Suite. Du solltest auch die Sache mit deinen Eltern lieber nicht erwähnen, Mia. Dieses Geheimnis wurde lange bewahrt, weil das Wissen darum sehr gefährlich ist. Ihr seid sehr kostbar und wie gesagt, könntet ihr allein wegen eurer magischen Stärke gejagt werden. Also seid vorsichtig. Ihr solltet euch jetzt auf eure Zimmer begeben und euch für die Eröffnungsfeier erholen und zu Recht machen. Sena wird euch den Weg zeigen, weil ihr noch keine Schlosspläne habt.“
Die Vorstellung mit Leinar in einer Suite ganz alleine zu wohnen, machte mich nervös. Wie sollten wir das den anderen nur erklären?

Kapitel 13 Unerwarteter Besuch

So, und da das Kapitel so kurz war, kommt hier ein zweites Kapitel hinzu:

Ich würde am liebsten wach bleiben,
nur um dich atmen zu hören,
dein Lächeln ansehen
während du träumst.
während du weit weg bist und träumst.

Aerosmith – I don’t want to miss a thing

Wir blieben auf unseren Sofas sitzen. Dann ertönte eine Männerstimme vor der Tür unseres Wagons.
„Aber ich muss zu ihm. Er ist mein Sohn. Er darf die Menschenwelt nie erreichen.“
Leinar neben mir spannte sich an. Was war los mit ihm? Irgendwas schien ihn zu beunruhigen.
„Du kannst nicht einfach den Zug anhalten, um deinen Sohn zu holen. Du kennst die Regeln doch am besten. Wer einmal erwählt wurde, kann nicht mehr zurück.“ Die Stimme, die sonst aus den Lautsprechern kam, klang ziemlich aufgebracht.
„Aber er ist alles was ich habe“, rief er verzweifelt.
Jetzt war ich mir ziemlich sicher, dass es um Leinar ging. Ich hatte schon vorher den Verdacht gehabt, weil Leinar so angespannt gewirkt hatte, sobald er die Stimme zum ersten Mal hörte. Und wieso sollte es um einen anderen gehen? Die anderen sahen irgendwie anders verschreckt aus als Leinar. Nicht so wissend.
„Es geht nicht. Dein Sohn bleibt hier und du musst jetzt gehen, damit wir weiter fahren können“, redete die Frauenstimme auf den Mann ein.
„Du kannst mir nicht meinen Sohn nehmen. Das ist zu grausam“, jammerte der Mann.
Leinar seufzte und stand auf. Es wirkte nicht so, als wäre er sehr begeistert davon, den Raum zu verlassen und zu dem Mann da draußen zu gehen. Aber er ging trotzdem zur Wagontür und öffnete sie.
„Dad?“, hörte ich ihn noch fragen. Dann schloss sich unsere Tür wieder hinter ihm. Ich wusste nicht, ob ich ihn je wieder sehen würde, und das machte mich traurig.

Die Sofas hatten sich schon in Betten umgewandelt und Leinar war immer noch nicht zurück. Ich machte mir Sorgen um ihn. Was trieb er so lange oder hatte er den Zug schon längst verlassen?
Trotz des Feenstaubs, der uns schläfrig machen sollte, war ich nicht müde. Ich konnte einfach nicht schlafen.
Als wir schließlich unseren letzten Stopp vor unserer neuen Heimat in Bibasty machten, ging endlich die Wagontür auf und Leinar kam rein. Er wirkte erschöpft, aber war wieder da. Ich saß aufrecht in meinem Bett und Leinar setzte sich zu mir.
„War das dein Vater?“, fragte ich ihn sanft flüsternd.
Er nickte traurig. „Seit Mom weg ist, ist er ziemlich verwirrt. Das ich jetzt auch noch gehe macht ihn völlig fertig.“
„Und trotzdem verlässt du ihn?“ Das musste hart sein.
„Es war nicht leicht für mich in den letzten Jahren mit ihm zusammen zu leben“, bestätigte er meine Vermutung. „Er war total anders als früher. Ich wollte da raus. Mag sein, dass das egoistisch war von mir.“
Ich nahm sanft seine Hand und verschränkte meine Finger mit seinen. „Es war und ist nicht egoistisch. Ich kann dich verstehen.“
„Danke“, sagte er und lächelte schwach.
Diesmal legte er sich zu mir in mein Bett. Vermutlich wollte er einfach nicht allein sein. Es war ungewohnt ihn neben mir zu haben, aber seine Nähe tat gut. Ich kannte ihn kaum. Ich hatte noch viele Fragen an ihn, was seinen Vater betraf oder seine Mutter oder sein Leben im Allgemeinen. Aber jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt dafür. Dafür war noch Zeit in der magischen Schule. Leinar legte seine Arme um mich und so schliefen wir ein.