Kapitel 35 Sternenmagie

Wir alle sind aus Sternenstaub.
In unseren Augen warmer Glanz.

Ich & Ich – Vom selben Stern

In Magieunterricht prüfte Cameron unsere magischen Fähigkeiten. Eigentlich sollten wir sie Niemanden anver-trauen, wenn es besondere Fähigkeiten waren. Ich fand meine Fähigkeiten nicht so berauschend, also gab ich sie preis. Leinar bedachte mich mit einem merkwürdigen Blick, Cameron ebenfalls. Er erzählte nur, dass er mit einer Berührung auf sein Haar und seinen Gedanken sich die Haare stylen konnte. Jedoch nicht, dass das auch bei anderen funktionierte und ebenfalls nicht von seinen an-deren Fähigkeiten.
Cameron erzählte uns, dass er in den kommenden Wochen unsere Fähigkeiten vertiefen wollte. Ich fand es etwas seltsam, dass eine Frage im Zug nach den magi-schen Fähigkeiten war, wenn wir sie doch eigentlich für uns behalten sollten.
In Länderkunde erzählte er von unserer Welt und den vielen magischen Orten, die es dort gab. Er wollte im ersten Jahr diese Orte und ihre Besonderheiten durchgehen. Außer den größten bekannten Städten gab es auch noch kleinere wichtigere wie Marsia, Lewesis oder Norkia.
Marsia war zum Beispiel berühmt, weil dort eine sehr bekannte Fee Namens Kasia herkommt. Kasia hatte schon früh die Schrift in der Feenwelt erfunden, schon bevor es in der Menschenwelt so etwas überhaupt gab. In Marsia gab es eigens ein Museum, wo Bücher mit dieser Schrift ausgestellt wurden. Nur die Wenigsten konnten sie noch lesen.
Lewesis kannte man, weil das der einzige Ort in der Welt der Feen war, wo auch andere Zauberwesen lebten. Zum Beispiel Zwerge oder auch teilweise Hexen. Sonst gab es nur noch eine reine Hexenstadt an der Grenze der Hexenwelt.
Norkia war berühmt, weil das der erste Ort war, wo je Magie von Feen ausgeführt wurde.
In der nächsten Stunde hatten wir Mädels Heilkunde, wo wir verschiedene Pflanzen durchgingen und Cameron unser Grundwissen prüfte. Da waren dann übrigens auch die Mädchen aus Zaall bei wie Ariella. Antonia hatte ja im dunklen Bereich der Schule Unterricht.

Dann hatte ich die erste Stunde Sternenmagie. Nach der Nachmittagspause ging ich allein in den Klassenraum zurück. Cameron wartete schon auf mich und ich setzte mich in die erste Reihe. Die leeren Stühle neben und hin-ter mir. So wirkte der Raum recht kahl.
„Na, hast du dich gut eingelebt?“, fragte er mich zu-nächst zum Einstieg unseres Unterrichts.
„Ja schon, aber das Schloss ist ja riesig und ich hab bisher erst einen winzigen Teil davon gesehen“, erzählte ich ihm. Das Schloss war vor allem auch weitläufig. Ich bezweifelte, dass ich in den vier Jahren, die ich hier war, alles sehen würde.
Cameron lächelte mich verständnisvoll an. „Du wirst unser schönes Schloss schon noch kennen lernen. Schließlich wirst du eine Weile hier sein. Früher gehörte es den Sternen und zu unserer Welt. Es gab eine Zeit, da da war ich sehr viel hier, Das war lange bevor es zu einer Schule wurde.“
„Du klingst traurig“, stellte ich fest. Tatsächlich klang er eher träumerisch. Als wäre er weit weg. Es lag ir-gendwie eine traurige Sehnsucht in seiner Stimme.
„Ja, diese Zeit liegt sehr lange zurück und sie fehlt mir. Ich bin alt, Mia, und ich habe viel erlebt. Mein größter Wunsch ist es, eines Tages wieder mit Nike zusammen zu sein. Ich hab ihr Gesicht so lange nicht mehr gesehen.“ Er schüttelte mit dem Kopf, um sich in Erinnerung zu rufen, wo er eigentlich war. „Entschuldige, du kennst mich kaum und ich sollte dir das nicht erzählen. Ich fühle mich nur oft so einsam und du erinnerst mich so sehr an meine Lilien.“
„Nein, ist schon ok.“, versicherte ich ihm. „Ich finde du siehst gar nicht alt aus.“ Tatsächlich sah er eher aus wie Anfang fünfzig, wie er da so lässig mit seinen blon-den Haaren an dem Schreibtisch lehnte.
Er lachte herzlich. „Oh, vielen Dank, das ist sehr nett von dir. Aber beschäftigen wir uns doch lieber mit der Sternenmagie. Kannst du dir was darunter vorstellen?“
„Nicht so richtig, aber ich glaube meine schimmernde Haut gehört dazu.“, bemerkte ich. Sie hatte nämlich nicht wieder aufgehört zu schimmern.
„Oh ja, das stimmt. Nike hatte das auch. Allerdings kam das Schimmern bei ihr nur nachts. Bei dir ist es im-mer da, oder?“, vermutete Cameron.
„Allerdings.“, bestätigte ich leicht genervt. Cameron zeigte ein leichtes Grinsen, wurde dann aber wieder ernst.
„Du kannst es kontrollieren. Ich kann dir zeigen, wie es geht. Im Laufe der Jahrhunderte hab ich viel über die Sternenmagie gelernt und auch über das Schimmern auf der Haut. Deine Mutter hatte es zum Beispiel auch und ich hab ihr ebenfalls erklärt, wie sie es kontrollieren kann.“
Erleichtert sah ich ihn an. „Das wäre lieb. Es stört mich schon etwas, wenn ich nachts leuchte wie ein Glühwürm-chen.“
„Dann wird das unsere erste Lektion sein, Mia. Sternenmagie ist vielseitig und kann so ziemlich alles sein. Ich versuche dir ca. das beizubringen, was ich deiner Mutter gelehrt hab.“, versprach er mir. „Allerdings ist es manchmal vielleicht auch sinnvoll, das Schimmern zu zeigen.“
„Wie ist meine Mutter so? Ich kenne sie ja kaum.“, fragte ich ihn nun. Cameron kannte sie. Vielleicht konnte er mir mehr über sie erzählen.
„Sie ist toll. Du wirst sie lieben. Sie hat viel von ihrer Tante Corly, die wohl immer so eine Art Vorbild für sie war, aber sie kann auch sehr eigensinnig sein. Ich war dabei, als sie dich weggeben musste, und das war das Schwerste, was sie je getan hatte. Es gab leider damals keine andere Möglichkeit. Wir standen kurz vor einem Krieg. Das Einzige was deine Eltern tun konnten, um ihn zu verhindern war, in eine andere Welt zu flüchten.
Etwa. fünfzig Jahre zuvor hatten sie das Sternenschloss in die Schule verwandelt, zusammen mit anderen und wussten somit, wohin sie flüchten würden. Aller-dings konnten sie nicht direkt zur Schule, denn die war in unserer Welt zu bekannt.“
„Und mich ließen sie zurück“, bemerkte ich fast bitter.
„Sie mussten es“, verteidigte Cameron das Königspaar. „Besonders Linnie hat deswegen sehr gelitten.“
Ich nickte nur. War ich wirklich böse auf meinen Eltern? Ich hatte es doch immer gut bei Jonael und Luciana. Wä-re ich lieber mit ihnen in einem Versteck aufgewachsen? Vermutlich nicht.
„Ok. Ich denke wir hören an dieser Stelle für heute auf. Genieß deine Freizeit. So viel hast du ja davon im Schloss nicht“, beendete Cameron sehr plötzlich den Un-terricht. Ich fand es schade, aber wir hatten demnächst ja noch viele Stunden vor mir.
„Danke, für den ganzen Extraunterricht, Cam.“
„Gerne.“, lächelte er.
Ich mochte ihn. Er wirkte ehrlich und wirklich sehr ritterlich. Cameron war mir wie gemacht für einen Hel-den.

Leinar hatte noch eine Stunde Sportmagie mit den Jungs aus Raubit und Zaall. Während ich um viertel vor vier frei hatte, war sein Unterricht erst um siebzehn zu Ende.
Diese Zeit hätte ich mit Sophann, Emma und Lily ver-bringen können. Ich glaube sie hatten davon gesprochen, dass sie sich im Tagesraum im Hauptgebäude treffen wollten. Aber ich wollte endlich mal wieder Zeit für mich alleine haben. Es war schön mit Leinar zusammen zu wohnen, aber seit ich hier im Schloss war, hatte ich kaum Zeit für mich gehabt. Also schnappte ich mir das Buch Seelen und legte mich aufs Sofa im Wohnraum der Suite. Ich war so in mein Buch vertieft, dass ich gar nicht bemerkte, wie Leinar reinkam. Ich war gerade bei der Stelle angekommen, wo Wanda Melanie half vor der Sucherin zu fliehen. Erst als Leinar mich sanft an der Schulter rüttelte, sah ich auf. Ich hatte mein Kapitel gera-de beendet.
„Hey“, begrüßte er mich. „Ich geh jetzt duschen. Wol-len wir danach einen Spaziergang ums Schloss rum machen? Ich bin, seit wir hier sind, nicht mehr draußen gewesen.“
„Klar Neal, gerne.“, nickte ich, legte das Lesezeichen an die Stelle, wo ich gerade war, und legte das Buch zur Seite.
Leinar grinste mich triumphierend an. „Du nennst mich immer noch Neal.“
„Oh!“ Nun, wo er es erwähnte, merkte ich es auch. Doch es war nicht schlimm. Ich würde ganz schnell wie-der auf Leinar umsteigen, wie ich mich kannte.
Dennoch bemerkte ich: „Tja, ich gewöhne mich wohl langsam dran.“
„Find ich super. Übrigens brauchen wir bei Cam in Sport keine Schuhe tragen.“, erklärte er stolz.
„Schön für dich.“ Ich schüttelte grinsend mit dem Kopf. Er und seine Schuhe. Das würde sich wohl nie ändern. Ich fand das ja irgendwie süß.
„Ok, ich bin dann weg.“, erklärte er mir und verschwand in den Gang, wo das Bad lag. sah ihm hinterher und schüttelte mit dem Kopf. Er schien gut drauf zu sein heute.
Ich lächelte in mich hinein und freute mich auf den Spaziergang mit Leinar. Vielleicht hatten wir beide das bitter nötig. Wir waren so selten draußen.