Kapitel 7 Dunkle Nacht

Hier bin ich, suche dich
Jeder Tag ohne dich ist ohne Hoffnung
Doch mit dir wird’s endlich hell in mir
Du bist das Licht in meinem Leben
Du allein gibst mir Kraft zum leben
Und die Welt ist wunderschön, wenn wir zusammen sind.

Starlight Exrpess – Du Allein

In der Nacht wachte ich davon auf, dass der Zug an-hielt. Anscheinend hatten wir jetzt Zaall erreicht. Der Feenstaub, der sonst den Zug, wie einen leichten Sternennebel umgab, war erloschen. Stattdessen schien das Mondlicht in den Raum, das Feuer im Kamin in der Ecke knisterte und strahlte ebenfalls warmes Licht in den Raum hinein.
Ich setzte mich leise auf und stellte fest, dass Leinar im Bett neben mir ebenfalls wach sein musste. Sein Bett war leer. Also stand ich und suchte den Raum nach ihm ab. Dass er auf dem Flur war, konnte ich mir nicht vor-stellen. Schließlich entdeckte ich ihn am hintersten Panoramafenster. Er saß auf der Fensterbank und starrte nach-denklich ins Mondlicht. Seine Haut wirkte so fast weiß.
Ich ging zögernd zu ihm, er bemerkte mich und sah mich an. Seine dunklen Augen leuchteten im Mondlicht. War das bei allen Feen so? Ich war bei Nacht sonst immer in meinem Zimmer gewesen.
„Darf ich …?“, fragte ich vorsichtig und leise und zeigte auf den Platz neben ihm.
„Ja“, antwortete er und diese zwei schlichten Buchsta-ben bereiteten mir eine Gänsehaut. Seine Stimme war einfach…
Wow! Anders konnte ich es nicht beschreiben. I-gendwie tief und rau, aber auch so sanft, dass ich mir sofort wünschte, ich könnte sie immer hören.
Ich setzte mich neben ihn und eine Weile schwiegen wir. Doch ich wollte mehr von ihm wissen, also fragte ich ihn: „Ich hab gehört, du sollst eher zurückhaltend und still sein. Das kann ich mir irgendwie gar nicht vorstellen. “
Ich wusste nicht, woher ich den Mut dazu hernahm, aber in der Nacht, wenn ich sein Gesicht nicht so deutlich sah, fiel es mir wohl leichter zuzugeben, was mich bewegte.
„Es wird viel über mich erzählt, aber dieses Gerücht ist sogar wahr“, bestätigte er. „Die Zauberfeen kommen und gehen, aber sie bleiben nicht. Dann halte ich mich doch lieber gleich von ihnen fern und erzähle ihnen so wenig wie möglich von mir.“
Das klang traurig. Dann fiel mir auf: „Du hast Jemanden verloren, der dir viel bedeutete. Vielleicht ein Mädchen, dass du gern hattest?“
Bei dem Gedanken verspürte ich leichte irrationale Ei-fersucht. Das war doch bescheuert. Ich kannte ihn kaum, aber wenn ich Recht hatte, hatte ich vermutlich auch keine Chance ihn besser kennen zu lernen.
Doch er schüttelte nur den Kopf. „Meine Mutter.“ Das klang so schmerzvoll, dass ich ihn am liebsten in meine Arme gezogen hätte, doch ich blieb einfach nur sitzen, wo ich war, ohne mich zu rühren.
„Wie denn das?“ Das wunderte mich doch. War sie gestorben? Das konnte doch der einzige Grund sein. Es rührte mich aber, dass er gerade mir so viel von sich er-zählte.
„Ab und zu brauchen sie Lehrer für die Menschenwelt, weil mit der Zeit immer mehr Schüler kommen. Meine Mutter war eine von denen, die sie holten, als ich zwölf Jahre alt war“, erzählte er.
„Dann wolltest du in die Menschenwelt“, riet ich.
„Ich hab sogar das Ergebnis beeinflusst, damit ich auf jeden Fall erwählt werde“, gab er zu.
„Wie das?“, fragte ich neugierig. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie das gehen sollte.
„Wir werden nicht durch Zufall ausgewählt“, erzählte er. Die meiste Zeit sah er ins Mondlicht, während er sprach. „Meist sind wir Kinder von wichtigen Personen oder wir haben besondere Fähigkeiten. Wenn man das weiß, kann man die Auswertung gut manipulieren.“
„Dann muss ich hier falsch sein. Ich hab weder das ei-ne noch das andere“, stellte ich fest. Seltsamerweise klang ich etwas enttäuscht. Dabei wollte ich doch nie in die Menschenwelt. Wieso war es mir plötzlich wichtig doch zu gehen?
Er zuckte nur mit den Achseln. „Vielleicht hast du ein großes Geheimnis, was du selbst nicht kennst.“
Ich runzelte die Stirn. „Und was soll das sein?“
„Weiß ich auch nicht. Ich weiß ja nichts über dich“, antwortete er. „Aber das wirst du bestimmt noch heraus finden.“
Mir fiel wieder ein, wie ich meinen Eltern beim Abschied versprochen hatte zu schreiben und dass sie skep-tisch gewirkt hatten deswegen. Hatte mein Geheimnis mit meinen Eltern zu tun?
„Dafür, dass du so still sein sollst, hast du mir aber ziemlich viel von dir erzählt“, stellte ich fest.
Zum ersten Mal sah er mir direkt in die Augen und schenkte mir sogar ein kleines Lächeln. „Bei dir fällt es mir auch irgendwie leicht. Ich weiß selbst nicht wieso. Irgendwie hab ich das Gefühl, ich könnte dir alles erzählen und dir trotzdem vertrauen. So was hab ich bisher noch nie bei Jemanden gespürt.“
Mein Herz machte ungefähr zehn ziemlich wilde Pur-zelbäume. War er mir deswegen aus dem Weg gegangen? Weil er Angst gehabt hatte sich mir zu öffnen?
„Vielleicht sollten wir solche Gespräche öfter führen. Dann bekommst du mehr Übung“, schlug ich hoffnungs-voll vor.
„Ja vielleicht ….“, antwortete er unbestimmt.
Dann setzte sich der Zug wieder in Bewegung. Ich weiß nicht, wie lange wir uns unterhalten hatten. Vielleicht etwa fünfundvierzig Minuten. Sobald der Feenstaub vor den Fenstern wieder einsetzte, wurden Leinar und ich sofort müde und legten uns fast automatisch in unsere Betten. Das Zeug schien wie eine Droge zu sein, vermutete ich. Die anderen waren aber nicht mal aufgewacht.
Auf jeden Fall hatten wir jetzt wohl neue Fahrgäste. Ich konnte mir vage vorstellen, wieso wir ausgerechnet Zaall in der Nacht erreicht hatten. Ich hatte mal gehört, dass Zaall einer der Städte war, die die Nacht zum Tag machten. Sie lebten im Dunklen und schliefen im Hellen. Für die Bewohner von Zaall war es jetzt vermutlich etwa vierzehnUhr Nachmittags.
Mit diesen Gedanken im Kopf schlief ich ein und wachte am nächsten Morgen traumlos auf.